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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 12.11.2014

Bremen Die Bunker der Stadt

Eine schwere Vergangenheit

Von Franziska Rattei

(Deutschlandradio - Franziska Rattei )
Die Bunker der Stadt Bremen - hier der Bunker Valentin. (Deutschlandradio - Franziska Rattei )

In Bremen sind seit 1940 mehr als 100 „bombensichere“ Gebäude entstanden – die meisten gibt es heute noch - Zeitzeugen aus Beton. Unsere Landeskorrespondentin Franziska Rattei berichtet: Theater und Wohnen im Bunker.

1. Theaterbunker
Audio: 

Kurz bevor die ersten Gäste zum Puschkin-Lyrik-Abend eintreffen, werden im Zuschauerraum des „Theaters 62" noch Stühle gerückt. Es ist dunkel, wie üblich im Theater; aber auch eng – maximal 60 Menschen finden Platz. Auch die Schauspielerinnern und Schauspieler müssen sich an den Raum anpassen. Silke Lachmund ist die Tochter des Theatergründers. Gerade hilft sie die Vorstellung des russischen Gast-Ensembles vorzubereiten. Oft steht sie aber auch selbst auf der Bühne.

"In der Bühne haben wir in etwa eine Breite von ungefähr fünf Metern, und auch die bespielbare Tiefe – wenn wirklich alle Wände weg sind – ist um die fünf Meter bis zum Hauptvorhang. Also: kleiner Raum. Die komplette Fläche des Bunkers, die wir jetzt hier oben gerade haben, sodass wir auf der Bühne also wirklich auch nur von hinten und von vorne den Aufgang haben und von seitlich des gar nicht machbar ist. Es sei denn, man würde den bespielbaren Raum noch sehr verkleinern."

Ihr geht das Wort „Bunker" leicht über die Lippen. Schließlich ist das Theater ihres Vaters seit neun Jahren hier zu Hause. Der grau-braune Betonklotz steht in einer kleinen Seitenstraße mitten im sogenannten „Viertel" – ein beliebter Stadtteil, wo es viele Cafés, Bistros und kleine Geschäfte gibt. Zwischen den typisch-schmalen Bremer Einfamilien-Häusern fällt der Bunker auf, aber Silke Lachmund ist mit ihm und mit Theater aufgewachsen. Schon als Kind haben ihre Eltern sie ermuntert, Rollen zu übernehmen. Und auch sie gibt die Tradition weiter, zum Beispiel an Fanny und Henry, elf und zwölf Jahre alt. Die beiden sind vorbeigekommen, um sich neue Texte abzuholen. Sie wissen, dass sie im Bunker spielen, aber es fällt ihnen eigentlich kaum auf im Alltag.

"Also, manchmal denke ich drüber nach. Aber es ist für mich eben wie ein richtiges Theater. Es ist ja auch ein richtiges Theater. Nur eben in kleiner. – Es fühlt sich gemütlich an, weil es auch so eng ist. Ja."

Im Foyer hängen Kasperle-Figuren

Fanny und Henry kennen jeden Winkel im Theater-Bunker. Als die ersten Puschkin-Zuschauer kommen, machen die beiden Kinder sich auf den Weg nach unten; über alte Betontreppen, von der Hinterbühne in Richtung Foyer. Vorbei an Requisiten: Ein altes Waschbecken steht da und eine leere Gasflasche. Auf alle Treppenabsätze und in jede noch so kleine Ecke haben die Theaterleute Kisten gequetscht – voll mit Kostümen und Schuhen. Und in dem kleinen Foyer hängen Kasperle-Figuren an den weiß gestrichenen Bunker-Wänden. Mehr als einen Meter sind sie dick.

"So Fanny, ich hab eben den Kasper-Text rausgesucht, kannst du in den Ferien dir schon angucken? Weil das ist ja schon bald danach. – ja, das mach ich. - Weil Nele nicht kann, übernimmst du diesmal Kasper und nicht nur die kleinen Rollen. – Ok. – Und schön angucken in den Ferien. – Aber das schaff ich ja. – Bin ich sicher, dass du das schaffst."

