Seit 19:05 Uhr Konzert
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:05 Uhr Konzert
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.10.2015

Büchner-Preisträger Rainald GoetzDie Heiligkeit der Schrift

Von Ulrich Rüdenauer

Der Büchner-Preisträger Rainald Goetz, hier im November 2013.  (dpa / Daniel Maurer)
Der Büchner-Preisträger Rainald Goetz. (dpa / Daniel Maurer)

Ein radikaler Dichter, der die Grenzen zwischen Leben und Literatur bewusst verwischt: Rainald Goetz wird am Samstag mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Unser Feature beleuchtet sein Verständnis als Autor und seine Beziehung zum Text.

Seine Werke reflektieren immer wieder das, was für Rainald Goetz am wichtigsten scheint: Kommunikation, Schreiben, Schrift. Die Bücher von Rainald Goetz sind durchzogen von poetologischen Passagen. Der Autor spricht vom "Mitschreiben mit der Wirklichkeit", von der "Heiligkeit der Schrift" – und davon, dass es Erlösung nur im Text gebe.

"Ein Riesenprotest gegen das literarische Leben"

Berühmt wurde der 1954 in München geborene Goetz mit seinem ersten öffentlichen Auftritt, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1983. Während seiner Lesung ritzt er sich mit einer Rasierklinge die Stirn auf. Der Skandal ist perfekt: Juror Walter Jens wird kreidebleich und schreit nach einem Sanitäter. Marcel Reich-Ranicki jedoch verbleibt in der Kritikerrolle, nimmt sich des Textes an – und erkennt die Leistung des Autors:

"Was ist das: ein ungeheurer Wutausbruch mit einer Provokation nach der andern. Es ist ein Riesenprotest gegen das literarische Leben (...). Natürlich, in diesem Protest und mit diesem Protest gegen das literarische Leben entlarvt sich Rainald Goetz als ein typischer Literat. Haben wir es mit einer literarischen Leistung, fragte ich, zu tun. Ich antworte: ja."

Michael Rutschky, ein enger Freund Goetz', entlarvt die Aktion jedoch später als geschicktes Manöver des Autors:

"Und das war ja auch lustig bei Klagenfurt, dass eigentlich die Kritiker und die Reporter dachten, das ist ein persönlich hochgefährdeter Mensch, der also diese dramatische Blutaktion aus inneren, quasi pathologischen Gründen machen muss. Dass das ein kalkulierter Akt war, das taucht – wenn Sie lesen, was darüber geschrieben worden ist – nicht auf."

Der promovierte Mediziner und promovierte Althistoriker Goetz, das "Enfant terrible" der deutschen Gegenwartsliteratur, wird im Laufe seiner Karriere zu einem bedeutsamen Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur, zu einemmoralisch urteilenden Beobachter. Goetz sagt:

"Immer weiter entfernt von den Selbstverständlichkeiten"

"Nichts ist mehr einfach, wenn man viel liest, kein Problem, keine Alternative ist mit fünf lauten Worten und noch mehr Überzeugung, mit Glaubenssätzen und Denkschablonen zu lösen und aus der Welt zu schaffen. Das ruhige Nachvollziehen konträrer Gedanken oder widersprüchlichster Gefühlserfahrungen, diese einsame Tätigkeit auch des Lesens, immer weiter entfernt man sich von den Selbstverständlichkeiten der verschiedenen Gruppen, auch von diesen Gruppen selbst, von der Möglichkeit, in ihnen zu existieren."

Goetz' Verständnis als Autor und sein Verhältnis zur Schrift stehen im Zentrum unseres Features, das den Büchner-Preisträger selbst und einige seiner Weggefährten und Exegeten zu Wort kommen lässt.

Das Manuskript zur Sendung können Sie im PDF-Format und als barrierefreie Txt-Version herunterladen.

Mehr zum Thema:

Georg-Büchner-Preisträger - Wie Rainald Goetz die Sprache ausreizt
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 30.10.2015)

Von Andy Warhol bis Rainald Goetz - Im Netz: Tagebücher des öffentlichen Lebens
(Deutschlandradio Kultur, Literatur, 25.10.2015)

Thomas Meinecke über Rainald Goetz - Unter Popliteraten
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 08.07.2015)

Büchnerpreis an Rainald Goetz - Hass-Tiraden aus liebender Verzweiflung
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 08.07.2015)

DJ WestBam über seinen Freund Rainald Goetz - "Der Rainaldo hat da natürlich Allergrößtes geleistet"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 08.07.2015)

Zeitfragen

KulturhauptstadtAarhus als Autoren-Mekka
Besucher gehen durch eine Installation auf dem Dach des ARoS Aarhus Kunstmuseum in Arhus (Dänemark). Die zweitgrößte Stadt Dänemarks ist Europäische Kulturhauptstadt 2017. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

"Some day I will go to Aarhus" heißt die erste Zeile eines berühmten Gedichts des Nobelpreisträgers Seamus Heaney. Aarhus ist eine der beiden Kulturhauptstädte 2017. Viele Autorinnen und Autoren leben in der zweitgrößten Stadt Dänemarks - und schreiben über sie. Mehr

MenstruationDer Kampf gegen ein uraltes Tabu
Blut auf weißer Fläche (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)

Bis heute schweigen viele junge Frauen über ihre Periode. Laut einer Studie spricht nur eine von fünf Frauen mit ihrem Partner über ihre Menstruation. Unter dem Motto "period positivity" melden sich jedoch immer mehr Frauen zu Wort und sprechen offen über ihre Erfahrungen.Mehr

TransplantationOhne eigene Gebärmutter zum eigenen Kind
Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit der Universität Tübingen, hat die erste Gebärmuttertransplantation in Deutschland hinbekommen.  (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Malin Stenberg ist die erste Frau, die erfolgreich ein Kind in einer gespendeten Gebärmutter ausgetragen hat. Jetzt ist das Verfahren auch in Deutschland umgesetzt worden. Am Universitätsklinikum Tübingen wurde einer 23-Jährigen die Gebärmutter ihrer Mutter transplantiert. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur