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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.06.2010

Brecher: Israelis haben ernsthaften Widerstand nicht einkalkuliert

Historiker über den Angriff auf den Gaza-Hilfskovoi und das Primat der Gewalt

Daniel Cil Brecher im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte. (AP)
Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte. (AP)

Die Idee, dass Gewalt die einzige Sprache sei, die die Gegenseite verstehe, sei eine Logik, "die sich erst im Dauerstress der letzten zehn Jahre in den Vordergrund gedrängt hat", sagt der israelische Historiker Daniel Cil Brecher angesichts der Stürmung eines Gaza-Hilfskonvois durch die israelische Armee.

Stephan Karkowsky: Die Lage ist kompliziert: Israel blockiert das Hamasregime im Gazastreifen, ein Hilfskonvoi will diese Seeblockade brechen, israelische Marinesoldaten entern die Boote, werden an Bord angegriffen, schießen zurück, am Ende sind mindestens neun Helfer tot. Für die Türkei steht Israel als Schuldiger fest, die Weltöffentlichkeit reagiert empört. Aber ganz so einfach wollen wir es uns nicht machen, wir befragen deshalb den in Deutschland aufgewachsenen Israeli Daniel Cil Brecher, der in Israel als Historiker in der Armee tätig war und nun seit fast 25 Jahren in den Niederlanden lebt. Herr Brecher, seit August 2008 bereits bricht eine Hilfsorganisation mit dem Namen Bewegung Befreit Gaza, also Free Gaza Movement, regelmäßig Israels Seeblockade des Gazastreifens. Ist das nun aus Ihrer Sicht eine humanitäre Aktion oder doch eher eine politische Demonstration?

Daniel Cil Brecher: Ja, das eine schießt das andere nicht aus. Es ist eine Organisation, die sowohl politische wie humanitäre Ziele hat, beides, in beiden Fällen geht es um den Bruch der Blockade um Gaza.

Karkowsky: Das Ziel der Blockadebrecher ist es, auf die Versorgungslage in Gaza aufmerksam zu machen. Das lief ja bislang immer glimpflich ab, haben Sie eine Erklärung dafür, was diesmal so gründlich schiefging?

Brecher: Also die Flottille dieses Mal ist viel größer, es sind ja noch Schiffe unterwegs und es ist eine gewisse Steigerung sichtbar auf beiden Seiten. Die, das Free Gaza Movement versucht, den Druck zu erhöhen, und die israelische Regierung versucht, mit stärkeren Mitteln Gegengas zu geben, um es mal so auszudrücken.

Karkowsky: Haben Sie denn verstanden, warum die israelische Marine in diesem Fall unbedingt die Schiffe entern musste, anstatt sie einfach nur zu blockieren?

Brecher: Also Israelis haben sich darüber jetzt geäußert in den letzten 24 Stunden. Ich bekam den Eindruck, dass es darum ging, das größte dieser Schiffe zuerst zu entern in einer Aktion, die den Kapitän und die Leitung beeindrucken sollte oder verängstigen sollte, um sie so zum Abdrehen zu bewegen. Das war offensichtlich die Idee, deshalb wurde auch nur ein einziger Hubschrauber eingesetzt mit 15 Mann an Bord. Das war ja schon der Beginn der Tragödie, dass das alles nicht passte zueinander, die Mittel und die Ziele.

Karkowsky: Und glauben Sie Israel, dass es sagt, wir sind von den angeblichen Helfern dort angegriffen worden mit Stöcken, Messern und womöglich sogar mit Waffen?

Brecher: Also das stimmt, aber das ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt. Man sah ja in den Filmen, die von dem israelischen Kriegsschiff und vom Hubschrauber aus gemacht wurden, sah man ja auch teilweise, wie schwer diese Soldaten angegriffen wurden, und die mussten sich ganz sicher ihrer Haut erwehren und das hätte auch jeder getan, wenn er so angegriffen worden wäre. Aber das ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt, den wir da sehen. Was davor geschehen ist und was hätte geschehen sollen und warum überhaupt dieser Angriff auf diese Weise geplant und durchgeführt wurde, das sind noch die eigentlichen Fragen.

Karkowsky: Können sie denn verstehen, warum die Hilfskonvois zum Beispiel das Angebot Israels nicht angenommen haben, ihre Hilfsgüter an einem israelischen oder sogar an einem ägyptischen Hafen zu entladen und kontrollieren zu lassen?

Brecher: Ja, es ist wie gesagt eine Mission, die auch politische Ziele hat, und sie will ja die Weltöffentlichkeit dazu bewegen, mehr Druck auf Israel auszuüben. Es geht nicht nur um die Versorgungslage, sondern es geht um die Blockade selbst. Und darin passt natürlich eine Konfrontation, in eine solche Strategie.

Karkowsky: Dieses Mal waren zum ersten Mal Aktivisten des türkischen Vereins IHH an Bord, der in die Nähe von Terrorismus gerückt wird. Kann das denn sein, dass islamistische Hamas-Sympathisanten versucht haben, diesen Konvoi als trojanisches Pferd nach Gaza hinein zu nutzen?

