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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 23.05.2014

BühneIrrfahrt der Holocaust-Überlebenden

Die Geschichte der "Exodus" als Theaterprojekt

Von Michael Hollenbach

Die Schauspieler Shaul Bustan, Gonny Gaakeer und Johanna Fülle der Künstlergruppe "Das Letzte Kleinod" proben in Emden eine Szene aus dem Theaterstück "Exodus". (dpa / picture alliance / Wagner)
Die Schauspieler Shaul Bustan, Gonny Gaakeer und Johanna Fülle der Künstlergruppe "Das Letzte Kleinod" proben in Emden eine Szene aus dem Theaterstück "Exodus". (dpa / picture alliance / Wagner)

Im Sommer 1947 steuerten 4500 Holocaust-Überlebende auf dem Schiff "Exodus" Palästina an, wurden von den Briten aber abgefangen und zurück nach Deutschland geschickt. Ein Theaterprojekt bringt diese Odyssee jetzt an Originalschauplätzen auf die Bühne.

Noah Klieger hat Auschwitz überlebt. Der heute 87-jährige Israeli gehörte zu den Organisatoren der Überfahrt des Flüchtlingsschiffes Exodus von Marseille nach Palästina.

"Zu 95 Prozent waren das Überlebende. Aus allen Ländern Europas. Da waren Ultrafromme dabei. Da waren die sogenannten Freidenker. Da war alles dabei."

Als die Briten sie in Haifa abwiesen und gewaltsam zurückschickten, war das ein Schock.

"Man muss sich mal bitte vorstellen: Wir sprechen jetzt von August 1947. Noch keine zweieinhalb Jahre, nachdem diese Leute zu 99 Prozent aus deutschen Lagern kamen, hat man ihnen gesagt, ihr kommt wieder in Lager in Deutschland."

"Das ist kein Theaterstück. Wir spielen was Echtes"

"Das letzte Kleinod" ist ein norddeutsches Theaterprojekt, das seit mehr als 20 Jahren seine historischen Stücke an Originalschauplätzen inszeniert. Bei der Inszenierung der Exodus gehört die Berliner Schauspielerin Claudia Schwartz zum Ensemble.

"Wenn man draußen ist an dem Ort, dem Original-Schauplatz, dann hat schon dieser Ort eine unheimliche Stärke und auch in der Form es zu erzählen, und dadurch ist es noch mal was ganz Besonderes."

Das Ensemble hat das Stück vor vier Wochen in Israel gespielt - dort, wo die Exodus vor 67 Jahren von den Briten abgefangen wurde. In Haifa haben die Schauspielerinnen wie Sofia Schenkler vor der Aufführung auch mit Zeitzeugen gesprochen, die auf der Exodus waren.

"Nach den Treffen mit den Zeitzeugen hat man erst verstanden: Oh mein Gott, das ist alles so passiert. Das ist kein Theaterstück. Wir spielen was Echtes."

Gespielt wird auch die Szene, als die britischen Militärs die Passagiere in Hamburg von Bord treiben.

"220 Reporter waren dort gewesen. Die haben über die ganze Sache geschrieben. Die Welt war aufgewacht."

"Die Leute waren traumatisiert, die wurden vom Schiff geholt und in Güterwagen gebracht, die mit Stacheldraht abgesperrt waren", berichtet Jens-Erwin Siemssen, Autor des Stückes und Leiter des Theaterprojekts "Das letzte Kleinod".

Unterkünfte in Emden und Wilhelmshaven

Die jüdischen Vertriebenen kamen übergangsweise in das Flüchtlingslager Pöppendorf in der Nähe von Lübeck, erinnert sich die aus Polen stammende Holocaust-Überlebende Franja Friedman.

"Dort waren auch solche Baracken. Und dreißig Menschen waren in einer solchen Baracke. Und dort hab ich am 20.10.47 mein Kind geboren."

Was "nach Pöppendorf" mit ihnen geschah, blieb jahrzehntelang weitgehend unbekannt. Nun spielt das "Letzte Kleinod" an Hand von Augenzeugenberichten die Geschichte der Exodus bis zum Ende: bis zu den Unterkünften der rund 4000 Juden in Emden und Wilhelmshaven. Bei dem Projekt dabei ist auch die Emder Singgemeinschaft: Deren Mitglieder hatten zuvor nichts von den in ihrer Stadt gestrandeten Exodus-Passagieren gehört.

"Ich habe mal rumgefragt, kann sich keiner erinnern. Da weiß ich nichts von. Alle nichts mitgekriegt. Das sollte keiner wissen."

Viele der Holocaust-Überlebenden waren junge Frauen. 1947/48 kamen mehr als 50 jüdische Kinder in Emden und Wilhelmshaven zur Welt. Doch die Holocaust-Überlebenden misstrauten den britischen und deutschen Behörden:

"Sie haben sich alle falsche Namen und Geburtsdaten gegeben. Ich habe die kuriosesten Namen und Geburtsorte gefunden, aber es war klar, bei der Religion stand mosaisch. Das einzige Ziel war: Wir wollen nach Palästina. Und haben dann auch für sich überlegt: Wie können wir die Zeit hier in Emden gestalten und haben sich als Kibbuz Habbukeja eingerichtet."

Das berichtet die Historikerin Gesine Janssen.

"Sie haben sich in Emden darauf vorbereitet, dass sie das Land aufbauen, dass sie in Kibbuzime gehen werden, haben Unterricht gestaltet – vor allem in hebräischer Sprache."

Im Herbst 1947 waren rund 4000 jüdische Flüchtlinge nach Emden und Wilhelmshaven gekommen. Ein halbes Jahr später war die Hälfte von ihnen bereits unterwegs nach Palästina – die meisten mit Unterstützung der zionistischen Untergrundorganisation Hagana.

"Nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai war völlig klar, jetzt gibt es auch keine Beschränkungen mehr."

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