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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.01.2015

Britische Armee in NordirlandVorbild für die CIA-Foltermethoden

Von Jochen Spengler

Britische Soldaten haben am 2. Februar 1972 in der nordirischen Stadt Dunsgiven mit Stacheldraht eine Straße vor nahenden Demonstranten gesperrt. (picture alliance / dpa)
So wie in der Stadt Dunsgiven sperrten britische Soldaten 1972 überall in Nordirland Straßen ab und gingen gegen Demontranten vor. Es war die Zeit der schlimmsten Unruhen. (picture alliance / dpa)

Die CIA-Foltermethoden beruhten unter anderem auf dem Konzept der "deep interrogation", des vertieften Verhörs, das die britische Armee während der Unruhen in Nordirland praktizierte. Nun hat Irland erneut Klage gegen Großbritannien eingereicht. Der Fall wird aufgerollt.

Operation Demetrius war eine lang geplante Aktion: am 9. August 1971 nahm die britische Armee über 340 Katholiken in Nordirland fest. Ohne Haftbefehl, ohne Begründung, ohne Anklage. Es reichte der Verdacht, sie könnten mit der IRA-Untergrundorganisation sympathisieren. Verteidigungsminister Lord Carrington erklärte in London:

"Natürlich ist die Armee in der Defensive und sie ist sehr erfolgreich. Ich bin bestärkt in der Überzeugung, dass Festnahmen die richtige Lösung waren."

Nicht alle werden nach zwei Tagen wieder frei gelassen. 14 Männern werden schwarze Kapuzen übergestülpt, darunter PJ McLean, Gründungsmitglied der Bürgerrechts-Vereinigung.

"Ich habe mich gefreut, als ich dann in einen Hubschrauber geführt wurde, weil ich dachte: jetzt ist mein Leiden vorbei und ich komme nach Hause. Aber während des Fluges hat man mich herausgestoßen und ich dachte, das ist das Ende."

Doch der Helikopter fliegt nur ein/zwei Meter über dem Boden – eine Scheinhinrichtung.

Die "hooded men", die Kapuzenmänner, werden von der Armee an einen geheimen Ort verschleppt. Dort werden einem so genannten „vertieften Verhör" unterzogen. Zur Technik gehören Schläge und Elektroschocks, Schlaf-, Wasser- und Nahrungsentzug sowie erzwungenes Stehen bis zu 50 Stunden. Gerry McKerr erzählt:

"Ich wurde nackt ausgezogen, bekam einen Army-Overall und die Kapuze, wurde auf nackten Füßen in einen Raum gebracht, wo ich mich mit ausgebreiteten Beinen auf die Zehenspitzen stellen und mit gestreckten Armen gegen eine Wand lehnen musste. Irgendwann brach man zusammen. Und dann ständig der Lärm, der dein Hirn durchdrang."

Ein ohrenbetäubender Lärm, sagt PJ Mclean. Wie ein Flugzeugmotor, der niemals aufhörte.

"Er brach urplötzlich in Tränen aus, war sehr zittrig"

Irgendwann nach Wochen oder Monaten kommen die Männer frei – abgemagert und mit schweren körperlichen und seelischen Schäden; schon kurz nach ihrer Freilassung machen sie publik, was ihnen geschehen ist; doch britische Offizielle wie Verteidigungs-Staatssekretär Geoffrey Johnson Smith streiten alles ab:

"Es gibt Leute, die wollen nicht objektiv sein. Die wollen den Ruf der britischen Armee schädigen."

Irlands Regierung reicht Klage vor dem Straßburger Menschenrechtsgerichtshof ein. Dort kommt auch der Fall von Sean McKenna zur Sprache. Er ist einer der 14, leidet an Angina Pectoris und wird von der Army dennoch der deep interrogation unterzogen. Seine Tochter Mary erinnert sich:

"Nach zehn Tagen sah ich ihn im Gefängnis wieder und er war ein gebrochener Mann; er brach urplötzlich in Tränen aus, war sehr zittrig. Davor war er ein großartiger Vater, doch der wurde er nie wieder."

