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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.06.2009

Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert "Kripo 2.0"

Vorsitzender Jansen braucht mehr Polizisten zur Bekämpfung von Online-Kriminalität

Klaus Jansen im Gespräch mit Birgit Kolkmann

Kriminalität beginnt mit Tastenkombinationen (Stock.XCHNG / Brad Martyna)
Kriminalität beginnt mit Tastenkombinationen (Stock.XCHNG / Brad Martyna)

Für mehr Personal zur Bekämpfung von Internet-Kriminalität hat der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Klaus Jansen, anlässlich der heute beginnenden Frühjahrstagung der Länder-Innenminister plädiert. Notwendig seien "internetaffine" Ermittler, die sich im Internet so verhielten wie Jugendliche.

Birgit Kolkmann: Tatort Internet, das war eines der wichtigen Themen, das verhandelt wird beim Innenministertreffen in Bremen. Wie gut sind die Ermittler im Netz, wollen wir fragen.

Wir sind verbunden mit Klaus Jansen, dem Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Schönen guten Morgen, Herr Jansen!

Klaus Jansen: Guten Morgen, Frau Kolkmann!

Kolkmann: Mehr als die Hälfte der 500 Millionen EU-Bürger benutzen das Internet regelmäßig. Die Kriminellen sind natürlich auch dabei. Wie reagiert die Polizei darauf?

Jansen: Ja, die Polizei muss sich damit abfinden, dass regelmäßig das, was sie tut, an der nationalen Landesgrenze endet. Also wenn Sie ein Verfahren haben, wo Sie mitbekommen, dass ein Server, von dem zum Beispiel Kinderpornografie aus vertrieben wird, in irgendeinem Nachbarland steht, dann müssen Sie in dem Augenblick sich mit dem Land in Verbindung setzen, das nennt man internationale Rechtshilfe. Das dauert Wochen, bis dort die Antwort im Einzelfall kommt. Und bis Sie dann die Antwort haben, ist der Server im Zweifelsfalle natürlich schon längst wieder umgezogen.

Das heißt, wir haben eigentlich gar keine Chance, an den Täter heranzukommen. Das, was für den Bürger wirklich eine gute Möglichkeit ist, sich anders und neu zu informieren, ist für Kriminelle fast ein Selbstbedienungsladen.

Kolkmann: Wie schnell müsste das denn eigentlich gehen?

Jansen: Wir Fachleute brauchen in solchen Situationen, um Spuren aufzunehmen zu können, um überhaupt feststellen zu können, wo wird der Computer betrieben, von dem aus irgendwelche Straftaten beginnen, wir bräuchten tatsächlich eine Rechtshilfe, eine Kooperation international in Echtzeit.

Diesen Tatort Internet nennen wir auch flüchtigen Tatort. Also, entweder sind die Spuren da und Sie haben die Chance, an den Täter ranzukommen und den Opfern zu helfen, oder die Spuren sind weg. Das ist natürlich eine ganz andere Vorgehensweise als das, was wir aus der realen Welt bisher kennen.

Kolkmann: Was meinen Sie mit Echtzeit? Also wie schnell müssen Sie sein, also wie viele Stunden oder Tage brauchen Sie, damit Sie da zum Beispiel den Betreiber eines Servers dann finden?

Jansen: Das Identifizieren, wo der Betreiber eines Servers ist, das ist nicht das Problem, das wird Ihnen technisch mitgeteilt über die Struktur des Internets. Wenn Sie dann allerdings dieses in ein internationales Rechtshilfeersuchen umsetzen, dann über die entsprechenden Behörden im eigenen Land an die Behörden im Ausland übermitteln müssen, allein dieser Übermittlungsweg ist hoch aufwendig, dauert Tage bis zu Wochen.

Ich selber kenne das aus einem Verfahren, wo unser eigener Server vom Bund Deutscher Kriminalbeamter zerschossen wurde. Wir haben mehr als sechs Monate auf eine Antwort aus der Türkei gewartet, die letztendlich uns mitgeteilt hat, ja, der Server ist aber mittlerweile abgeschaltet, Spuren sind nicht mehr zu finden.

Das kann man wegstecken vielleicht als Gewerkschaft. Als Bürger bin ich aber der Meinung, dass ich darauf vertrauen muss, dass der Staat, dass die Polizei mir da helfen kann, wenn ich in Notsituationen bin, wenn ich geschädigt werde. Und das ist eindeutig so nicht der Fall.

Kolkmann: Welche neuen Formen von Kriminalität gibt es denn im Netz? Reicht das Spektrum vom Betrug bis Terrorismus?

Jansen: Also das ist ein ganz anderes Spektrum, was den Bürger, glaube ich, viel, viel mehr betrifft. Also es geht eigentlich erst einmal darum, wie man im Internet miteinander umgeht, das - würde ich mal sagen - sozial abweichende Verhalten in irgendeiner Form. Das ist aber so ein fließender Übergang.

