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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 13.07.2014

BreitensportDie neue Bäderkrise

Ist Schwimmen out?

Von Jantje Hannover

Ein Kind mit Schwimmring geht im Geibeltbad in Pirna (Sachsen) an einem Rettungsring vorbei. (picture alliance / dpa)
Viele Kinder in Deutschland lernen immer später das Schwimmen. (picture alliance / dpa)

Mit höheren Eintrittspreisen versucht man in Berliner Hallenbädern, die schwindenden Besucherzahlen zu kompensieren. Auch andernorts können viele Kommunen ihre Schwimmhallen nicht mehr bezahlen und den Besuchern fehlt das Geld für den Eintritt. Die DLRG warnt: Die Hälfte aller Viertklässler kann heutzutage noch nicht schwimmen.

"Wir machen Streckentauchen. Also da muss man vom Klotz springen, dann muss man am Rand anhalten und dann Streckentauchen, versuchen bis ganz hinten zu tauchen."

Evi, Collin, Lara und ihre Mitschüler sind gerade aus dem Wasser gestiegen. Jetzt stehen sie am Beckenrand Schlange, warten auf den nächsten Sprung. Die Kinder sind zwischen acht und neun Jahre alt, Schüler der dritten Klasse der Bonifatiusschule in Essen. Eine Lehrerin sitzt mit einem Block auf einem kleinen Podest und notiert, wie weit jedes Kind getaucht ist. Die Drittklässler können ausgesprochen gut schwimmen. Aber nur ein Teil der Klasse ist heute im Nord-Ost Bad bei den selbstbewussten Tauchern dabei:

"Könnt ihr alle schwimmen? Ja! Außer die dahinten im Babybecken, die können noch nicht schwimmen."

Immer weniger deutsche Kinder und Jugendliche können schwimmen. Die deutsche Lebensrettungsgesellschaft DLRG geht davon aus, dass heute jeder zweite Schulabsolvent kein sicherer Schwimmer ist. Der Berliner Landeseinsatzleiter Frank Villmow:

"Bei uns beginnt Schwimmen ja beim Jugendschwimmabzeichen, Bronze, das Seepferdchen betrachten wir eigentlich nicht als Schwimmen."

"Ich kann nur schwimmen lernen, wo Schwimmbäder sind."

Das Seepferdchen-Abzeichen bekommt ein Kind, wenn es 25 Meter geschafft hat – das ist eine Bahnlänge im Schwimmbad

"Da kann man sich bei idealen Bedingungen über Wasser halten, 25m Bahn, dass es warm ist, durchsichtig. Und wenn dieses Kind dann ins trübe Wasser kommt, im Binnenland oder am Meer, und da kommt eine Welle und es wird umgeschmissen, dann verliert es oft die Schwimmfähigkeit wieder. Ein Kind kann erst richtig schwimmen, wenn es mindestens Bronze hat, vergleichbar dem alten Freischwimmer, wo man sich mindestens eine Viertel Stunde über Wasser halten musste."

"Erst macht man Seepferdchen? Ja, dann Trixi, aber nicht in allem gibts Trixi, dann Bronze, Silber und Gold."

Die Kinder im Stadtbad Nord-Ost in Essen können schon einige dieser Schwimm-Abzeichen vorweisen. Sie profitieren von der guten Ausstattung der Stadt mit geeigneten Bädern, ist Frank Villmow von der DLRG überzeugt:

"Ich kann nur schwimmen lernen, wo Schwimmbäder sind. Fußball spielen kann ich auf der Wiese oder sonstwo, aber schwimmen lernen kann ich nur in vernünftigen Schwimmbädern."

7000 Schwimmbäder in Deutschland

Davon gibt es aber immer weniger, kritisiert die DLRG. 800 Bäder seien nach ihren Recherchen in Deutschland in den letzten Jahren geschlossen worden oder ihre Schließung sei geplant. Überdies verzichte bundesweit jede vierte Grundschule auf den Schwimmunterricht:

"Wir in Berlin haben da nicht ganz die großen Probleme, aber wenn irgendwo auf dem Dorf ein Bad dicht gemacht wird, und die nächsten 50, 60 Kilometer ist kein anderes Schwimmbad – wo sollen die Kinder schwimmen lernen? Das sind Riesenprobleme die wir haben in den Flächenländern."

