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Länderreport | Beitrag vom 18.02.2016

BraunkohleabbauWarum durch das Dorf Pödelwitz ein Riss geht

Von Michael Frantzen

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Pödelwitz - bis auf wenige Meter ist der Tagebau bereits ans Dorf gerückt. (picture alliance / dpa / Lutz Knauth)
Pödelwitz - bis auf wenige Meter ist der Tagebau bereits ans Dorf gerückt. (picture alliance / dpa / Lutz Knauth)

Pödelwitz soll weg. So will es die Mibrag - der Konzern will an die Braunkohle unter dem Ort. 700 Jahre Dorfgeschichte zählen da wenig. Doch ein harter Kern der Pödelwitzer wehrt sich gegen die Ausweitung des Tagbaus "Vereinigtes Schleenhain".

"Das ist die Dresch-Maschine."

Viel mehr Historie geht nicht. Jens Hausner huscht an diesem trüben Wintertag ein Lächeln über die Lippen. Fallen die Besucher immer aus allen Wolken, wenn sie hören, dass die Dreschmaschine über 200 Jahre alt ist. Sein Hof am Ortseingang von Pödelwitz, dem sächsischen Dorf, sogar 300 Jahre. Und das alles soll weg? Wegen der Braunkohle? Der Landwirt mit den Oberarmen eines Gewichthebers kann es einfach nicht fassen. 

"Nach dem Klimagipfel in Paris muss jedem Politiker, egal von welcher Fraktion, klar sein, dass Tagebau-Erweiterungen zum Braunkohleabbau kriminell und unverantwortlich gegen nachfolgende Generationen sind. Die einzig richtige Konsequenz für Pödelwitz ist eigentlich der Erhalt des Dorfes."

Hausner stapft los – Richtung Dorfplatz. 20 Hektar gehörten einmal zu seinem Hof, 17 sind weg; weg-gebaggert. Der Landwirt bleibt stehen: Da drüben, meint er und dreht sich nach rechts, keine vierhundert Meter entfernt: Wo früher einmal seine Felder waren, fressen sich jetzt die Schaufelbagger des Tagebaus "Vereinigtes Schleenhain" in die Tiefe.

Als nächstes ist Pödelwitz an der Reihe. So zumindest plant es die Mibrag. Ab 2028 will der Energie-Konzern die Braunkohle, die unterm Dorf lagert, abbauen. Vorher muss Pödelwitz noch devastiert werden. Spätestens bis 2018. Hausner verzieht das Gesicht. Devastieren: Das bedeutet nichts anderes als plattmachen. Aber nicht mit ihm. Zusammen mit einer Handvoll Mitstreiter hat er eine Bürgerinitiative gegründet. Pro Pödelwitz. Für den Erhalt des Dorfes – mit allem, was dazu gehört: Der romanischen Kirche genauso wie dem Friedhof oben auf dem Hügel.

Pödelwitz wehrt sich

"Warum sollen die Ahnen umgebettet werden? Wir machen hier keinen Leichen-Tourismus, bloß um wirtschaftliche Interessen eines Bergbau-Unternehmens zu befriedigen."

Ein vorbeifahrendes Auto: In Pödelwitz hat das Seltenheitswert. Ruhig ist es hier geworden, sehr ruhig. Die Jalousien vieler Häuser: Sie bleiben auch tagsüber unten. Ist um die Ecke von Thilo Kraneis, dem Mitstreiter von Jens Hausner, genauso. Doch den Schlosser stört das nicht. 

"Sie würden hier jemand treffen, wenn nen Verkaufswagen vom Fleischer oder Bäcker käme. Sonst erleben sie auf der Straße nicht viel. Das is ganz wenig. Aber das is in allen Dörfern gleich. Die Lebenszentren in den ganzen Dörfern sind ja weg gekommen. Es gibt keinen Rat der Gemeinde mehr, es gibt keinen Konsum mehr. Deswegen is uns gar nicht bang. Selbst wenn wir hier nur noch ein paar Familien sind, is das Leben für uns genauso lebenswert." 