Brecher: Also das ist die Lesart, die von der israelischen Regierung lanciert wurde schon vor der Konfrontation. Ich habe hier Emails in den letzten Tagen empfangen von israelischen Organisationen mit CIA-Dokumenten, in denen diese Verbindung zwischen dieser IHH und El Kaida und Iran hergestellt wird. Das ist aber eine ganz, das ist eine dieser Organisationen, die da mitmacht, und was nun genau dahinter steht, ob das nun eine direkte Linie von diesen Dokumenten, die zehn Jahre alt sind, zu dem Verhalten von 20 oder 30 Menschen an Bord dieses Schiffes zu ziehen ist, das kann ich mir nicht vorstellen.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den israelischen Historiker Daniel Cil Brecher, der vor 24 Jahren Israel verließ, um in den Niederlanden zu leben. Herr Brecher, man darf Israel wohl glauben, dass es kein Blut vergießen wollte an Bord dieser Schiffe. Aber man muss auch fragen, ist die israelische Armee überhaupt darauf vorbereitet, Konflikte im Zweifel gewaltfrei zu lösen? Sie kennen die Armee ja gut.

Brecher: Ja es ist immer, in der Tat hat die israelische Armee nur sehr langsam gelernt, im Laufe der Jahre haben sich, wurde die Armee auch ausgerüstet, um mit zivilem Protest umzugehen, ein Beispiel sind diese wöchentlichen Auseinandersetzungen an dieser Sicherheitsmauer in Bil’in, da werden, wird der zivile Protest auch mit zivilen Mitteln begegnet. In diesem Fall hat man nicht, hat man aus Gründen, die mir sehr interessant erscheinen, hat man aus … nicht dafür… diesen Weg nicht einschlagen wollen, also diese Schiffe eigentlich als zivilen Konvoi zu sehen und nicht als legitimes militärisches Ziel.

Karkowsky: Aber dass israelische Soldaten sich abseilen auf das Schiff und sofort anfangen, auf Schlafende zu feuern, können Sie sich das ernsthaft vorstellen?

Brecher: Also schlafen … Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Überraschungsangriff war, denn die Hubschrauber machen ja einen unglaublichen Lärm und alle wussten, dass früher oder später eine israelische Maßnahme kommen wird in dieser Nacht. Ich glaube, die Israelis haben gedacht, dass es keine ernsthaften Widerstand geben wird, und haben sich deshalb nicht darauf vorbereitet, haben auch die zivilen Mittel nicht einprogrammiert, die einem Blutvergießen hätten vermeiden können. Und am Schluss waren die israelischen Soldaten nicht, blieb ihnen nichts anderes übrig als sich mit Handfeuerwaffen zu verteidigen, das ist ja die Tragödie. Und die Frage ist, was ist daran, wer trägt da an all diesen Dingen die Schuld? Natürlich trifft auch die Leute an Bord Schuld, die hätten sich nicht auf diese Art und Weise auf die israelischen Soldaten stürzen sollen, das ist natürlich auch verantwortungslos und dumm.

Karkowsky: Soweit ich weiß, war Ihre eigene Armeezeit in Israel die Zeit, in der Ihnen erste Zweifel gekommen sind an der Struktur der israelischen Gesellschaft und ihrem Verhältnis zum Militär. Hat denn das Konzept Israel überhaupt eine andere Chance, als sich auf die unbedingte Verteidigung durch seine Soldaten zu verlassen?

Brecher: Natürlich, natürlich, natürlich. Dann, die Logik der, also das Primat der Gewalt, das ist etwas, was wir erst in den letzten zehn Jahren sehen. Davor gab es noch ganz andere Perspektiven einer friedlichen Lösung, die diese … Die Idee, dass nur, dass die Sprache der Gewalt die einzige Sprache ist, die die Gegenseite versteht, das ist eine Logik – übrigens auf beiden Seiten –, die sich erst in dieser, im Dauerstress, um es mal so platt auszudrücken, der letzten zehn Jahre in den Vordergrund gedrängt hat.

Karkowsky: Zivilgesellschaften in aller Welt machen einen klaren Unterschied zwischen kriegerischen Handlungen und zivilen Konflikten: Für das eine gibt es die Armee, für das andere die Polizei. Wird diese Grenze so klar auch in Israel gezogen?

Brecher: Nein, nein. Es gibt auch … das liegt auch daran, dass ja zum Beispiel in Israel selbst die Bevölkerung geteilt ist. Es gibt ja Israelis, jüdische Israelis, die die arabischen Israelis nicht als Bürger gleichen Ranges sehen und auch es als völlig selbstverständlich empfinden, dass dann die Militärpolizei zum Beispiel gegen sie eingesetzt wird.

Karkowsky: Für die Akzeptanz Israels in der Welt hat dieser Vorfall jetzt dramatische Folgen. Wie erklären Sie sich das denn, dass sich Israel immer wieder zu Aktionen provozieren lässt, die am Ende Israels Rolle in der Staatengemeinschaft schwächen?

Brecher: Ja es ist eine Mischung. Es ist einmal eine ganz rechtsextreme Regierung, ja die extremste Regierung, die wir in Israel gehabt haben, die eine andere Sprache spricht zu ihren Anhängern – eine Sprache, die wir völlig missverstehen und die andere ganz offensichtlich missverstehen, das ist eine Sprache von Gewalt und des Maximalismusses -, das ist das eine; das andere ist, dass es eine Art Eskalation hin zu einer übertriebenen Gewaltanwendung gegeben hat und dass innerhalb Israels diese Eskalation Sinn macht, innerhalb des israelischen Diskurses Sinn macht, aber nicht für uns sozusagen im westlichen Ausland.

Karkowsky: Zum tödlichen Vorfall bei der Verteidigung der israelischen Seeblockade Gazas hörten Sie den israelischen Historiker Daniel Cil Brecher, Herr Brecher, Ihnen vielen Dank für das Gespräch!

Brecher: Bitte, bitte, Wiederhören!

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