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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.01.2016

Buchmesse in KairoÄgyptens Literaturwelt unter massivem Druck

Von Cornelia Wegerhoff

Ägyptische Besucher auf der Buchmesse in Kairo an einem Stand für gebrauchte Bücher (picture alliance / ZB / Matthias Tödt)
Im vergangenen Jahr kamen binnen zwei Wochen zwei Millionen Besucher auf die Buchmesse in Kairo. (picture alliance / ZB / Matthias Tödt)

Über 800 Aussteller präsentieren auf der Buchmesse in Kairo ihre Neuerscheinungen und der Besucherandrang ist groß. Nur das Schreiben kann in Ägypten gefährlich werden. Die Sicherheitsbehörden haben Schriftsteller und Verleger im Visier. Es gab Razzien und vorübergehende Festnahmen.

Eigentlich sollte Omar Hazek gerade in Österreich sein. Dort ist vor kurzem sein erstes Buch auf Deutsch erschienen: "In der Liebe des Lebens. Kassiber aus der Haft", so der Titel. In Lyrik und Prosa macht der Ägypter darin seine Erfahrungen publik, die er im Gefängnis machte. In den Niederlanden wollte man den 37-Jährigen für diese Texte mit dem Oxfam-Literaturpreis ehren. Doch sämtliche Reisepläne Omar Hazeks scheiterten vor zwei Wochen schon auf dem Kairoer Flughafen.

"Sie zogen meinen Pass durch dieses Kontrollgerät und da blinkte plötzlich auf dem Bildschirm in Rot die Meldung, dass ich von der Staatssicherheitsbehörde gesucht werde. Die Frau an der Passkontrolle hat sofort die Polizei gerufen. Man nahm mich mit auf die Wache. Ich wurde durchsucht, musste alles abgeben. Ich wollte wissen: Was hab ich denn getan? Aber der Beamte sagte nur: Du hast Ausreiseverbot."

Knapp zwei Jahre hat Omar Hazek schon hinter Gittern gesessen, weil er an einer ungenehmigten Demonstration für einen getöteten Blogger teilgenommen hat. Das Gefängnis Borg el Arab bei Alexandria, in dem er die meiste Zeit verbrachte, ist berüchtigt wegen seiner menschenverachtenden Haftbedingungen. Im Herbst wurde der Schriftsteller im Rahmen einer von Staatspräsident Sisi erlassenen Amnestie aus der Haft entlassen. Doch echte Freiheit fühlt sich anders an, sagt er. Eine Lesereise in Europa scheint für Omar Hazek derzeit genauso unerreichbar wie einst der Garten, nach dem er sich im Gefängnis sehnte. "Der Apfel", so heißt eines seiner Gedichte von damals.

Zitator:
Es gab eine Zeit, da war der Apfel im Garten.
Jetzt liegt der Apfel, dieser Apfel, in meinen Händen. Der Apfel schenkt mir zwei Augen
und ein Gedächtnis, nicht abgeschliffen von den Wellen des Vergessens:
Da der Garten,
da die Bäume.
Ich bin die Blüte auf dem Zweig ganz oben,
dort, wo der Himmel ein Ozean ist aus blauer Milch,
in dem die Vögel schwimmen (…)
Der Apfel und ich rufen schöne Worte in die Zellennacht,
bis die Gitter über meiner Kleidung schmelzen.
Die Alarmglocken schrillen,
erstaunt stürzen die Wärter unseren Liedern hinterher.

"Die im Gefängnis haben keine Stimme"

Omar Hazek weiß, dass es nicht diese Poesie ist, die den ägyptischen Staatsicherheitsapparat erneut gegen ihn aufgebracht hat. Sondern seine Kritik an den Haftbedingungen, die er im Gefängnis ertragen musste.

"Die Gefängnisse sind überfüllt. Ich war mit bis zu 26 Inhaftierten in einer Zelle, die nur knapp 20 Quadratmeter groß war. Wir hatten auch viele Kranke. Es gab einen Jungen, der Leukämie hatte. Er wurde nicht behandelt, bis er fast gestorben wäre. Es sind schon viele unter diesen Umständen ums Leben gekommen."

In einer großen ägyptischen Tageszeitung sollte zu diesen Missständen eine Artikel-Serie Hazeks erscheinen. Nach dem ersten Bericht endete jedoch die Zusammenarbeit:

"Sie sagten:. Wir drucken es morgen. Sie sagten das immer wieder. Nach einer Weile wusste ich, dass das nur Ausreden waren. Nach meinem ersten Beitrag kam schon am nächsten Tag die Gegendarstellung vom Innenministerium. Die haben Einfluss genommen. Die Redakteure sagen mir: Nein, es ist alles in Ordnung. Aber ich weiß, dass das gelogen ist." 

Auch von anderen Schriftstellern, die nach der ägyptischen Revolution regelmäßig in den Zeitungen Stellung bezogen, ist nichts Kritisches mehr zu lesen. Ägyptens Redakteure stehen unter Druck. Über 20 Journalisten sind derzeit in Haft. Durch die islamistischen Terroranschläge ist die Sicherheitslage in Ägypten angespannt. Jedwede Kritik am Staat wird als Versuch gewertet, das Land zu destabilisieren. In den vergangenen Wochen bekam das auch Ägyptens Kulturszene zu spüren. Neben Veranstaltungsverboten gab es Hausdurchsuchungen in Verlagsräumen und vorübergehende Festnahmen. Das harte Vorgehen der Sicherheitsbehörden überschattete die Vorbereitungen auf die Internationale Buchmesse in Kairo. Für die Arabisch-sprachige Literaturwelt eigentlich das Highlight des Jahres, wie Gabriele Becker vom Goethe-Institut Kairo bestätigt.

"Die Kairo Buchmesse ist nach wie vor die wichtigste Buchmesse in der arabischen Welt. Da gibt's ja hier in Ägypten gerade in den letzten fünf Jahren ne ganz spannende junge Autorenszene. Aber natürlich: Der Druck ist da und hat zur Folge auch eine große Verunsicherung, ist mein Eindruck."

Die Razzien der vergangenen Wochen bereiten den deutschen Beobachtern Sorge.

"Einige dieser heimgesuchten Organisationen sind sehr gute Partner des Goethe-Instituts Kairo, zum Beispiel der Merit-Verlag. Das Frappierende ist, dass es keine konkreten Vorwürfe gibt. Also die Macher werden sozusagen in Unklarheit gelassen."

Der Schriftsteller Omar Hazek will trotz der Repressalien seine neu gewonnene Meinungsfreiheit nicht mehr aufgeben. Auch wenn ihm das schon die Reisefreiheit gekostet hat. 

"Es wäre einfacher, den Mund zu halten. Aber ich kann nicht. Wir haben in Ägypten den Geschmack der Freiheit probiert, der Wahrheit, der Gerechtigkeit. Aber als ich im Gefängnis war, habe ich all diese Ungerechtigkeit gesehen und das kann ich nicht verschweigen. Die im Gefängnis haben keine Stimme. Ich muss in ihrem Namen sprechen."

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