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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.10.2015

Büchner-Preisträger Rainald GoetzDie Heiligkeit der Schrift

Von Ulrich Rüdenauer

Der Büchner-Preisträger Rainald Goetz, hier im November 2013.  (dpa / Daniel Maurer)
Der Büchner-Preisträger Rainald Goetz. (dpa / Daniel Maurer)

Ein radikaler Dichter, der die Grenzen zwischen Leben und Literatur bewusst verwischt: Rainald Goetz wird am Samstag mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Unser Feature beleuchtet sein Verständnis als Autor und seine Beziehung zum Text.

Seine Werke reflektieren immer wieder das, was für Rainald Goetz am wichtigsten scheint: Kommunikation, Schreiben, Schrift. Die Bücher von Rainald Goetz sind durchzogen von poetologischen Passagen. Der Autor spricht vom "Mitschreiben mit der Wirklichkeit", von der "Heiligkeit der Schrift" – und davon, dass es Erlösung nur im Text gebe.

"Ein Riesenprotest gegen das literarische Leben"

Berühmt wurde der 1954 in München geborene Goetz mit seinem ersten öffentlichen Auftritt, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1983. Während seiner Lesung ritzt er sich mit einer Rasierklinge die Stirn auf. Der Skandal ist perfekt: Juror Walter Jens wird kreidebleich und schreit nach einem Sanitäter. Marcel Reich-Ranicki jedoch verbleibt in der Kritikerrolle, nimmt sich des Textes an – und erkennt die Leistung des Autors:

"Was ist das: ein ungeheurer Wutausbruch mit einer Provokation nach der andern. Es ist ein Riesenprotest gegen das literarische Leben (...). Natürlich, in diesem Protest und mit diesem Protest gegen das literarische Leben entlarvt sich Rainald Goetz als ein typischer Literat. Haben wir es mit einer literarischen Leistung, fragte ich, zu tun. Ich antworte: ja."

Michael Rutschky, ein enger Freund Goetz', entlarvt die Aktion jedoch später als geschicktes Manöver des Autors:

"Und das war ja auch lustig bei Klagenfurt, dass eigentlich die Kritiker und die Reporter dachten, das ist ein persönlich hochgefährdeter Mensch, der also diese dramatische Blutaktion aus inneren, quasi pathologischen Gründen machen muss. Dass das ein kalkulierter Akt war, das taucht – wenn Sie lesen, was darüber geschrieben worden ist – nicht auf."

Der promovierte Mediziner und promovierte Althistoriker Goetz, das "Enfant terrible" der deutschen Gegenwartsliteratur, wird im Laufe seiner Karriere zu einem bedeutsamen Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur, zu einemmoralisch urteilenden Beobachter. Goetz sagt:

"Immer weiter entfernt von den Selbstverständlichkeiten"

"Nichts ist mehr einfach, wenn man viel liest, kein Problem, keine Alternative ist mit fünf lauten Worten und noch mehr Überzeugung, mit Glaubenssätzen und Denkschablonen zu lösen und aus der Welt zu schaffen. Das ruhige Nachvollziehen konträrer Gedanken oder widersprüchlichster Gefühlserfahrungen, diese einsame Tätigkeit auch des Lesens, immer weiter entfernt man sich von den Selbstverständlichkeiten der verschiedenen Gruppen, auch von diesen Gruppen selbst, von der Möglichkeit, in ihnen zu existieren."

Goetz' Verständnis als Autor und sein Verhältnis zur Schrift stehen im Zentrum unseres Features, das den Büchner-Preisträger selbst und einige seiner Weggefährten und Exegeten zu Wort kommen lässt.

Das Manuskript zur Sendung können Sie im PDF-Format und als barrierefreie Txt-Version herunterladen.

Mehr zum Thema:

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