Wenn Sie zum Beispiel sehen, dass junge Mädchen - ich habe selber eine 16-jährige Tochter -, wenn die sich in irgendeinem interessanten Chatroom abgesichert aufhält und wird dort von älteren Männern dann in irgendeiner Form angesprochen - sie erkennt das gar nicht, das ist vielleicht im Internet ein 17-Jähriger, der sich interessant irgendwie gibt -, da kommen Pädophile möglicherweise in Kontakt mit Kindern auf eine ganz andere Art und Weise, verabreden sich dann, irgendwann ist die Neugier groß, zu Treffen in der realen Welt. Und dann kommt es zu Straftaten, die sich so nicht hätten anbahnen können. Und wir haben da in Deutschland schon mehrere Fälle zu gehabt. Das ist also eine Form.

Es werden Identitäten geklaut. Das heißt, Sie geben irgendetwas von Ihrer Person frei. Die einzelnen Dinge, die Sie freigeben, können genutzt werden, um wirtschaftlich zu handeln in Ihrem Namen, wird bei irgendwelchen Versandhäusern was bestellt.

Oder wenn Jugendliche unterwegs sind, die laden sich tolle Klingeltöne runter. Das ist ja heutzutage mit Handys durchaus die Regel, damit macht man sich auch interessant. Es ist nur irgendwie ärgerlich, wenn der Klingelton nie geliefert wird, das heißt, von Anfang an hier der Jugendliche betrogen wird. Das ist so die Alltagskriminalität, die in, ich würde sagen in millionenfacher Form jährlich in Deutschland stattfindet, allerdings in Kriminalstatistiken derzeit noch nicht aufscheint, weil Geschädigte gar nicht zur Polizei gehen, weil Geschädigte der Meinung sind, sie hätten vielleicht selber was falsch gemacht.

Also ich glaube, da kommt was auf uns zu, und wir sollten uns da sehr darauf vorbereiten.

Kolkmann: Und Terrorismus spielt natürlich auch eine Rolle. So soll ja zum Beispiel in Terroristencamps geradezu gezielt ausgebildet werden, um im Netz tätig zu werden. Ist das richtig?

Jansen: Ja, also es ist so, dass natürlich die Kommunikationsmöglichkeit, über Grenzen an Polizei, an Grenzkontrollen vorbei sich miteinander auszutauschen, auch genutzt wird gerade in dem Feld. Also wir sprechen beim Internet auch von einer Universität des Terrors. Zunehmend können Sie gezielte Handlungsanweisen, Trainingsanweisungen, wie Sie sich vorbereiten müssen, um einen Terroranschlag zu begehen, nicht nur jetzt in arabischen Sprachen, sondern - ganz, ganz schwierig - in den Sprachen, die für Deutschland wichtig sind [finden].

Also zunächst für unsere türkische junge Gemeinde in Deutsch werden diese Botschaften herausgebracht mit Bildern, fantastisch unterlegt, wie so ein Werbespot bei MTV, auch die Kraft der Bilder geht in die Köpfe von Jugendlichen. Ja, und wir gucken zu, denn wir haben dort keine Möglichkeit einzugreifen, und das halte ich für fatal.

Kolkmann: Brauchen Sie neue Spezialisten, einen neuen Typ Kriminalbeamten?

Jansen: Genau das ist es. Wir sprechen jetzt eigentlich davon, dass wir eine Kriminalpolizei 2.0 analog zu Web 2.0 brauchen, und das ist eine Sache, die auch...

Kolkmann: Avatare.

Jansen: Ja, nein, wir müssen im Zweifelsfalle auch in dem Bereich unterwegs sein, also das ist auch eine rechtliche Frage, ob Sie als Kriminalbeamter in dieser Scheinwelt mit verdeckten oder mit falschen Namen unterwegs sein können, ob Sie Scheinkäufe von Kinderpornografie durchführen, ob Sie mit Kinderpornografie handeln können.

Das sind alles Fragen, die ich mir eigentlich auch bei der Innenministerkonferenz beleuchtet haben wollte. Einfach nach rechtlichen Regelungen zu fragen, greift viel zu kurz. Wir haben dort einen Phänomenbereich, der zusätzlich zur Arbeit, die wir bisher leisten, auf uns zukommt. Wir brauchen also zusätzliches Personal, was in der Lage ist, sich im Internet so zu verhalten, wie es die Jugendlichen, wie es die Straftäter tun. Wir brauchen internetaffin, nennt man das, Ermittler, die auch in der Lage sind, international rechtliche Voraussetzungen entsprechend zu kennen, unterschiedliche Sprachen vielleicht kennen.

Diese Internetsprache, wie junge Menschen untereinander reden, ist ja durchaus unterschiedlich von der in der realen Welt. All das ist eine Herausforderung. Diese Bestandsaufnahme, die müssen wir dringend zusätzlich machen, weil der Bürger ansonsten auf eigene Gefahr im Internet unterwegs ist. Denn Polizei ist dort nicht präsent.

Kolkmann: Vielen Dank, Klaus Jansen! Der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter zum Tatort Internet. Ihnen noch einen schönen Tag.

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