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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.08.2014

Bundesliga-ClubsFreiburg-Coach wünscht sich mehr "Chancengleichheit"

Christian Streich befürchtet zunehmenden Verdrängungswettbewerb

Moderation: Dieter Kassel

Christian Streich, Trainer vom SC Freiburg (picture alliance / dpa)
Christian Streich, Trainer vom SC Freiburg, wünscht sich, dass externe Sponsoren in der Bundesliga keine so große Rolle spielen wie in England. (picture alliance / dpa)

Im englischen Profifußball spielen Milliardäre eine große Rolle für den Erfolg. Bundesliga-Trainer Christian Streich fürchtet, dass auch in Deutschland solche Verhältnisse einkehren, wenn reiche Leute oder Konzerne die Vereine übernehmen.

Dieter Kassel: Deutschland ist bester Fußballlaune. Wir sind Weltmeister, und morgen startet die Bundesliga in die neue Saison. Da spielt allerdings in der zweiten Liga ein neuer Verein, der neu nicht ist, aber neu in der zweiten Liga und dessen Aufstieg manchen aufstößt. RB Leipzig heißt offiziell "Rasenballsport Leipzig", man kann aber auch "Red Bull Leipzig" sagen, denn der Verein gehört mehrheitlich einem österreichischen Energy-Drink-Hersteller. Christian Streich ist der Trainer des SC Freiburg und sieht in der Entwicklung einen Trend, der ihm nicht so richtig gefällt. Deshalb wollen wir jetzt mit ihm reden. Hallo, Herr Streich!

Christian Streich: Guten Tag!

Kassel: Erkennen Sie in so einer Entwicklung wie bei diesem Verein RB Leipzig einen Trend, der sich vielleicht in ganz anderer Art und Weise auch bei anderen Mannschaften in der Liga zeigt und mit dem Sie Probleme haben?

Streich: Es ist grundsätzlich so, dass es natürlich in Deutschland viele Vereine gab und das jetzt weniger wird, die aus sich selbst heraus sich finanzieren und über ihren Erfolg dann die Berechtigung haben, in gewissen Ligen zu spielen oder dann, wenn sie Misserfolg haben, einfach die Zeche bezahlen müssen gewissermaßen, und dann weiter unten spielen. Und wenn natürlich von extern Vereine derartig gesponsert werden, dass die Schere immer weiter aufgeht, dann ist es schwierig für solche Vereine, dann gute Arbeit, die dann trotzdem gute Arbeit leisten, dass sie dann auch sportlich ihren Lohn dafür bekommen.

England als abschreckendes Beispiel

Kassel: Nun ist aber doch, Herr Streich, einfach der Trend, dass es Vereine gibt in der Bundesliga, in der ersten wie in der zweiten, die viel Geld haben, woher auch immer es kommt, und Vereine, die weniger Geld haben – der ist doch nicht neu, den gibt es doch im Prinzip seit Jahrzehnten.

Streich: Der ist nicht neu, aber wenn Sie zum Beispiel nach England schauen, hat sich das natürlich in den letzten Jahren doch wesentlich verändert. Es gibt sehr, sehr viele Vereine auch in England, die von Milliardären gesponsert werden, die keinen besonders engen Bezug zu den Vereinen haben, sondern einfach diese Vereine sponsern. Dass sie ihr Geld anlagen beziehungsweise dann in den Medien sind, um ihren Namen dann dort vorzufinden. Und da wird wahnsinnig viel Geld reingebuttert in Vereine. Und andere Vereine haben dieses Geld einfach nicht in dieser Form. Ohne dass sie sehr gut wirtschaftlich arbeiten. Also wir oder Mainz oder andere Vereine, Freiburg, Mainz, ich könnte auch andere Vereine nennen, haben nur dann Erfolg und haben wirtschaftliche Möglichkeiten, wenn sie sich die erarbeitet haben.

Kassel: Aber liegt darin nicht auch eine Chance? Ich meine, Geld kann ja auch faul machen. Wenn ein Verein – wir sehen das ja auch international, Sie haben England erwähnt, das gilt natürlich auch für Spanien, Italien, andere Länder in den jeweils obersten Ligen –, wenn ein Verein so viel Geld hat, dass er sich einfach jeden guten Spieler der Welt kaufen kann, das kann doch, was Trainingserfolge, was Nachwuchsförderung angeht, auch ein Nachteil sein, weil es einfach sehr faul macht.

