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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.07.2012

Brummendes Ave Maria

Der Künstler Thomas Bayrle und sein Beitrag auf der documenta 13

Von Julika Tillmanns

Bayrles Installation auf der documenta 13
Bayrles Installation auf der documenta 13 (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Gebetsrituale haben den Frankfurter Künstler Thomas Bayrle schon immer angezogen. Auf der diesjährigen documenta hat er acht verschiedene Motoren in einer Halle verteilt, die nicht nur brummen und knattern - sondern auch eine religiöse Botschaft haben.

"Das ist'n VW-Scheibenwischer, und der sagt: bitt für uns, bitt für uns, bitt für uns ..."

Auf, zusammen, auf, zusammen - monoton verrichten die Wischblätter ihren Dienst. Thomas Bayrle steht in seinem Environment auf der documenta 13. Auf einer großen Fläche sind acht verschiedene Motoren verteilt, aus Autos, Motorädern und Flugzeugen. Sie summen, brummen und knattern ihre Motor-Melodien vor sich hin. Dazu mischen sich einzelne Gebetsperlen aus der Kette des Rosenkranzes in die Soundcollage: das Ave Maria, das Vater Unser, das Glaubensbekenntnis.

Halb aufgeschnitten sind die Motoren vor den Augen der Betrachter ausgebreitet. Sie präsentieren ihre filigrane Mechanik.

"Das ist ein Sternmotor, der von 'nem tschechischen Saatgutflugzeug stammt, und der fantastisch ist, schon optisch, man sieht diese Verzahnung, und es war mir eben wichtig, dieses Optische, was wirklich wie eine komprimierte Kathedrale aussieht, und dann eben der immer in Repetition begriffene Rosenkranz."

Der Rosenkranz hat Thomas Bayrle schon früh fasziniert. Aufgewachsen ist er in einem kleinen und sehr katholischen Dorf im hessischen Main-Kinzig-Kreis. Er selbst war Sohn einer Mischehe und protestantisch getauft. Das katholische Gebetsritual zog ihn magisch an.

"Ich hab mich manchmal in die Kirche geschlichen, und da habe ich so'n Haufen von alten Frauen gesehen, die's vor sich hingemurmelt haben, also ein sehr beeindruckender Surrealismus eigentlich ..."

Es waren Kriegs- und Nachkriegszeiten, in die Thomas Bayrle hineingeboren wurde. Beide Eltern waren künstlerisch sehr gebildet.

"Nach dem Krieg, da war ja tote Hose, aber da kamen die Amerikaner vom Modern Art Museum zu uns nach Hause in das Nest und haben dann einfach von uns - wir hatten 'ne ziemlich große Sammlung -, von uns vieles gekauft, also es war eigentlich eine interessante Sache, es gab schon eine Verbindung zur Welt und eine zum Kuhstall."

Heute zählt Bayrle zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Deutschlands. Ihn interessieren das Serielle, die Massenproduktion, die Warenwelt. Oft hat man ihn deshalb mit der amerikanischen Pop-Art in Verbindung gebracht. Aber wer glaubt, der Weg aus dem Künstlerhaushalt habe geradewegs zur Kunst geführt, der irrt.

"Im Gegenteil, das Beispiel meiner Eltern war's, dass ich's absolut nicht machen wollte, ich bin auch auf keine Kunsthochschule gegangen, sondern ich bin hingedriftet worden, und hab es auch lange bezweifelt, und ich muss auch sagen, der Zweifel, der sitzt auch heute noch mit am Tisch ..."

Statt an eine Kunstakademie ging Bayrle erst einmal selbst in die Produktion, in eine Maschinenweberei in Süddeutschland. Das war Arbeit im Akkord. Jede Weberin hielt 20 Webstühle gleichzeitig am Laufen. Bayrle als Hilfsmeister musste flicken, wenn die Fäden rissen. Eine Knochenarbeit zum Niedriglohn. Dennoch: Der Lärm und der Rhythmus der Maschinen lösten in Bayrle auch kreative Prozesse aus.

"Da entstand eben sofort in die Richtung Musik was, aber auch in diese Richtung von diesen großartigen langweiligen Rosenkränzen, die immer und immer wieder durchgezogen sind, genau wie die Maschine immer und immer und immer wieder die dieselben Teilstücke von Arbeit aneinandergesetzt hat. Und das hab ich als eine große Freiheit empfunden, man merkt die entsetzliche Großartigkeit am besten in der Gleichförmigkeit."

Aber nicht nur der Lärm der Maschinen inspirierte den Künstler. Auch in dem komplexen Gewebe der Stoffe fand Bayrle eine Metapher, die ihn sein Künstlerleben lang begleiten sollte.

"Dann hab ich das so gesehen, dass ich jeden Faden und die Verquickung von Fäden als gesellschaftliche Realität sehen konnte, als Städte, als Straßen, als Unterführungen und Überführungen und so weiter, und dieses Bild hat mich auch sehr getröstet, kann man sagen, weil es Fantasie war, mitten in der Hölle da drin, ist einfach 'ne Fantasie aufgegangen."

Zwei Jahre hat es Bayrle in der Weberei ausgehalten. Dann ist er doch an der Werkkunstschule Offenbach gelandet und machte seinen Weg als Grafiker, Maler, Bildhauer und Videokünstler. Immer wieder hat er Pappbänder mit Fahrbahnmarkierungen ineinander gewebt. Auch auf der documenta ist jetzt so ein Gewebe aus Straßen zu sehen, eine Art extrem komplexes Autobahnkreuz in der Größe von acht auf 25 Metern. "Carmageddon" hat er das monumentale Wandrelief genannt.

30 Jahre älter ist das Schwarz-Weiß-Gemälde auf der gegenüberliegenden Wand: Es zeigt ein gigantisches Flugzeug, das aus 16 Millionen kleinen Flugzeugbildern zusammengesetzt ist. Damals ein Kommentar zur Frankfurter Startbahn-West-Bewegegung. Überhaupt: Bayrle sieht den Auftritt auf der documenta als eine Art Bilanz seines Künstlerlebens. Und er ist auf seine bescheidene Weise mit sich zufrieden.

"Ich bin jetzt 75 und sozusagen kann man da auch mal 'ne Summe machen und kann sagen, was du jetzt gemacht hast irgendwie über die letzten 40 Jahre, das ist dann doch irgendwie ganz gut verstanden worden oder zusammengekommen."

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