Karin Wenz drückt dem Kind ein paar Seiten Papier in die Hand. Ihr Mann, Michael, sitzt ebenfalls im Foyer. „Das klingt so schön fein", findet er, der das Theater 62 vor mehr als 50 Jahren gegründet hat. Aber es ist ein Mini-Foyer. Ein paar Stühle haben Platz, außerdem gibt es eine Durchreiche zur Mini-Garderobe und zum Mini-Süßwarenverkauf. Keine Fenster und alles sehr beengt – Keller-Atmosphäre.

Um die Schauspieler auf der Bühne nicht zu stören, gehen Michael und Karin Wenz die Treppe hinunter, zur Garderobe.

"Die Tür ist jetzt zu, jetzt können wir ein bisschen lauter sprechen."

Zu dritt quetschen wir uns an einen Esstisch. An der Garderobe rechts im Raum hängen hellblaue Frauenkleider und dunkelbraune Herrensakkos – ein Bruchteil der 1.000 Kostüme des Theaters 62. Links ein großer Spiegel, von dem vielleicht die Hälfte zu sehen ist. Auf der Abstellfläche davor Kerzenleuchter, noch mehr Kleidung und allerhand Krimskrams. Stauraum – seit der Gründung 1962 ein Problem. Deshalb hat Michael Wenz den Bunker in der Lessingstraße vor 25 Jahren auch als Lagerraum gemietet von der Bundesanstalt für Immobilien.

"Das war damals sehr kleines Geld, heute sind die gar nicht mehr zu bezahlen. – In Euro haben wir immer 200 und bezahlt. – Und dann haben wir die Idee gehabt: Wir fangen mal an und verhandeln."

13 Jahre lang hat das Ehepaar Wenz mit der Kulturbehörde gekämpft, aber am Ende gehörte der Bunker dem gelernten Fotografen und der Grundschullehrerin. Der Umbau zum Theater kostete mehrere Hunderttausend Euro - einen Teil hat eine Stiftung übernommen, einen Teil haben die beiden auch selbst bezahlt. Plus: jahrelanges privates Engagement.

"Ich hab also über 1000 Bilder gemacht, von jedem Umbau, von jeder Ecke. Und nachher, wie der Bunker fertig – rohbaumäßig war – da war er komplett nass. Da stand zehn Zentimeter hoch das Wasser an einigen Stellen. Da habe ich gesagt: Das kriegen wir nie trocken. Aber wir haben hier Lüfter eingesetzt und haben das gut trocken gekriegt. – Also zwei Stellen haben wir, die nass sind. Der Rest ist trocken, ein Glück."

Nie wieder einen Fuß in den Bunker setzen

Die bauliche Aufarbeitung– ein Kapitel. Die historische – ein weiteres. Den Namen „Kulturbunker" akzeptierten einige ältere Nachbarn nicht. Nie wieder wollten sie einen Fuß in den Bunker setzen, in dem sie früher so große Angst gelitten hatten.

"Der war für 138, glaube ich, zugelassen. Aber es waren immer mehr drin. 300, 350, bis er voll war. Und dann ist das Problem: Wenn Bomben fielen, ging überall das Licht aus im Stadtteil. Dann saßen also die Menschen in den Bunkern, der Bunker wackelte, und die Menschen wussten nicht, was draußen los war. Also haben manche Menschen geschrien, weil sie nicht wussten, was passierte. Auch in diesem Bunker hier. Der hat ganz schön gewackelt."

Zweimal wurde das Gebäude getroffen, deshalb ist es auch heute noch ein bisschen schief. Aber die Leute im Innern haben überlebt. Im Gegensatz zu vielen Zwangsarbeitern, die während des Krieges für den Bunkerbau eingesetzt wurden.