Streich: Das stimmt. Ich weiß nicht, ob das dann faul macht, aber auf jeden Fall ist es so, wenn man dann weiß, Geld kommt eh wieder, dann kann es auch ein bisschen unvorsichtig machen und nachlässig. Das finde ich auch, und das hat dann nicht unmittelbar was mit Qualität der Arbeit zu tun. Aber es ist ja dann so in der Regel, bei solchen Vereinen wird dann das Personal kurzfristig ausgewechselt und es kommen die Nächsten, und dann wird wieder das Geld zur Verfügung gestellt. Wir wollen einfach, wenn wir so arbeiten, wie wir bis jetzt gearbeitet haben, einfach eine Berechtigung haben, in der Bundesliga zu spielen. Und wenn dann immer mehr Vereine kommen, die von Externen derartig hoch gesponsert werden, wird es dann einfach so sein, dass irgendwann, wie es denn schon tendenziell in England ist, nur noch Vereine sind, die von irgendwelchen Menschen, die sehr viel Geld haben, gesponsert werden. Und wie man in England sieht, heißt das aber nicht immer, dass dann zum Beispiel die Nationalmannschaft Erfolg hat. Weil die Nationalmannschaft hat deshalb Erfolg, weil nachhaltig im Jugendbereich gearbeitet wird, wo man ja weiß, wo nicht so viel Geld drin ist.

Nationalmannschaft und Vereine lernen voneinander

Kassel: Aber wo Sie jetzt schon in diese Richtung gegangen sind, wenn wir an die großen Erfolge von – das darf man nicht vergessen – zwei deutschen Nationalmannschaften in diesem Jahr mal denken: Weltmeisterschaft natürlich in Brasilien, U19-Europameisterschaft in Ungarn, die Deutschland ja auch gewonnen hat. Kann man denn aus der Arbeitsweise bei solchen Nationalmannschaften, die ja sehr erfolgreich ist, was lernen für die Arbeitsweise in der Bundesliga?

Streich: Man steckt da ja nicht drin, man ist ja nicht nahe genug dran, aber es ist so, wenn man jetzt das verfolgt hat, wie das thematisiert wurde, dieser Mannschaftsgeist dieser Mannschaft oder die Mertesacker-Aussagen, ich meine, da exemplarisch dafür, dass er sich da aufgeregt hat, berechtigterweise nach dem Algerien-Spiel, und dann nachher auch, wie er auf der Bank gesessen ist und sich als vollwertigen Teil der Mannschaft gesehen hat. Ich denke, dass das immer ein Geben und ein Nehmen ist, dass auch Nationalmannschaften ganz viel von dem lernen können, was in Vereinen passiert im positiven Sinne. Und dann ja auch wieder andersherum, aber es geht ja immer darum, wie viel sieht man von den internen Prozessen, und da weiß man natürlich nicht so viel, wenn man nicht dabei war, von daher – sicherlich kann man dann – also Rahmenbedingungen sieht man, wie jetzt das, was ich gesagt habe, mit Mertesacker, und wie die Mannschaft dann auch, wenn sie ein Tor geschossen hat, wie sich die Leute auf der Bank verhalten haben. Da hat man halt gemerkt, dass ein sehr guter Teamgeist vorhanden ist.

"Ein größeres Maß an Chancengleichheit"

Kassel: Blick in die Zukunft zum Schluss – keine Angst, ich frage Sie nicht, wer Deutscher Meister wird in dieser Saison, dazu ist es zu früh. Aber Blick in die Zukunft, was Ihre Befürchtungen angeht, dass ähnlich wie in England auch in Deutschland viele Mannschaften irgendwelche Geldgeber haben könnten, die sich gar nicht wirklich für den Sport interessieren. Sehen Sie denn diese Gefahr wirklich für die Bundesliga in absehbarer Zeit?

Streich: Ja, also sicherlich ist es so, dass der Fußball ein riesiger Markt ist und da wahnsinnig viel Geld umgesetzt wird. Und da, wo viel Geld umgesetzt wird und viel Geld im Umlauf ist, das interessiert einfach oft Leute, die dann auch schon viel Geld haben oder viel Geld haben wollen. Das sehe ich auf jeden Fall, habe ich auf jeden Fall meine Bedenken. Und dann ist es noch so: Nicht nur ist viel Geld im Umlauf im Fußball, sondern man ist dann auch ständig in den Medien, und das ist einfach auch für viele Menschen enorm lukrativ, oft in den Medien genannt zu werden und über die Bildschirme in die Wohnzimmer transportiert zu werden. Von dem her sehe ich die Gefahr durchaus, ich weiß aber nicht, wie man das dann wirklich regulieren könnte, dass es ein größeres Maß an Chancengleichheit gibt. Da müsste man sich dann wirklich richtig Gedanken machen, und dann müssten viele Leute die Köpfe zusammenstecken und sich das dann überlegen. Aber wünschenswert wäre das.

Kassel: Dann hoffen wir doch gemeinsam, dass Ihre Anmerkungen zu dem Thema vielleicht dazu führen, dass genau das passiert, dass viele möglichst kluge Köpfe sich zusammenstecken. Herr Streich, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen natürlich am Wochenende erst mal ganz normal beim Spiel viel Erfolg. Das ist ja erst mal das Wichtigste. Danke Ihnen!

Streich: Danke vielmals! Tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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