Rund 7000 Schwimmbäder soll es heute in ganz Deutschland geben – etwa die Hälfte davon sind Freibäder. Das hat eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums im Jahr 2012 festgestellt. Vergleicht man diese Zahl mit der Sportstättenstatistik der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 2000, hat sich die Anzahl der Bäder im vorhergehenden Jahrzehnt sogar vermehrt. Anders, als die DLRG beklagt, seien rund 800 zusätzliche Bäder zu vermelden, erklärt Christian Ochsenbauer. Er ist Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, in der sämtliche Kommunen und Badbetreiber in Deutschland Mitglied sind. Ochsenbauer ist damit so etwas wie der oberste Schwimmbadverwalter der Nation:

"Obwohl wir natürlich unterschiedliche Ansätze zur Erhebung haben in diesen beiden Studien, hat uns das zumindest zu der Annahme gebracht, dass es in den letzten zehn, zwölf Jahren kein massenhaftes Bädersterben in Deutschland gegeben haben kann. Auf der anderen Seite wissen wir natürlich, dass die Kommunen erheblichen finanziellen Zwängen ausgesetzt sind. Das ist von Bundesland zu Bundesland ganz unterschiedlich, aber es gibt eine ganze Anzahl von Kommunen, die eben pleite sind, die kaum Geld aufbringen können für Infrastruktur Investitionen. Es ist tatsächlich so, dass insbesondere Freibäder im ländlichen Raum gefährdet sind."

Die meisten Frei- und Hallenbäder wurden in den 60er und 70er-Jahren errichtet. Damals waren die kommunalen Kassen noch gut gefüllt. Auch kleinere Städte und Gemeinden wollten attraktiv sein, etwas für ihre Bürger tun und vielleicht Touristen anlocken. Wie gewinnträchtig solch ein Bad im Laufe der Jahre sein würde, interessierte damals niemanden.

All das hat sich gründlich verändert. Es sind insbesondere die Sozialausgaben, die den Kommunen heute zu schaffen machen. Da kann der Unterhalt oder gar die Sanierung eines Bades schnell zur Last werden, erklärt Christian Ochsenbauer:

"Wir gehen im Moment davon aus nach der jüngsten Studie, dass wir ungefähr 4000 Freibäder haben, damit ist die Freibaddichte sehr sehr hoch. Und man kann sich unschwer vorstellen, dass eine Kommune mit 5 bis 10.000 Einwohnern natürlich vor erhebliche Probleme gestellt ist, wenn plötzlich so ein Freibad saniert werden muss, mit Beträgen von 3-4 Millionen Euro. Man kann das nicht aufbringen, und dann gibt es unter Umständen auch nur noch die Konsequenz, so eine Anlage dann stillzulegen."

Und das hat dann weitere Konsequenzen. Zum Beispiel für die Gesundheit der Bevölkerung. Schwimmen ist eine besonders gesundheitsfördernde Sportart, betont der Sportwissenschaftler Christian Lusch vom Zentrum für Sportmedizin in Berlin:

"Wasser hat ungefähr den tausendfachen Widerstand von Luft, zum anderen die 25-fache Wärmeleitfähigkeit, deshalb kühlen wir im Wasser zum Beispiel deutlich schneller aus als an der Luft."

"Es stellt einen Reiz dar, wir erhöhen im Wasser unseren Energieverbrauch, damit haben wir einen höheren Kalorienverbrauch aufgrund des höheren Wärmeverlustes. Je schneller wir uns bewegen wollen, desto mehr Kraft müssen wir aufbringen, das ist natürlich eine muskuläre Beanspruchung, die insgesamt gut ist und uns im Alltag meistens fehlt."