 

2. Bunker Valentin
Audio: 

"Wir stehen hier in dem, was eigentlich mal die Montagehalle einer U-Boot-Fabrik hätte werden sollen. Das heißt, der Raum, in dem wir stehen, ist genauso hoch, genauso lang und genauso breit, wie er sein muss, um U-Boote vom sogenannten Typ 21 zu bauen."

Marcus Meyer ist Historiker und arbeitet für die Landeszentrale für Politische Bildung Bremen. Jeden Tag kommt er zum Bunker Valentin. Trotzdem kann Meyer sich an die Ausmaße nicht gewöhnen. Zu monströs ist der Koloss in Bremen-Farge - 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, nahe der Weser gelegen und unübersehbar. Vier Fußballfelder groß und mehr als 30 Meter hoch.

"Eine Ecke, die ich wichtig finde, und die ich auch interessant finde, ist tatsächlich die Ecke, an der diese Bombe eingeschlagen ist, die dazu geführt hat, dass die Bauarbeiten hier eingestellt werden mussten. Diese Stelle erzählt einfach die Geschichte davon, dass dieser Bunker zerstört wurde."

Das war Ende März 1945. 20 Monate lang hatten tausende Arbeiter, die allermeisten von ihnen unter Zwang, den U-Boot-Bunker gebaut. Er war beinahe fertig. Ein komplexes System aus Schienen und Schienenwagen war bereits installiert. Alle zwei Tage hätte ein montiertes U-Boot den Bunker verlassen sollen. Aber soweit kam es nicht.

Regenwasser tropft auf den Betonboden

Marcus Meyer öffnet ein großes metallenes Schiebetor. Den gut erhaltenen Teil des Bunkers haben wir durchschritten. Nun stehen wir dort, wo es keine Elektrizität mehr gibt. Wir steigen über eine Absperrkette - Aufschrift „Durchgang verboten". Ein riesiger grauer Kasten vor uns, es fällt kaum Licht von draußen herein. Oben, in der Decke: ein sehr großes und drei kleinere Löcher. Als hätten die Bomben ein Stück Stoff zerfetzt. Regenwasser tropft auf den zerschlissenen Betonboden.

"Wir sind hier an einem Ort, der auf eine Art so ein Schnittpunkt von Rationalität und Irrationalität ist. Also dieser Bunker wurde 1943 begonnen; in der Hoffnung, den so schnell fertig zu bauen, dass man so viele U-Boote bauen kann, dass die Kriegsmarine in der Lage ist, in irgendeiner Form einen Beitrag zum „Endsieg" leisten zu können. Das war die ideologische Idee dieses Bunkerbaus, die an ganz vielen Stellen einfach Ausdruck von Realitätsverlust und Realitätsverweigerung ist. Der Bombeneinschlag selber ist das Ergebnis ausgesprochen rationellen Nachdenkens aufseiten der Alliierten."

1943, als die Nazis die Lufthoheit über ihrem Reich bereits verloren hatten, wollten sie mit U-Booten von unten angreifen. Kapitulieren kam nicht in Frage, also versuchte man, die Stimmung mit sogenannten „Wunderwaffen" aufrecht zu erhalten: neben der V2-Rakete und den Messerschmitt-Düsenjägern die U-Boote Typ 21 aus Bremen-Farge. Bevor auch nur ein einziges von ihnen hätte gebaut werden können, wurde der U-Boot-Bunker zerstört – an einer noch verletzlichen Stelle in der Decke. Die ganze Arbeit war also umsonst gewesen. Und: Sie hat viele Menschen das Leben gekostet. Einige wenige ehemalige KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aber konnten noch von ihren Erfahrungen erzählen.

Schülerinnen und Schüler haben zusammen mit Marcus Meyer Stellwände über sie erarbeitet. Im Bürogebäude auf dem Valentin-Gelände dokumentieren alte Fotografien, Tagebucheinträge und Zeichnungen die Zwangsarbeit der Männer.

"Raymond Portefaix – der hat halt sehr schnell angefangen aufzuschreiben. Der hat angefangen, kurz nachdem er in seinen Heimatort in Frankreich zurückgekehrt ist, seine Geschichte aufzuschreiben. Und der war 19 als er hier war. Er erzählt zum Beispiel von Brot. Brot, was er einem Mithäftling stiehlt, weil er selber kurz vorm Verhungern ist. Und das ist einfach das Perfide, was dieses System ausmacht. Die Menschen so weit zu bringen, dass sie ihre eigenen moralischen Maßstäbe nicht mehr halten können, weil es ums nackte Überleben geht."

TV-Dokumentation „Der Bunker"

Raymond Portefaix wurde nach Bremen-Farge, einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme deportiert. In seinem Dorf Murat in der Auvergne hatten französische Widerstandskämpfer einen deutschen Offizier getötet . Daraufhin wurden alle Männer des Ortes als Geiseln genommen. - Die Häftlinge haben unvorstellbare Qualen gelitten. Der Filmemacher Thomas Mitscherlich und die Historikerin Barbara Johr haben einige von ihnen Ende der 1980er-Jahre gesprochen; auch Henry Denaiffe. In der TV-Dokumentation „Der Bunker" erzählt er:

"Also eines Tages ließ der Chef der SS eine volle Karre Rüben bringen, um sie dann vor den zweitausend bis zweitausendfünfhundert Häftlingen, die wir waren, auskippen zu lassen. Der Appell hat sehr lange gedauert, wir mussten lange stehen, und als er zu Ende war, hat der SS-Mann uns alle entlassen. Und natürlich haben sich die Gefangenen auf diese Karre voll Rüben gestürzt; wie sich Hunde bei einer Treibjagd auf die Innereien eines Hirsches stürzen. Und dabei wurden viele Kameraden aller Nationalitäten niedergetrampelt. Es gab in diesem Moment Tote, und es gab viele Verwundete."

Wie viele Menschen in Farge starben, weiß man nicht. Namentlich sind 1500 bekannt; wahrscheinlich waren es viel mehr, sagt Meyer. Farge war Grauen. Die Häftlinge bekamen kaum zu essen, mussten – völlig entkräftet und abgemagert - Zement schleppen oder Beton mischen, Schwerstarbeit leisten. Die Zeit zwischen den Schichten verbrachten sie auf engstem Raum im Lager. Für viele bedeutete das: in einem ungenutzten Tanklager im Boden. Marcus Meyer:

"Es war halt ein Betonbunker. Wie man sich das vorstellt. Kalt, nass, unglaublich laut, weil jeder Schritt, jedes Atmen, jedes Husten von den Wänden reflektiert. Und der Raymond Portefaix, von dem wir vorhin gesprochen haben, der auch in diesem Film von Barbara Johr und Thomas Mitscherlich zu Wort kommt – da gibt's eine ganz intensive Szene, wo der zu Hause in Paris vor seinem Kamin sitzt und sagt:"

Auf dem U-Boot-Bunker Valentin waren wir gezwungen zu arbeiten; unter sehr harten Bedingungen. Unter Bedingungen, die logischerweise den Tod vieler verursachen mussten. Aber wenn es neben der U-Boot-Basis Valentin den Bunker nicht gegeben hätte, wo sich der Rest unseres Lebens abspielte – also 12 Stunden auf der Basis Valentin, zwölf Stunden im Bunkerlager – hätte es dieses Bunkerlager nicht gegeben, dann hätten viele aus ihren körperlichen Kräften, die jeder in sich trägt, schöpfen können. Dann hätte es eine Chance des Widerstehens gegeben."


 

3. Bunker als Wohnhaus
Audio: 

Purer Luxus. Jutta Zacharias-Schwerdtfeger braucht nur auf einen Knopf zu drücken und schon bereitet der polierte Kaffeevollautomat einen perfekten Latte macchiato zu. Die ganze Küche ist hochmodern. Mit Kochinsel, offenem Essbereich und viel Licht von draußen. An dem massiven Holztisch mit schwarzen Ledersesseln sitzen die Rentnerin und ihr Mann Gerhard Zacharias am liebsten.

