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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.12.2015

BuchkritikStählern geflochtene Familienbande

Von Gabriele von Arnim

Anne Enright (dpa / picture alliance / UPPA Marco Secchi)
Anne Enright (dpa / picture alliance / UPPA Marco Secchi)

Die irische Schriftstellerin Anne Enright, hoch dekoriert, hat ihren sechsten Roman vorgelegt. In "Rosaleens Fest" leuchtet sie erneut die Abgründe aus, die sich in Familien auftun - und zeigt, wie eine lieblose Mutter ihre Kinder dominiert.

Die irische Schriftstellerin Anne Enright, am 11. Oktober 1962 in Dublin geboren, hat bisher sechs Romane geschrieben. Für "Das Familientreffen" erhielt sie 2007 den prestigereichen Booker Preis. Das Buch wurde in über 30 Sprachen übersetzt, und auch mit "Rosaleens Fest" war sie in diesem Jahr für den Preis nominiert. Überdies wurde sie zur laureate for Irish Fiction der irischen Republik ernannt, zur poeta laureatus, was man vielleicht salopp mit Hofdichter übersetzen könnte.

Immer wieder schreibt sie Familiengeschichten. Fasziniert von diesem merkwürdigen Kollektiv, das ja bekanntlich Zumutung ist und Heimat zugleich, dient Familie ihr als Fundgrube für Marotten und Seelennot, für hilfloses Driften im Lebensgetümmel. Familie also auch hier: Vater, Mutter und vier Kinder. Wir lernen sie kennen bei einem Mittagessen.

Enright liebt es, Psychoterror und groteske Komik zu verweben

Dan erklärt seiner fassungslosen Mutter, er wolle Priester werden. Sie schluchzt und jammert, kaut mit stöhnend offenem Mund Schinkensteak mit Grünkohl und weißer Sauce. Anne Enright liebt es, Psychoterror und groteske Komik miteinander zu verweben.

Nach diesem Essen zieht sich die Mutter für Wochen in ihr Bett zurück, und wir ahnen, wie schwierig es sein muss, Kind zu sein bei dieser kapriziös manipulativen Person, sie zu lieben oder sich zu lösen von ihr.

Und so bleiben alle vier Kinder auch später im Leben entweder in Kälte getrennt von der Mutter oder in Wut und Sorge verkettet mit ihr. Kaum eines hat sein Leben im Griff, wie man es so gern nennt, wenn man die Fragen an das eigene ächzende Dasein beschwichtigen möchte.

Constance hat es wohl am ehesten geschafft, ihr Leben zu mögen. Mit dicker Taille und mit Eifer vom Alltag überfordert, lebt sie gern mit ihrem banalen Mann und drei Kindern und lässt sich widerstandslos scheuchen und ausnutzen von der Mutter.

Immer legt sich ein Mutterschatten über die Kinder

Ganz gleich, ob wir Dan nach New York begleiten, wo er nicht Priester, sondern schwul wird zu einer Zeit, in der Aids grassiert und tötet, ob wir Emmet als Entwicklungshelfer in Mali antreffen oder Hannah beobachten, die mehr an der Flasche als an ihrem Baby hängt, immer legt sich ein Mutterschatten über die Leben der Kinder.

Erst spät im Roman bekommt diese Mutter einen Namen. Denn erst, wenn sie eine Person erfasst habe, sagt Enright, könne sie ihr einen Namen geben. Und Rosaleen habe sich ihr lange entzogen.

Das Warten hat sich gelohnt. Diese Mutter ist eine beunruhigende Figur. Eine Frau, die behauptet, ihre Kinder zu lieben und nie liebevoll sein kann mit ihnen. Eine so anmaßende wie bedürftige Person, die inneres Glück und Unglück, so scheint es, nicht wirklich zu unterscheiden versteht.

Anne Enright glaubt nicht an klare Gefühle, an überschaubare Lebenswirklichkeiten. Sie interessiert sich für den ratlosen Aufruhr, die schrägen Nischen, die trüben Unruhen. Und durchleuchtet sie mit bissigem Witz.

Plötzlich ist Rosaleen verschwunden, und alle suchen nach ihr

Als Rosaleen erklärt, sie wolle das Familienhaus verkaufen, kommen alle noch einmal zusammen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Nach dem langen und  angespannten Weihnachtsessen, ist Rosaleen auf einmal verschwunden. Es wird dunkel, sie verirrt sich und schafft, was sie wollte: Alle Kinder suchen nach ihr in den Klippen. Jedes ruft nach einer anderen Mutter, jedes nach seiner. Eine großartige Szene -und doch keine wirkliche Katharsis. Familienbande – stählern geflochten - sind eben grässlich haltbar.

Anne Enright: Rosaleens Fest
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2015
380 Seiten, 19,99 Euro

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