Permanentes Anarbeiten gegen die Schwerkraft

Im Alltag, an Land also, müssen wir permanent gegen die Schwerkraft anarbeiten. Wasser dagegen trägt – und das entlastet die Gelenke. Schwimmen gilt als eine besonders schonende Sportart, die auch Übergewichtigen und Patienten mit Athrose- oder Bandscheibenvorfall helfen kann. Aber nicht nur denen:

"Alle, die sitzen und so weiter. Wir komprimieren damit ja die Wirbelsäule die komplette Zeit, haben im Wasser ja den entsprechenden Auftrieb. Das heißt, auch die Wirbelsäule kann sich strecken, die Bandscheiben werden auseinandergezogen, können sich damit wieder mit Flüssigkeit füllen und dann auch ihre dämpfende Funktion ausüben."

Vielen Kommunen ist der Wert ihrer Bäder durchaus bewusst. Sie versuchen einiges, um die Anlagen trotz knapper Kassen zu erhalten.

Zum Beispiel Essen, eine Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern. 15 Schwimmbäder gibt es hier derzeit – zwei Freibäder und ein Freizeitbad wurden geschlossen. Kurt Uhlendahl leitet diesen Bereich für die Stadt. Wie hält er den Betrieb trotz fehlender Gelder aufrecht?

"Unser Hauptaugenmerk liegt, anders als vielleicht in anderen Großstädten, ausschließlich auf dem Schul-, Vereins- und öffentlichem Schwimmen, das heißt wir haben im eigentlichen Sinne kein Freizeitbad mehr. Wir haben uns darauf beschränkt, Bäder die wir schon hatten, aus den Baubooms der 60er und 70er-Jahre im wesentlichen zu ertüchtigen, erneuern und generalzusanieren, so wie hier, wo wir gerade sitzen. Man kann einfach sagen, in den Frühstunden von 6 bis10 gibt es Schwimmen für die Öffentlichkeit, für sogenannte Frühschwimmer, Feuchtjogger oder sportinteressierte Schwimmer, danach von 10-16 Uhr gibt es den reinen Schulbetrieb, und danach gibt es Vereinsschwimmen oder alternativ in den Abendstunden für öffentliche Badegäste Abendschwimmzeiten."

Das Essener Modell hat Charme. Weil es soziale Belange in den Vordergrund stellt, können hier nach Angaben der Stadt 90% aller Schulabgänger schwimmen. Dazu kommen moderate Eintrittspreise zwischen drei und vier Euro. Der Schönheitsfehler: Essener Bürger können nur noch frühmorgens oder abends schwimmen gehen, es sei denn sie weichen in eines der Freizeitbäder im Umland aus.

Schul- und Vereinsschwimmen bringt den Bädern allerdings kaum Geld. Um finanziell über die Runden zu kommen, ruht das Essener Modell auf einer weiteren Säule:

"Nämlich Badstandorte an Vereine oder Betriebsführer zu überlassen im Rahmen eines Vertrages, und uns bestimmte Aufgaben zu teilen. Aufgaben, die nicht von ausgewiesenen Fachkräften wahrgenommen werden müssen wie Reinigung, Organisationsaufgaben, Programme entwickeln für den jeweiligen Standort, das ist den Kooperationspartnern überlassen. Wir kümmern uns quasi um die Hardware, sprich die gesamte Bädertechnik, die Gebäudehülle wird von uns betreut."

Zusätzlich übernimmt die Stadt die Schwimmaufsicht. Mit Kursangeboten für Wassergymnastik, Aquajogging oder Babyschwimmen aquirieren die Schwimmvereine oder Betriebsführer eigene Einnahmen und bezahlen ihr Personal selbst. Sicherlich zu Löhnen, die unterhalb der Tariflöhne für den öffenlichen Dienst liegen. Etwa 200.000 D-Mark hat die Stadt so bei der Einführung des Modells pro Bad gespart, rund 20 Prozent der Gesamtkosten.