Sean McKenna wird erst neun Monate nach seiner Festnahme entlassen – in die Psychiatrie. Drei Jahre später stirbt er an Herzversagen. Wenige Tage vor seinem Tod untersucht ihn der Berater der britischen Armee Dr. Dennis Lee. Dessen Diagnose ist schriftlich dokumentiert:

"Im Hinblick auf seine anderen psychiatrischen Symptome muss man davon ausgehen, dass sie wahrscheinlich Folge des vertieften Verhörs sind."

Doch dieses Dokument wird dem Menschenrechtsgerichtshof vorenthalten. Dr. Lee verschweigt vor Gericht auch, dass er selbst die Gefangenen für die Befragung selektiert hat. Stattdessen sagt er als Sachverständiger aus, dass die physischen und psychischen Folgen für die Gefangenen minimal gewesen seien. Und die britische Regierung gibt zu Protokoll, es sei vereinzelt zu schlechter Behandlung gekommen, nicht aber zu systematischer, lang anhaltender und offiziell angeordneter Brutalität. Außerdem habe man die Methode des vertieften Verhörs 1972 abgeschafft.

Der Menschenrechtsgerichtshof urteilt im Jahr 1978, dass die britische Armee zwar unmenschlich und demütigend gehandelt, dass sie aber nicht Leid verursacht habe von jener besonderen Intensität und Grausamkeit, die mit dem Wort Folter verbunden werde.

"Vielleicht sollten sich die Richter einmal selbst der Behandlung unterziehen, nur eine Stunde lang"

,sagt ein noch heute verbitterter Gerry McKerr. Und Mary McKenna ist überzeugt, dass ihr Vater zu Tode gefoltert wurde:

"Sie haben meinem Vater das Leben genommen, es verkürzt und seinen frühen Tod verursacht."

Brutale Befragungen als politische Entscheidung

Tatsächlich zeigen inzwischen freigegebene Regierungsdokumente, dass Großbritannien den Gerichtshof bewusst in die Irre geführt hat.

Der irische Fernsehsender RTE nimmt Mitte 2014 Einblick in die nach 30 Jahren zugänglichen britischen Regierungsakten; daraus geht hervor, dass den Straßburger Richtern nicht nur der Ort der Misshandlungen verschwiegen und dass die nordirische Luftwaffenbasis Ballykelly extra für die Verhöre umgebaut wurde. Unterschlagen wurden auch Dokumente, die einräumen, dass Sean McKenna an den Folgen seiner Befragung gestorben sein dürfte und vor allem, dass die brutale Befragung von höchster Stelle angeordnet wurde.

"Es ist meine Überzeugung, dass die Entscheidung 1971/72, Foltermethoden in Nordirland anzuwenden, von Ministern getroffen wurde, insbesondere vom damaligen Verteidigungsminister Lord Carrington. Es war eine politische Entscheidung."

schreibt der Innenminister im März 1977 an Premierminister Callaghan. Doch nichts von all dem soll an die Öffentlichkeit dringen. Für die Opfer aber ist der Fall auch heute nicht erledigt, sagt Liam Shannon:

"Das ist etwas, was Dich niemals mehr los lässt. Es kommt immer wieder hoch, besonders, wenn Du Bilder siehst von Abu Ghraib oder Guantanamo. Gefangene mit schwarzen Kapuzen und overalls, das bringt Dich direkt zurück."

Die Bilder gleichen sich nicht zufällig. Obwohl die britische Regierung angeblich die Methode der deep interrogation verboten hat, haben britische Kampftruppen sie im Irak 31 Jahre später erneut angewandt. Der irakische Hotel-Empfangschef Baha Muhsa ist ihr zum Opfer gefallen.

Und US-Präsident Bush rechtfertigte die Verhörmethoden der CIA explizit mit dem britischen Vorbild und dem Urteil des Menschenrechtsgerichtshofs.

Mehr zum Thema:

IRA - Chef der irischen Partei Sinn Fein unter Mordverdacht
(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 02.05.2014)

"Ein Ende der Bombenanschläge und des Mordens"
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 24.03.2012)

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