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Rang I | Beitrag vom 18.03.2017

Bühnenkampf-Trainer Klaus FiggeDer König der Ohrfeigen

Von Michael Laages

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(imago / Drama Berlin)
Bühnenkampftrainer Klaus Figge erklärt Hamlet-Darsteller Bastian Semm bei den Bad Hersferlder Festspielen 2011 den Bühnenkampf. (imago / Drama Berlin)

Wie funktionieren Bühnen-Ohrfeigen? Und wie ficht man, dass es echt aussieht? Seit 1971 lehrt der Fecht- und Kampftrainer Klaus Figge Bühnenkampf an der Essener Folkwang-Universität. Michael Laages hat ihn in Hamburg getroffen.

Steffen Siegmund und Pascal Houdus, Rafael Stachowiak und Tim Porath kreuzen die Klingen und der Lehrer schaut zu. Gleich holt Klaus Figge auch noch Jens Harzer ins Feld, der Cyrano de Bergerac ist, der mit der störend großen Nase. Drei große Kampfszenen hat Figge choreografiert für Leander Haußmanns Inszenierung: Mit dem Wort und mit dem Degen wird gefochten. In Cyranos großer Ballade an die nasenbedingt hoffnungslos geliebte Roxane sogar mit Ansage:

"Er kündigt ja vorher an – wie viele Strophen, in welchem Rhythmus und so weiter... Insofern ist das die Herausforderung, die es für Fecht-Szenen auf der Bühne gibt."

Sprachbilder entsprechen Bewegungsbildern

Und hier wird ja nichts erfunden, etwa um der Effekte willen. Fast alles steht akkurat so im Text:

"Wenn er sagt: Deine Finten, die durchbrech' ich ... wär's ja sinnvoll, im Fechten Finten einzubauen. Oder: Dein Gefuchtel ist ne Schand'... Dann müsste man auch ein Gefuchtel sehen, wo Cyrano ausweicht."

Wort und Kampf also, wie es geschrieben steht...

"Da sollten die Sprachbilder, die Cyrano dichtet, den Bewegungsbildern entsprechen beziehungsweise auch umgekehrt; also dass, wenn er sagt: weg der Mantel, weg den Hut - dass man dann auch Bewegungsformen findet, die dem entsprechen."

Choreografie ist das – und in Theorie und Praxis genau so schwierig wie im Tanztheater:

"Jeder Schritt, jede Arm-, jede Beinbewegung muss genau festgelegt sein und genau so wiederholbar. Es muss manchmal eben sehr gefährlich aussehen, es kann aber auch Slapstick sein und komödiantisch – je nachdem, was man von der Regie vorgegeben bekommt und um welches Stück es sich handelt."

Fechter seit dem zehnten Lebensjahr

Mit dem unerhört munteren Ruhrpott-Jungen Figge taucht das Theater immer wieder ab in eine irgendwie andere Welt. Kaum vorstellbar, dass einst zu Shakespeares oder Racines Zeiten das Personal auf der Bühne vor Publikum spielte, das sich ja selber gegenseitig ab und an noch mit Degen, Säbel oder gar Schwert prügelte. Klaus Figge kam zum Fechten, als er zehn war und die Schule zu Hause in Essen einen Kurs anbot:

"Dadurch bin ich in den Fechtclub gekommen und habe das dann später an der Sporthochschule in Köln fortgesetzt. Man konnte Schwerpunkte bilden, und da habe ich Fechten auch genommen."

In der B-Jugend war er mal NRW-Meister, immerhin... Und natürlich ging er zum Fußball. Noch natürlicher war er (in Essen und bei Rot-Weiß!) Fan von Willi Lippens, den alle "Ente" nannten. Auch das hatte Folgen auf der Sporthochschule:

"Also diesen Fußballehrerschein bei Hennes Weisweiler – den habe ich zum Beispiel auch gemacht."

Das Finale: "Prügel für Dramaturgen"

Fast wäre Klaus Figge dann aber Pauker geworden für Sport und Geschichte – aber das Theater war stärker. Seit 1971 unterrichtet der Kampf-Professor nun an der Folkwangschule der Heimatstadt, Generationen von Regie-Talenten hat er nicht nur Fechten beigebracht:

"Bei den Ohrfeigen gibt's die unterschiedlichsten Möglichkeiten – die einfachste ist natürlich, es realistisch zu machen und zu schlagen. Man kann das aber auch faken über die Perspektive und über gleichzeitiges Abklatschen desjenigen, der die Ohrfeige erhält, zum Beispiel. Also da gibt's auch auf dem Theater einige Tricks, die über Ablenkung ähnlich wie bei Zaubertricks laufen."

Noch immer gehört all das zum festen Bestand der Ausbildung fürs Theater. Neulich, bei der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Hannover, hat Figge zum launigen Finale "Prügel für Dramaturgen" angekündigt.

Kleiner Fechtkurs für den Autor

Mich hat er zum kleinen Fechtkurs gebeten – und ich weiß ja nicht mal, wo die Finger hin gehören.

"Da müsste der Daumen hin, und jetzt machen wir mal ne einfache Übung. Wir machen wie beim Messerschärfen nur diese Abzieh-Bewegung – im Dreier-Rhythmus: Sixt/Quint/Sixt – und dann: Seconde. Und jetzt würde ich als erstes die Klinge senken, damit ich nicht gefährdet bin, und in Bauch- oder Herzrichtung die Bedrohung durchführen. Einmal machen wir's noch, damit Sie auch was gelernt haben heute. Und: Eins, zwei, drei, vier – rauswerfen und bedrohen!"

Da schaue ich den Profi-Fechtern heute abend gleich ganz anders zu.

Fazit

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