Gladbeck liegt knapp 30 Straßenbahnminuten von Essen entfernt. Im einzigen Freibad der 75.000 Einwohner-Stadt herrscht heute gähnende Leere – es ist allerdings auch nur 18 Grad warm und regnerisch. Absperrbänder flattern unter einigen Bäumen der großen Liegewiese – ein heftiges Unwetter hat Anfang Juni in der gesamten Region Äste und Strommasten abgerissen und ganze Bäume entwurzelt.

Im beheizten 50 Meter Becken ziehen zwei Sportschwimmer ihre Bahnen. Muss man solch ein Bad offen halten, wenn es doch kaum Besucher anzieht?

Die Stadt spart 100.000 bis 120.000 Euro jährlich ein

Wir hatten jetzt Pfingsmontag 2100 Besucher hier, also da war es schon einigermaßen voll. Dieter Nock ist einer von vier Hauptverantwortlichen vom SchimmVerein Gladbeck 13, die das Bad heute betreiben.

"Was wir hier haben, reicht noch ungefähr für 3500 Besucher, von der Liegewiese aus rechts runter haben wir dann unseren Schwimmbereich, das teilt sich auf in drei große Becken, einmal ein 50 Meter Becken, das ganzjährig auf 26 Grad beheizt wird, 100 Meter Becken unbeheizt, und ein Sprungbecken, 15 x 15 Meter groß, mit Sprungturm, im oberer Bereich haben wir noch mal ein Kleinkinderbecken."

Das 50 Meter Becken wird im Winterhalbjahr mit einer Traglufthalle überdacht, so bleibt das Bad ganzjährig geöffnet. Noch konsequenter als Essen hat die Nachbar-Stadt Gladbeck eines ihrer beiden Schwimmbäder in die Hände eines engagierten Vereins gelegt. Der SV Gladbeck 13 ist mit 1800 Mitgliedern einer der größten Schwimmvereine in Nordrhein-Westfalen. An der Wand der im 70er-Jahre-Stil erhaltenen Cafeteria stehen die Pokale dichtgedrängt im Regal. Schwimmer aller Altersklassen haben sie von Meisterschaften mit nach Hause gebracht. Ehrenamtlicher Geschäftsführer ist Lothar Sikorski:

"Vor elf Jahren hat die Stadt Gladbeck überlegt, das Bad hier zu schließen, oder an einen fremden Investor zu verkaufen, um möglicherweise ein Spaßbad errichten zu lassen. Dann haben aber die Gladbecker Sportvereine, Schwimmvereine insbesondere, aber auch andere gesagt: nein, wir möchten gerne, dass das Freibad so in dieser Form erhalten bleibt, weil es auch gleichzeitig für den Schwimmleistungssport sehr gut geeignet ist. Wir haben ein Betriebskonzept aufgestellt, als Schwimmverein Gladbeck 13, dieses Betriebskonzept sah dann vor, dass die Stadt mehr als 100.000 bis 120 000 Euro jährlich einspart."

Neben Kasse und Reinigung organisiert der SV Gladbeck 13 auch das Technik-Controlling und finanziert aus seinen Einnahmen sogar einen eigenen Schwimmmeister, einen zweiten bezahlt die Stadt.

"Wir bekommen von der Stadt rund 500.000 Betriebkostenzuschuss pro Jahr, mit diesem Betriebkostenzuschuss und unseren erwirtschafteten Einnahmen bewirtschaften wir dieses Bad und haben im Laufe der letzte elf Jahre schon 1,5 Millionen investiert. Investiert als Sanierungen überwiegend, wir haben aber auch eine neue Traglufthalle gekauft, die 250.000 Euro kostete. Die meisten Investitionen sind da hinein geflossen, wo man es gar nicht sieht, nämlich in die Technik des Bades."

"Die Suche nach Möglichkeiten ist ja eine ständige Herausforderung, und ich glaube das war eine günstige Konstellation, dass seinerzeit ein Verein sagte, ich springe jetzt mit in die Bresche."

