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Studio 9 | Beitrag vom 13.02.2015

Bürgerforum"Berlin kann Olympia" - doch der Gegenwind ist stark

Von Wolf-Sören Treusch

(picture alliance / dpa / Gregor Fischer)
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) spricht auf dem Bürgerforum des Berliner Senats zur Olympia-Bewerbung. (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)

Berlin kann Olympia - das wird der Regierende Bürgermeister Müller nicht müde zu betonen. Doch wollen die Berliner auch Olympia? Die erste öffentliche Diskussionsrunde darüber gab Antworten. Vor allem die Gegner haben ihrem Ärger Luft gemacht.

"Gegen Olympia in Berlin, dafür sind wir heute demonstrieren."

Dreizehn Olympiagegner stehen vor dem Versammlungsort in Berlin-Mitte und halten Plakate in den kalten Nachthimmel. Auf ihnen ist zu lesen: "Bildung statt Olympia", "keine steigenden Mieten" oder ganz einfach "Sex statt Olympia".

Drinnen haben sich weit über zweihundert Berlinerinnen und Berliner versammelt. Sie sind der Einladung des Senats gefolgt. "Was will Berlin" lautet der Titel der Veranstaltung - es ist das erste von mehreren angekündigten Bürger-Foren zum Thema Olympia.

Zur Einstimmung gibt es eine kurze TED-Umfrage. Zwei Drittel der Anwesenden sind tendenziell für, ein Drittel gegen Olympia. Dann spricht Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Er hebt zunächst hervor, wie wichtig ihm die Nachhaltigkeit einer Olympia-Bewerbung ist.

"In unserem Konzept spielt die entscheidende Rolle die Frage: Kriegen wir das gemeinsam mit der Stadtgesellschaft hin, unsere Infrastruktur so auszubauen, dass die Berlinerinnen und Berliner nicht für vier oder sechs oder acht Wochen was davon haben, sondern nachhaltig davon profitieren, eben von einem besseren Verkehrssystem, ... Lassen Sie mich doch kurz aussprechen, dann haben Sie das Wort. Ist doch das Beste. Das Beste ist doch wirklich, wenn man die Argumente austauscht. Ich sage doch: Wir sind heute hier, um Ihre Argumente zu hören, aber es muss doch auch ..."

"Das ist doch Quatsch, was du da erzählst", ruft eine offensichtlich genervte Olympiagegnerin dem Bürgermeister zu. Es geht gleich zur Sache. Immer wieder wird die Rede von Michael Müller auf diese Art gestört, er selbst versucht cool zu bleiben, wendet sich den Zwischenrufern immer wieder zu.

"Nein, ich höre mit der Werbeveranstaltung nicht auf, weil ich doch gerade gesagt habe, ich möchte, dass beide, dass beide Meinungen ihre Berechtigung haben, ..."

Die Spiele vom Gigantismus befreien

Behutsam, aber energisch geht der Regierende Bürgermeister auf die Störer ein, seine Rede bringt er dennoch zu Ende. Berlin verfüge bereits heute über gut ausgebaute Verkehrswege und ausreichende Hotelkapazitäten, sagt er, jetzt sei es wichtig, das Reformkonzept des IOC ernst zu nehmen, die Spiele vom Gigantismus zu befreien und genau dafür Berlin ins Rennen zu schicken.

"Ich glaube, wir können die Chancen, die darin liegen, die wirtschaftlichen, aber eben auch die kulturellen Chancen, die Chancen des Zusammenlebens zusammenführen. Und darum bitte ich Sie, zumindest - auch wenn sie es nach wie vor kritisch sehen - die Offenheit zu haben für diese Argumente, dass auch vor diesem Hintergrund eine Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele für unsere Stadt wichtig sein könnte. In diesem Sinne: viel Erfolg und viel Spaß bei der Diskussion. Vielen Dank."

Doch auch nachdem der Bürgermeister zu Ende geredet hat, beruhigen sich die Gemüter nicht. Die Unmutsbekundungen der Olympiagegner werden lauter. Auch sie dürfen ans Mikrofon - das gehört zum Konzept des Bürger-Forums.

"Also ich finde die Veranstaltung eine Unverschämtheit, das ist eine Farce, ich finde das total richtig, dass es hier gestört wird, das ist eine Werbeveranstaltung für die Olympischen Spiele, was man an dieser letzten Rede ganz deutlich gesehen hat, und ich bin nicht nur kritisch gegenüber den Olympischen Spielen in Berlin eingestellt, sondern ich bin absolut dagegen, in allen Städten, wo bisher Olympische Spiele ausgerichtet wurden, ist es stark bergab gegangen, das wollen wir alles nicht in Berlin. Das wollen wir nirgendwo, nirgendwo auf der Welt."

"Es gibt sehr viele Menschen hier in Berlin, die keine Knete haben. Immer mehr Menschen sind arm, immer mehr Menschen müssen Flaschen sammeln, immer mehr Menschen haben keinen Zugang zur Gesundheit. Die ganzen öffentlichen Daseinsleistungen werden immer teurer, Schwimmbäder usw. Und wir haben keinen Bock auf diesen Olympiascheiß, und wir werden ihn auch verhindern. Mahlzeit."

Neutrale Beobachter sind ratlos

Eine konstruktive Diskussion findet nicht statt. Jedes Mal, wenn es inhaltlich spannend werden könnte, wenn es um den möglichen Mehrwert und die Kosten für die Stadt gehen könnte, funken die Olympiagegner dazwischen. Fast ungehört bleiben die ehemalige Ausländerbeauftrage der Stadt, die sich für ein weltoffenes und tolerantes Berlin einsetzt und sich daher als Olympia-Befürworterin outet, und der Gewerkschaftsfunktionär, der gegen Olympia ist, weil die Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung nach den Sparmaßnahmen der letzten Jahre schon jetzt heillos überfordert sind. Die neutralen Beobachter sind ratlos.

"Ich muss mir doch zumindest mal ein paar Argumente anhören, dann kann ich mir sagen, 'okay, ich bin dagegen, weil' oder 'ich bin dafür, weil', aber wenn ich die halbe Zeit damit verbringe, dass ich erstmal hier Formalien kläre, ich finde es halt eine vergebene Chance."

Ergebnis nach mehr als drei Stunden wildem Geschrei und Diskussion: Berlin ist noch nicht reif für Olympia. Vor allem die Gegner haben Luft raus gelassen. Um die Berliner Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit Olympischer Spiele in ihrer Stadt zu überzeugen, bedarf es noch vieler Bürger-Foren. Vorerst gibt es nur einen Gewinner: Hamburg und seine Olympia-Ambitionen.

Mehr zum Thema:

Bewerbung für Olympia als Blog-Satire - Bei Nazi-Bildern hört der Spaß auf
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 11.02.2015)

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