Gut dreißig Jahre lebt Kraneis jetzt schon in Pödelwitz, genau wie Hausner, sein Nachbar, kann er sich einiges vorstellen, nur nicht das Dorf zu verlassen. Deshalb wälzen die beiden in ihrer Freizeit Akten, sprechen mit Anwälten, haben sie ein sächsisches Gesetz aus den späten 90ern ausfindig gemacht, in dem steht: Pödelwitz ist "Schutzgut". Kraneis will nicht weg. Nicht schon wieder. So wie Anfang der 80er, als sein Geburtsort dem Erdboden gleichgemacht wurde.

"Das war der Nachbarort Droßdorf. Und der is auch schon nen ganzes Weilchen überbaggert, also seit über dreißig Jahren. Da sind meine Eltern mit mir hier hergezogen – nach Pödelwitz. Das war ein grausamer Einschnitt in mein Leben. Gerade auch moralisch und die ganzen Aspekte mit Heimatgefühl – das fiel alles hinten runter. Ich bin dankbar, dass ich das hinter mir gelassen habe. Das will ich auf keinen Fall wieder erleben."

"Ja?! Was ist da mit Pödelwitz!"

Tönt es - einmal quer über den Tagebau - aus dem Rathaus von Groitzsch. Es ist Montag-Nachmittag, kurz nach zwei. Draußen, auf dem Markplatz, warten ein paar Schüler in überdimensionierten Fellkragen-Anoraks auf den Bus. Drinnen, im ersten Stock des wilhelminischen Klotzes, steht Bürgermeister Maik Kunze vor einem Dilemma. Alles wegen Pödelwitz, dem Ortsteil ganz im Osten; der Braunkohle.  

"Hach. Das ist zweischneidig zu betrachten. Auf der einen Seite ist es, denke ich, noch notwendig, wie es auch weitläufig gesagt wird, als sogenannte Brücken-Technologie. Aber ich denke, es ist zumindest ein Energieträger, der im Ausklingen ist."

Die Braunkohle mag zwar im Ausklingen sein: Das hat den Bürgermeister aber nicht daran gehindert, 2012 zu entscheiden: Pödelwitz kann devastiert werden. Seitdem herrscht mehr oder weniger Funkstille zwischen Kunze und den Pödelwitzer Wutbürgern; werfen Hausner und CO ihm Wortbruch vor. Der sonst so joviale CDU-Mann verzieht das Gesicht. Das schon wieder. Ja, meint er genervt, es stimme schon: 2010 habe er noch erklärt: Umsiedlung nur, wenn alle Pödelwitzer dafür sind. Aber das war damals.

"Drehen Sie doch mal den Spieß rum und wir hätten dort nichts gemacht, ich hätte die Hände in den Schoß gelegt und ich lass das laufen wie es läuft – da hätte ich immensen Druck von der anderen Seite bekommen, die umsiedeln wollten."

"Diese ganze Umsiedlung is losgetreten worden von den Pödelwitzern selbst. Und wir sind an die Mibrag herangetreten. Das war unser Wunsch, dass wir ausgesiedelt werden."

Neupödelwitz in Groitzch

Betont Christina Moritz – ihres Zeichens Rentnerin und stolze Besitzerin eines nagelneuen Bungalows im "Pödelwitzer Bogen", dem Neubaugebiet der Mibrag am Stadtrand von Groitzsch.

"Wollen se rein? Aber Schuhe müsse se ausziehen (Autor zieht Schuhe aus) Bin nämlich froh, dass ich langsam hier den Dreck raus hab."

Christina Moritz versteht nicht nur etwas von klaren Ansagen, sondern auch von Kopfrechnen. 75.000 Euro hat die Mibrag umzugswilligen Pödelwitzern pauschal gezahlt. Plus den Wert ihrer Häuser und Grundstücke. Den Umzug gab‘s oben drauf. 

