Freitag, 31. Juli 2015MESZ15:22 Uhr

Buchkritik

ErziehungLasst Kinder so sein, wie sie sind
25. Weltkindertagsfest in Berlin (picture alliance / dpa / Foto: Jörg Carstensen)

"Kindheit ist keine Krankheit" heißt das Buch von Kinderarzt Michael Hauch. Es ist ein gut geschriebener Ratgeber vor allem für Eltern, die alles perfekt machen wollen. Müssen sie nicht, sagt Hauch. Jedes Kind ist anders und deshalb mahnt er: "Hört auf Kinder zu normieren".Mehr

Biografie über Rudyard KiplingDer Dschungelkönig
Das zeitgenössische Porträt von William Strang zeigt den englischen Schriftsteller Joseph Rudyard Kipling (1865-1936).  (picture alliance / dpa)

Das "Dschungelbuch" von Rudyard Kipling ist weltweit bekannt, während der britische Autor selbst in Vergessenheit geriet. In der Biografie von Stefan Welz erscheint er als innerlich zerrissener Mann - der sich mit zunehmendem Alter im Nationalismus verlor.Mehr

Sachbuch über RoutinenZwischen Beharren und Veränderung
Ein Mann putzt seine Zähne. (imago / Medicimage)

Jede Routine ist im Gedächtnis verankert, aber auch im Lebensumfeld – in der Wohnung und im Freundeskreis. Der Psychotherapeut Vincent Deary beschreibt, wie Routinen entstehen und wann wir aus ihnen ausbrechen. Kein typischer Ratgeber, aber trotzdem lehrreich und unterhaltsam.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Brücken zwischen Philosophie und Physik

Ino Weber: "Carl Friedrich von Weizsäcker: Ein Leben zwischen Physik und Philosophie", Crotona Verlag 2012, 248 Seiten

Wissenschaftler, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker (picture alliance / dpa / Roland Witschel)
Wissenschaftler, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker (picture alliance / dpa / Roland Witschel)

Carl Friedrich von Weizsäcker führte ein akademisches Leben zwischen Physik, Philosophie und Politik. Ino Weber versucht, dem Leser Brücken zwischen den Disziplinen zu bauen und so einen Überblick über Weizsäckers intellektuelles Schaffen zu geben.

"Aber vergiss es nie, größer als das Weltall ist dein Geist, der das Weltall zu denken vermag," soll ein Lehrer in Kopenhagen einst zu Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt haben, als dieser wieder einmal über die Dimensionen und Wunder des Kosmos in Begeisterung geriet. Zwar wird selbst der große Physiker und Philosoph das Weltall gedanklich nicht komplett durchdrungen haben, aber er hatte sicher wie kaum ein anderer einen exzellenten Überblick über die Umbrüche der Physik im 20. Jahrhundert, wie Ino Weber in seinem neuen Buch darlegt.

Begonnen hatte alles mit der Physik, für die Weizsäcker schon an Schüler reges Interesse zeigte. Eine Begegnung mit dem jungen Physiker Werner Heisenberg sollte seinen beruflichen Werdegang entscheidend prägen. Denn Heisenberg riet dem zehn Jahre jüngeren Carl Friedrich von Weizsäcker, Physik am besten vor dem 30. Lebensjahr zu betreiben, für die Philosophie käme dann die Zeit jenseits der 50 in Betracht. Weizsäcker befolgte den Rat - und es entstand eine intensive Freundschaft.

Ende der 30er Jahre hat Carl Friedrich von Weizsäcker entdeckt, wie Sterne durch das Verschmelzen von Atomkernen Energie gewinnen. Gleichzeitig war der aus Deutschland stammende Physiker Hans Bethe in den USA auf diesen Prozess gestoßen, der heute in den Lehrbüchern Bethe-Weizsäcker-Zyklus heißt, für den 1967 aber nur Hans Bethe mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ino Weber geht kurz und prägnant die Entdeckungsgeschichte der Quantentheorie durch, die den Forschern die Welt der kleinsten Teilchen offenbart hat - und die Carl Friedrich von Weizsäcker in ein fürchterliches Dilemma stürzte.

Denn im 2. Weltkrieg war er plötzlich in einer Arbeitsgruppe tätig, die die kurz zuvor von Otto Hahn entdeckte Kernspaltung für den Bau einer Atombombe nutzen sollte. Zwar war den Forschern bald klar, dass sie das Projekt rein technisch niemals würden zum Erfolg bringen können, doch offenen Widerstand gegen das Regime gab es auch nicht. Ino Weber zeichnet anhand zahlreicher Zitate ein vielschichtiges Bild davon, was Weizsäckers Handeln damals bestimmt haben mag: wissenschaftliche Neugier ebenso wie eine gewisse Überforderung und die Chance, das eigene Leben im Krieg zu retten.

Ino Weber ist von Haus aus Mineraloge, war viele Jahre im sozialen Bereich tätig und ist nun Schriftsteller mit einer Vorliebe für philosophische und wissenschaftliche Themen. Zum 100. Geburtstag von Carl Friedrich von Weizsäcker hat er nun ein Buch verfasst, das an vielen Stellen von etwas zu starker Bewunderung für den großen Forscher getragen wird.

Ino Weber stützt sich vor allem auf die vielen Texte, die Weizsäcker selbst verfasst hat und die einen Einblick in seine Gedankenwelt erlauben. Er legt dar, wie sich Weizsäcker nach dem Krieg der Friedenspolitik zuwandte, eine Professur für Philosophie übernahm und in den 70er Jahren das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. Allerdings blieb diesem Institut für unbequeme Fragestellungen, wie es Weizsäcker selbst bezeichnet hat, größerer Einfluss versagt.

Ino Webers Buch ist keine klassische Biografie. Es ist vor allem für Physiker geeignet, die etwas über Philosophie lernen wollen und für Philosophen, die mehr von Physik verstehen möchten. Ino Weber baut - ganz im Sinne Carl Friedrich von Weizsäckers - eine Brücke zwischen diesen beiden Welten, die zumindest im 20. Jahrhundert eng verknüpft sind.
Besprochen von Dirk Lorenzen

Ino Weber: Carl Friedrich von Weizsäcker: Ein Leben zwischen Physik und Philosophie
Crotona Verlag 2012, 248 Seiten, 19,95 Euro

Links auf dradio.de:

- "Eine Problematik steckt schon in seinem Leben" - Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker wurde vor 100 Jahren geboren
- Von Weizsäcker wollte mit der Bombe "den Führer führen" - Wissenschaftshistoriker über die Rolle von Carl Friedrich von Weizsäcker bei der Entdeckung der Kernspaltung