Dieter Kessler ist bei der Stadtverwaltung Gladbeck unter anderem für das Freibad zuständig:

"Wir haben auch ein erhebliches Interesse, dieses Schwimmbad auch als Sportbetrieb zu erhalten. Und es kann ja nicht sein, dass wir jetzt plötzlich weniger Trainingsmöglichkeiten haben."

Schwimmbäder gehören zu den teuersten Sportanlagen überhaupt

Ein Schwimmbad, insbesondere ein Hallenbad, zählt zu den teuersten Sportanlagen, die es gibt. Heizung-, Belüftung und Wasserreinhaltung erfordern eine aufwendige Technologie und verbrauchen erhebliche Mengen an Energie. Dazu kommen hohe Personalkosten für Reinigung, Wartung und Sicherheit im Schwimmbecken. Zur Zeit wird in Deutschland ein durchschnittlicher Badegast mit zehn Euro bezuschusst - pro Besuch wohlgemerkt. Ein Rundgang im Keller des Essener Nord-Ost-Bades macht deutlich, warum Schwimmen ein kleiner Luxus ist.

"Da stehen zwei Lüftungsmaschinen, da und da, und die Kanäle, die man sieht, dienen lediglich der Lüftung und Entlüftung von Schwimmhalle und Umkleide."

Erklärt Kurt Uhlendahl vom Essener Bädermanagement:

"Zuluft wird eingeblasen, die wird natürlich erwärmt, weil das Bad wird damit auch z.Teil geheizt. Dann wird die warme Luft abgesaugt, entfeuchtet und dem Kreislauf wieder zugeführt, sogenannte Wärmerückgewinnung. Das hat man früher nicht gemacht, bei alten Bädern hat man Außenluft angesaugt, hat sie warm gemacht, mit 32 Grad in die Halle geblasen und dann übers Dach, über einen Ventilator weggeholt."

Immerhin, durch den Einbau moderner Technologie lassen sich die Betriebskosten deutlich senken. Nach erfolgreicher Sanierung muss Essen aber immer noch 3,9 Millionen Euro für die Energieversorgung seiner 15 Bäder ausgeben. Komplizierter als das Be- und Entlüftungssystem ist die Reinhaltung des Badewassers. Ein normales 25 Meter Becken im Hallenbad enthält rund eine Million Liter Wasser. Es wird nur wenige Male im Jahr vollständig gewechselt – aber für jeden Besucher lässt die Technikaufsicht 30 Liter Frischwasser ins Becken ein.

"Das, was man hier sieht, diese runden Behältnisse, sind die Filter, die filtern das Badewasser, wenn es aus dem Becken zurückläuft, das sind Sandschichtfilter, drei an der Zahl, das dient im Wesentlichen dazu, alles was an organischer Verschmutzung im Wasser enthalten ist, mechanisch wieder rauszufiltern. Dazu gibt's noch die chemische Aufbereitung durch Chlorung und Flockung, das sehen wir aber ein Stück weiter."

Hautschuppen, Haare, Schweiß, Keime und Sonnencreme. Anders als ein See reinigt sich ein Schwimmbecken eben nicht selbst. Mit Hilfe von Überlaufsystemen am Beckenrand wird ständig Wasser abgepumpt und durch die Filter geschickt, während gleichzeitig gereinigtes Wasser von unten neu zugeführt wird.

Sauberes Wasser als Kunststück

Heraus kommt kristallklares und wohltemperiertes Wasser im hellblauen Becken, für den Badegast eine Selbstverständlichkeit, für die Badbetreiber ein Kunststück, das nur mit chemischen Hilfsmitteln und aufwendigen Filtersystemen gelingt.

"Das macht dann fünf Euro fünfzig – Münzgeld."

Bei den Bäderbetrieben in Berlin wurden gerade erst die Eintrittspreise erhöht. 63 Schwimmhallen und Freibäder gibt es in der Hauptstadt insgesamt, die Preiserhöhung hat für Unmut und Unverständnis gesorgt, zum Beispiel bei Karin Wolf:

"Für dieses Bad, das ich immer besuche, also das Spreewaldbad kostet 7 Euro 50, der Eintritt. Weil es ein sogenanntes Spaßbad ist. Nur habe ich nichts von diesem Spaßbad, weil ich nämlich einfach morgens gerne meine Bahnen ziehen möchte und ziemlich geschockt war von dem Preis, den ich da für einmal schwimmen gehen zahlen soll. Das ist mir einfach zuviel!"