"Hat wunderbar geklappt alles. Wir brauchten uns ja um gar nichts zu kümmern. Wir haben nur gesagt wann."

Zwei Tage hat der Umzug gedauert – von der alten in die neue Heimat. Gestern Abend war die Rentnerin zusammen mit ihrem Mann und Mira, dem Wachhund, ein letztes Mal in Pödelwitz. Noch ein paar Sachen holen; Abschied nehmen vom Hof; der eigenen Vergangenheit.   

"Pödelwitz ist 'n sehr, sehr schönes Dorf. Ringsrum grün. Wenn der Lärm und der Dreck nicht gewesen wäre – auch schon zu DDR-Zeiten: ein wunderbarer Ort."

Auf noch mehr Lärm und Dreck hatte Christina Moritz auf ihre alten Tage keine Lust mehr. Dann lieber der Neuanfang. 

"Es is uns eigentlich sehr, sehr gut bekommen – muss ich sagen. Schaun se mal: Wir haben hier weder 'ne Treppe nach unten noch eine Treppe nach oben. Wenn man älter is, fällt einem alles schwer. Hier haben sie alles zu ebener Erde. Was Besseres konnte gar nicht sein."

Zufriedene Neu-Pödelwitzer – das ist ganz nach dem Geschmack von Sylke Saupe. Die Leiterin der "Liegenschaften-Umsiedlung bei der Mibrag" rattert die Eckdaten des "Pödelwitzer Bogens" nur so runter: 3,6 Hektar groß die Fläche, a’ 24 Grundstücke. 14 schon bebaut: Mit Bungalows, eleganten Townhouses, nicht ganz so eleganten Zweifamilienhäusern. Die verbleibenden Grundstücke werden bis 2018 für umzugswillige Pödelwitzer frei gehalten. Saupe strahlt. Alles zum Wohle der Gemeinschaft.

"Geplant und vorgesehen ist - und schon im Rohbau fertig natürlich - ist ein sogenannter Souterrain, wo wir den Pödelwitzern nen Gemeinschaftsraum zur Verfügung stellen. Mit ner kleinen Küchenzeile, ner Nasszelle und mit Abstellmöglichkeiten."

Die Mibrag kann sich solche Spendierfreudigkeit leisten. Seit Jahren fährt die Tochter des tschechischen Energiekonzerns EPH satte Gewinne ein. Die Mibrag ist eine feste Größe im Kohlerevier um Leipzig - als Arbeitgeber: allein 2000 Direkt-Beschäftigte – und edler Spender gleichermaßen. Hier mal etwas Geld für einen Fußballverein, da mal 250 Euro für das "Zwergen-Land", den städtischen Kindergarten in Groitzsch. Alles Dank der Braunkohle, dem schwarzen Gold.

"Es ist eine nichtsubventionierte, kostengünstige Energie. Sauber. In Deutschland sauber."

Die Braunkohle – eine saubere Energie?! Da wird Jens Hausner ganz anders. Es ist später Nachmittag geworden. Feierabend. Aber was heißt schon Feierabend. Der Mann von der Agrargenossenschaft hat sich an seinen Wohnzimmertisch gesetzt. Rechts die Schrankwand, links das Bücherregal mit den Fotos seiner Kinder, vor ihm: Aktenordner. Die Fakten. Er blättert. Hier etwa: Ganz wichtige Zahl: Maximal 20 Millionen Tonnen Braunkohle lagern unter Pödelwitz. Klingt viel, doziert Hausner. Ist es aber nicht. Damit ließe sich das nahegelegene Kraftwerk Lippendorf gerade einmal anderthalb Jahre befeuern.

"Es gibt keine energiepolitische Notwendigkeit, das Dorf zu devastieren. Und jetzt sehen wir eigentlich die Landesregierung in der Pflicht, ein zum Teil bereits entvölkertes Dorf wieder zu bevölkern."

Hausner klappt den Aktenordner zu. Es reicht. Das Geld der Mibrag will er nicht. Bleiben schon eher. Aus Prinzip. Pro Pödelwitz.

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