2007 stand in der Zeitung, dass hier in der Roonstraße ein Bunker ausgebaut werden sollte mit einem sehr futuristischen Aussehen; was sich dann im Laufe der Zeit, ja, sehr „traditionell" entwickelt hat.

(Deutschlandradio - Franziska Rattei )Wohnen in einem Bremer Bunker. (Deutschlandradio - Franziska Rattei )

Der 71-Jährige hat die Anzeige aufgehoben. In einer Klarsichthülle liegt sie vor ihm auf dem Tisch. Ein dreigeschossiger Bunker mit Aus- und Aufbauten, die an Bauklötze erinnern. „Individuelle Eigentumswohnungen", „alles andere als alltäglich" steht da. Der Entwurf der Architekten wurde etwas abgewandelt – die Anwohner hatten gegen zu viel Höhe und Moderne protestiert. Aber die Eigentumswohnungen im Bunker wurden gebaut, und das Ehepaar Zacharias zog als eine von sieben Parteien im Winter 2011 ein.

"Wir hatten schon durchaus Freunde – das war Helmut und Gisela – die gesagt haben: na, ob wir euch dann im Bunker besuchen? Da haben wir so schlechte Erinnerungen. Das hat sich dann gelegt, und inzwischen ist das selbstverständlich. Aber natürlich gab es solche Bedenken im Umfeld von uns. – Ja. Und wichtig war, als wir dann diese Freunde mit hergenommen hatten, war der Bunker schon offen. Und hier kommt man ja jetzt rein, und es ist hell. Und das war am Anfang, als wir das erste Mal hier waren, war es ja wirklich noch Bunker. Und da hatte ich so ein bisschen Befürchtungen: Oh, was ist da für eine Luft drin, ne? So total feucht und moderig und so, wie Bunker Valentin, also ganz schrecklich."

Vergangenheit des Gebäudes kaum wahrnehmbar

Keine Spur von Moder und schlechter Luft. In der Wohnung ist die Vergangenheit des Gebäudes kaum wahrnehmbar. Die dicken Betonwände, die übrigens wenig gegen Temperatur oder Lärm isolieren, sind von innen gedämmt, die Trockenbauwände sind weiß gestrichen. Der Esstisch steht vor einer großen Glasfront, daneben geht es auf den überdachten Balkon.

Eine Loggia Richtung Süden mit Blick ins Grüne; vom dritten Stock aus auf Nachbargärten und Häuser-Rückseiten. Man sitzt geschützt im Trockenen. Die Außenwände erzählen noch die Geschichte des Umbaus – im Beton ist damals ein kreisförmiges Muster entstanden.

"Hier sieht man eben auch noch schön diese Schnitte durch ein Meter zehn Bunkerwand. Aber das haben wir mit Absicht so gelassen. Weil sieht, finde ich, schön aus. – Da sieht man sehr deutlich, dass man hier dreimal, oder viermal, durchgebohrt hat, um das dann in Segmenten rauszuschneiden."

Jutta Zacharias-Schwerdtfeger und ihr Mann haben ihre Wohnung mit-entworfen. Die wertvollen Möbel aus dem alten Haus haben sie mitgenommen, die neuen Räume zum Teil um sie herum geplant. Weil der Bunker keine tragenden Wände im Innern hatte, war das möglich. Und alle anderen Wünsche – Barrierefreiheit fürs Alter, spezielle Heizkörper, besondere Elektrik – wurden auch von den Architekten berücksichtigt. Die beiden fühlen sich wohl auf ihren 165 Quadratmetern. Aber der Weg dahin war fast vier Jahre lang.