Nur 20 Prozent der Kosten kommen in Berlin über die Eintrittspreise herein, ob sich diese Zahl seit der Preiserhöhung zum Jahresanfang verbessert hat, lässt sich noch nicht sagen. Karin Wolf meldet Zweifel an:

"Die Bahnen waren längst nicht mehr so voll morgens, das ist mir schon aufgefallen."

40 Prozent der Badbesucher hat Berlin seit der Jahrtausendwende verloren. Das ist eines der Probleme, die Ole Bested Hensing in den Griff bekommen will. Vor einem Jahr hat er das Management der Berliner Bäderbetriebe übernommen:

"Wir möchten gerne ein paar neue Bäder bauen, statt die alten bis auf Teufel komm raus für sehr viel Geld zu sanieren. Und, wenn die dann fertig sind, die entsprechenden alten abzureißen. Das ist selbstverständlich eine politische Entscheidung, aber wir haben nicht davon gesprochen, dass wir Bäder schließen wollen, sondern wir wollen ja auch die Kapazität, die wir in Berlin haben, auch erhalten."

Wie kam es dann aber zu der Nachricht in der Lokalpresse, Bested Hensing wolle 14 Bäder schließen?

"Das ist eine sehr gute Frage. Weil wahrscheinlich jeder in Berlin vermutet, dass böse Dinge in den Gedanken der öffentlich Beschäftigten sind. Nein, das war nie unser Plan, primär Bäder zu schließen, sondern die Kapazität zu erhalten, die wir haben. Das ist unser Auftrag."

Damit mehr Geld reinkommt, setzt Bested Hensing allerdings auf mehr Spaßbäder. Denn das Angebot für sportorientierte Schwimmer sei bereits ausreichend: 

"Wir bieten im Augenblick zu wenig für Familien an, um Kinder an das Wasser zu gewöhnen, um Kinder heranzuführen, damit auch Familien längere Aufenthaltszeiten in den Bädern genießen. So ein Familienausflug am Sonntag oder am Samstag, das lohnt sich zumindest in eine Schwimmhalle im Augenblick nicht wirklich."

Ein Besuch im Stadtbad Schöneberg zeigt, wie sich der Berliner Bäderchef das Bad der Zukunft vorstellt: hinter dem Umkleidebereich im Erdgeschoss des Hallenbads liegt das große Nicht-Schwimmerbecken, durch ein mit Plastiklamellen verhangenes Tor kann man von hier nach draußen schwimmen. Eine große Rutschbahn schlängelt sich mit mehreren Umdrehungen in ein weiteres Becken, die Rutschwanne wird ständig mit Wasser gespült, zig Kinder stehen auf der Leiter Schlange.

Kostendeckender Betrieb und niedrige Eintrittspreise schließen sich aus

In der oberen Etage befindet sich dann das Schwimmerbecken mit Bahnen und Sprungturm, daneben liegt ein warmes Becken, in dem man sich vom Sprudelwasser massieren lassen kann. Ein Bad lässt sich nicht kostendeckend betreiben, wenn die Eintrittspreise bezahlbar bleiben sollen, sagt Christian Ochsenbauer von der deutschen Gesellschaft für das Badewesen.

"Wenn wir rein nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten unsere Bäder hätten, dass dann zunächst die Preise massiv erhöht werden müssten, in der Folge würde dann die Nachfrage mit Sicherheit zurückgehen. Wenn wir heute von 7.000 Bädern ausgehen, dann hätten wir in der reinen Marktwirtschaft mit Sicherheit maximal die Hälfte dieser Bäderanzahl."

