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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.02.2009

Bürgerliches Lager - ein politischer Kampfbegriff

Von Peter Pragal

Eine Einteilung der Bevölkerung in Lager macht keinen Sinn mehr. (AP)
Eine Einteilung der Bevölkerung in Lager macht keinen Sinn mehr. (AP)

Seit der hessischen Landtagswahl hat der Begriff Konjunktur. Ob in Talkshows oder Leitartikeln - das "bürgerliche Lager" beschäftigt die Fantasie von Politikern und Journalisten. Mitglieder und Anhänger der Unionsparteien wünschen sich "bürgerliche Mehrheiten". Freidemokraten setzen auf CDU und CSU als "bürgerliche" Partner. Und Medienleute benutzen diese Schlagworte, als sei es selbstverständlich oder von Gott gegeben, dass nur Konservative und Liberale Anspruch auf die Bezeichnung bürgerlich haben.

Mit welchem Recht wird der gelernte Werkzeugmacher Norbert Blüm zu den bürgerlichen Politikern gezählt, der ehemalige kaufmännische Angestellte Franz Müntefering aber nicht? Wieso trägt der einstige Müllermeister Michael Glos das Etikett bürgerlich, während es dem Diplom-Volkswirt Peer Steinbrück verwehrt wird? Wenn er das Gerede vom sogenannten bürgerlichen Lager höre, hat der Sozialdemokrat Kurt Beck einmal gesagt, dann frage er sich: Was bin denn ich für einer? Ein Ausgebürgerter? Ein Unbürger? Da haben die Leute im Saal gelacht. Verständlich. Denn wer käme dem Bild eines bürgerlichen Politikers von Typ und Lebensart her näher als der rheinland-pfälzische Ministerpräsident.

Historisch lässt sich die begriffliche Unterscheidung erklären. Als Bourgeois galt ein Mensch, der im Gegensatz zum Proletarier sein Einkommen nicht aus lohnabhängiger Arbeit bezog. Im 19. Jahrhundert grenzten sich konservative, liberale und konfessionelle Parteien von den Arbeiterparteien ab. Das galt auch noch für das frühe 20. Jahrhundert und für die Weimarer Republik. Aber heute taugt die Definition nicht mehr. Die meisten SPD-Mitglieder sind keine Arbeiter, sondern Akademiker und Angehörige des öffentlichen Dienstes. Wer bei den Grünen organisiert ist oder sie wählt, zählt in der Regel nicht zu gesellschaftlichen Außenseitern, sondern zum gehobenen Mittelstand. Und auch der Besitz ist - anders als früher - kein Kriterium für die Vergabe des Prädikates bürgerlich. In materiell gesicherten Verhältnissen, einschließlich Immobilienbesitz und Sparguthaben, leben heute Menschen quer durch das politische Spektrum.

Mit dem Wort "bürgerlich" lässt sich in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern keine Gesellschaftsschicht mehr definieren. Wohl aber verbinden sich mit dem Begriff Haltungen und Werte, wie Eigenverantwortung und Freiheit, Selbstbestimmung und Gemeinschaftssinn. Darauf haben Christ- und Freidemokraten jedoch kein Monopol. Gewiss gibt es in der politischen Grundhaltung der Parteien Unterschiede. Konservative, Sozialdemokraten und die Linke plädieren in der Regel für einen starken Staat. Liberale setzen mehr auf Selbstregulierung und Beschränkung der politischen Herrschaft. Bei den Grünen gibt es Anhänger für beide Richtungen. Auch das zeigt nur, wie unsinnig es ist, von einem bürgerlichen Lager zu reden.

In der Demokratie sind wir alle Bürger, egal ob wir Nadelstreifenanzüge oder blaue Arbeitskittel tragen. Deshalb sollten Politiker und Journalisten aufhören, von den bürgerlichen Parteien und vom bürgerlichen Lager zu reden. Der Begriff steht für Ausgrenzung, für Ideologie und für Überheblichkeit. Er diffamiert politische Mitbewerber. Und er wird der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht gerecht. Bedienen wir uns der politischen Farben zur Unterscheidung. Schwarz-Gelb steht für eine Koalition von Union und FDP, Rot-Grün für ein Bündnis von SPD und Grünen. Es gibt, wenn auch bisher nur in Planspielen, die Ampel und die Jamaika-Koalition. Das reicht zur Orientierung. Den politischen Kampfbegriff "bürgerliches Lager" sollten wir aus unserem Vokabular streichen.

Peter Pragal, Autor und Freier Journalist, 1939 in Breslau geboren. In den 60er und 70er Jahren arbeitete er für die "Süddeutsche Zeitung", zuletzt als Korrespondent in der DDR. 1979 Wechsel zum "STERN", zunächst als Leiter des Bonner Büros, dann als Korrespondent in Ost-Berlin mit Zuständigkeit für mehrer Länder Ost-Mitteleuropas. 1991-2004 Politischer Korrespondent der Berliner Zeitung. Mit-Herausgeber des STERN-Buches "40 Jahre DDR".

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