Der moderne Aufzug ist mit Fotografien ausgekleidet. Eine Aufschrift aus dem Treppenhaus von früher: „Das Stehenbleiben auf den Treppen und in der Gasschleuse ist verboten." Kräne, die ausgeschnittene Betonklötze auf LKWs laden. Ein Protest-Plakat im Fenster eines Nachbarhauses: „Bunker bewohnen = extrem pietätlos". Rainer Mielke hat all das noch gut in Erinnerung. Er hat den Stress und die Mühe nicht vergessen – trotzdem kann er sich nichts Besseres vorstellen als Bunker umzubauen. Inzwischen hat der Architekt mit seinem Partner Claus Freudenberg schon ein knappes Dutzend solcher Projekte durchgeführt. Aber seine Bunker-Geschichte ist noch älter.

"Ich hatte während meines Studiums in einer Band gespielt, und wir hatten einen Übungsraum im Bunker, deshalb sind mir Bunker als ziemlich sinnvoll in Erinnerung geblieben; zumindest, um Musik zu machen."

Nachdem Mielke Anfang der 90er-Jahre nach Bremen gezogen war, kam er täglich an einem Bunker in bester Lage vorbei. Seine Mietwohnung wollten er und seine Frau aufgeben, aber die Häuser auf dem Markt gefielen ihnen nicht.

"Dann habe ich mich dahinter geklemmt und hab ausfindig gemacht, wem der Bunker gehört. Der Bunker gehört – wie die meisten Bunker – dem – damals hieß es Bundesvermögensamt, mittlerweile heißt es Bundesanstalt für Immobilienaufgaben – also dem deutschen Staat. Und die Aufgabe von dem Bundesvermögensamt ist es, das Bundesvermögen zu verkaufen. Das heißt: Das Bundesvermögensamt hatte eine Abteilung, und bei dieser Abteilung habe ich dann vorgesprochen, hab vorher ne schöne Zeichnung gemacht und hab gesagt: hallo, ich hätte gern den Deckel von dem Bunker gepachtet und ein Stückchen vom Vorgarten, damit ich da ne Treppe bauen kann oder ein Treppenhaus und obendrauf meine Wohnung. Und dann haben mich die Leute, die da saßen, angeguckt, als ob ich nicht ganz klar bin. Da hatten die noch nie von gehört und haben gesagt: Das ist alles völlig unmöglich. Sollte ich mir aus dem Kopf schlagen. Geht nicht."

Wohnen im Bunker

Es ging dann doch. Nach fünf Jahren durfte Mielke den Bunker kaufen; allerdings mit der Auflage, ihn innerhalb von drei Wochen zu räumen – im sogenannten „Ernstfall". Der trat nie ein. Also baute der Architekt – zusätzlich zu seiner Dachgeschosswohnung- auf dem Bunker- auch noch eine Wohnung in den Bunker.

"Es gab bisher nur zwei, die gesagt haben: Ne, das ertrag ich nicht. Hier werde ich eingesperrt. Weil wir beim Bau der Wohnungen natürlich immer darauf achten, dass das helle Wohnungen werden. Und das Wichtigste bei der Entwicklung der Wohnungen für uns ist, dass sie nicht aussehen wie Bunker-Wohnungen. Und das muss auch so sein. Weil wenn das aussehen würde wie ein Bunker, könnte ich das bestimmt nicht verkaufen oder würde ich das auch nicht verkaufen wollen."

Zurzeit baut das Architekten-Team einen Bunker in Hamburg um. Zwölf Eigentumswohnungen und ein Penthouse sind beinahe bezugsfertig. Von dem alten ABC-Bunker sind nur die Seitenwände stehen geblieben. „Günstig" war das nicht, sagt Mielke. Die Zeiten, als Bunker preiswert waren, sind vorbei. Aber ihr Potenzial ist noch lange nicht erschöpft. Wenn er eine Genehmigung bekäme, würde der Architekt gern ein Hochhaus auf einen Bunker setzen. Es sollte ganz leicht aussehen. Als Gegengewicht zur schweren Vergangenheit der Gebäude.

 

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