Ob Schwimmbäder weiterhin ausreichend zur Verfügung stehen und jedes Kind schwimmen lernen kann, ist letztlich eine politische Entscheidung. Die große Koalition scheint allerdings noch nicht erkannt zu haben, dass man dafür eher mehr als weniger Geld investieren muss. Eberhard Gienger, ehemaliger Weltmeister im Kunstturnen, ist der Sport-Sprecher der CDU:

"Wenn die Möglichkeit besteht, ein Schwimmbad, Hallenbad, ein Spaßbad ökonomisch zu betreiben, dass man mit einer schwarzer Null herauskommt, dann sollte man die Möglichkeit auch ergreifen. Auch die anderen Parameter mit Ehrenamtlichen gegebenenfalls hier zu operieren, oder Mitgliedern der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, dann wäre das schon sehr zu begrüßen."

"Ein Schwimmbad mit einer schwarzen Null? Wo gibt es sowas?

"Jaa, also, es ist ja so, wenn die Schwimmbäder nicht attraktiv sind, dann fehlen natürlich auch die Gäste, die da hingehen."

Das Vorbild der Eltern fehlt

Eberhard Gienger führt die nachlassende Begeisterung für das Schwimmen auf das fehlende Vorbild der Eltern zurück. Und auf Migrantenkinder, die nicht zum Schwimmunterricht gehen. Das ärgert Özcan Mutlu, den sportpolitischen Sprecher der Grünen:

"Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich hab, als ich Landespolitiker war, diverse Anfragen gestellt, wie das Schwimmverhalten von Migrantenkindern ist, das ändert sich nicht signifikant von den Deutschen. Das ist eine soziale Frage – oft ist es tatsächlich so, dass sich Eltern, wenn sie mehrere Kinder haben, egal ob deutsch oder nicht deutsch, sich ein Schwimmbad nicht leisten können. Das Thema muslimische Mädchen und Schwimmunterricht wurde in Berlin sehr heiß diskutiert in den vergangenen Jahren, Statistiken zeigen aber, das ist kein Thema. Von tausenden jungen Mädchen, die am Schwimmunterricht teilnehmen, befreien sich ganz ganz wenige. Nicht im prozentualen, sondern im Promillebereich."

Özcan Mutlu will vor allem die Eintrittspreise senken, um auch größeren Familien den Badbesuch zu ermöglichen. Damit das finanzierbar ist, möchte André Hahn, innenpolitischer Sprecher der Linken, die Kommunen mit mehr Geld ausstatten. Nämlich mit den Fördermitteln, die die Europäische Union sowieso Jahr für Jahr zur Verfügung stellt:

"Wir wären schon sehr viel weiter, wenn man ein Drittel der Fördermittel, die vom Land verwaltet werden, direkt an die Kommunen gibt zur freien Verfügung. Dann können sie entscheiden: brauchen sie das Geld für Schwimmhalle, brauchen sie das Geld für die Kita, das Rathaus oder andere Dinge."

Bis jetzt müssen sich die Kommunen gezielt um Fördergelder für bestimmte Projekte kümmern. Wird kein Topf für Schwimmbäder aufgelegt, bleibt es eben unsaniert. Letzlich gehe es hier um Machtpolitik, kritisiert André Hahn:

"Man will aber mit dem Geld steuern, die Minister wollen gerne Fördermittelbescheide überbringen, man will damit Wahlkampf machen, man kann Bändchen durchschneiden. Ich glaube, die Kommunen können am besten und am ehesten entscheiden, was mit dem Geld zu tun ist. Natürlich wäre das ein Stück Machtabgabe des Bundes und der Länder, völlig klar. Aber das wäre für mich ein probates Mittel, das würde ja keinen Euro mehr kosten."

Wenn man den Kommunen immer mehr Aufgaben übergibt - dieser Eindruck drängt sich auf - müssen dafür auch mehr Gelder fließen. Nur dann wird sich die deutsche Bäderlandschaft auf relativ hohem Niveau erhalten lassen.

Mehr zum Thema:

"Schwimmunterricht ist einfach wichtig" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 12.09.2013)

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