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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.08.2011

Bräuninger: Es wird Umbrüche geben

Chinesische Billigarbeiter setzen höhere Löhne durch

Michael Bräuninger im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Chinesische Fabrikarbeiter (dpa / picture alliance / He Dongping)
Chinesische Fabrikarbeiter (dpa / picture alliance / He Dongping)

Der Forschungsdirektor am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut, Michael Bräuninger, glaubt, dass die Verhandlungsmacht von Billigarbeitskräften in China steigen wird, wenn die Arbeitskräfte knapp werden. Ferner sieht Bräuninger darin eine normale Industrieentwicklung.

Liliane von Billerbeck: Eine Reihe von Selbstmorden und Todesfällen chinesischer Arbeiter und die nachfolgenden Proteste in den Werken des taiwanesischen Technikkonzerns Foxkonn hatten zu Lohnerhöhungen für einstige Billigarbeiter geführt. Eigentlich eine gute Nachricht, doch nun will der Konzern, der unter anderem für Apple produziert, einen Teil der Arbeiter ersetzen - durch Industrieroboter. Welche Folgen hat eine solche Entwicklung, und wo wird sie künftig stehen, die Billig-Werkbank der Welt? Das wollen wir jetzt mit Professor Michael Bräuninger besprechen, Forschungsdirektor am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut. Ich grüße Sie!

Michael Bräuninger: Guten Morgen!

von Billerbeck: Zunehmend wehren sich auch einstige Billiglohnarbeiter gegen ihre Hungerlöhne, aber dafür braucht es doch Strukturen, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften. Wie ist das in China, wer organisiert dort diese Proteste und Verhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen?

Bräuninger: Ja, das sind Strukturen, die sich jetzt langsam erst herausbilden. Es gibt natürlich in China schon lange Gewerkschaften, aber die sind natürlich gleichgeschaltet gewesen mit der Politik, wie das in den meisten sozialistischen Ländern der Fall war. Insofern müssen sich hier neue Gewerkschaften herausbilden, die Gewerkschaften müssen ein neues Selbstbewusstsein entwickeln, es müssen sich eventuell aus Druck der Arbeitgeberschaft neue politische Strukturen entwickeln - aber das sind jetzt Anzeichen, dass so etwas geschieht. Tatsächlich sind in China in den letzten Jahren die Lohnerhöhungen größer geworden. China ist ja noch immer, was Einkommen und Löhne angeht, auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau, aber sie sind in den letzten Jahren schnell gewachsen und entwickeln sich jetzt langsam von einem Schwellenland in Richtung eines Industrielands. Und in diesem Prozess müssen sich neue Strukturen, neue Verhandlungsstrukturen herausbilden, aber es wird auch Umbrüche geben, das heißt, Löhne werden schneller wachsen, stärker wachsen. Das bedeutet dann aber auch, dass in bestimmten Bereichen die Produktivität erhöht werden muss, dass Arbeiter produktiver werden, mit mehr Kapital ausgestattet werden, dass mehr Maschinen eingesetzt werden, Arbeiter hier freigesetzt werden und dann in anderen Bereichen wieder neue Arbeitsplätze finden müssen.

von Billerbeck: Bleiben wir noch mal bei den Gewerkschaften, die Sie erwähnt haben. Sie haben gesagt, also einerseits gleichgeschaltete Gewerkschaften, um dieses Wort zu benutzen, andererseits neue Gewerkschaften, die also wirklich die Interessen der Arbeiter vertreten. Wie mächtig sind denn diese Gewerkschaften schon in China?

Bräuninger: Ich denke, das ist regional und sektoral sehr unterschiedlich, es ist auch sehr schwierig, das so allgemein von hier zu beurteilen. Eindeutig ist es so: Dort, wo Arbeitskräfte knapper werden, gewinnt Arbeitskraft an Verhandlungsmacht, und das zeichnet sich jetzt in China in verschiedenen Regionen ab. Wir hatten in China über viele Jahre sehr massive Wanderung von den Landregionen, von den ländlichen Regionen in die Städte, etwa ein Prozent der Bevölkerung ist da pro Jahr gewandert. Das ist schon seit einigen Jahren der Fall. Allmählich kommen Teile dieser Zuwanderung ein bisschen zum Stillstand, das heißt, in bestimmten Branchen werden Arbeitskräfte jetzt knapper. Und damit gewinnen sie sehr an Verhandlungsmacht, damit steigen dort auch die Löhne schneller. Bisher sind die Löhne im Durchschnitt stark gestiegen - weil die Arbeitskräfte vom Land von sehr niedrigen Löhnen in die Städte und dort etwas höhere Löhne oder in Relation deutlich höhere Löhne bezogen haben, deswegen ist der Durchschnittslohn gestiegen -, aber der Lohn in den Städten oder in den Regionen ist bisher noch relativ langsam gestiegen. Wenn jetzt dieser Prozess der Wanderung allmählich zu einem Auslaufen kommt - der wird auch noch anhalten, aber nicht mehr in der Geschwindigkeit sich fortsetzen --, dann werden die Löhne in den Städten stärker steigen, weil die Verhandlungsmacht auch stärker steigt.

von Billerbeck: Gibt es auch so was - also wenn wir jetzt erleben, dass in bestimmten städtischen Gebieten in China die Löhne steigen, weil die Arbeitskräfte eben knapp sind -, gibt es dann auch so was wie eine Binnenwanderung, dass die Arbeitskräfte dann verdrängt werden in die Regionen, wo man eben noch für sehr, sehr wenig Geld produzieren kann?

Bräuninger: Zum Teil wird Produktion verlagert in andere Regionen, tatsächlich ist das aber ja ein erwünschter Prozess. Wenn Arbeitskraft in einer Region knapp wird, dann profitieren natürlich die Arbeitskräfte in den Regionen, in denen bisher die Löhne noch sehr, sehr niedrig sind, die noch sehr unterentwickelt sind. China hat noch große Bereiche in ländlichen Regionen, in denen die Löhne sehr niedrig sind, wo noch keine Industrialisierung stattgefunden hat, wo noch sehr rückständige Strukturen auch da sind. Wenn jetzt hier Infrastruktur aufgebaut wird, wenn hier jetzt Firmen aufgebaut werden, dann ist das für diese Regionen natürlich auch eine große Chance. Das gilt innerhalb Chinas, das gilt aber auch in anderen Regionen. Hier gibt es sicherlich auch die Möglichkeit, dass in anderen Schwellenländern das Wachstum jetzt stärker zunimmt, dass also in weitere Regionen investiert wird.

von Billerbeck: Beobachten Sie so etwas häufiger, dass sich auch anderswo, also außerhalb Chinas, Billigarbeiter gegen ihre Ausbeutung wehren, oder waren das extreme Einzelbeispiele?

Bräuninger: Die Billigarbeiter fangen dann an, sich zu wehren, wenn sie die Chance sehen. Bisher waren die Billigarbeiter mit ihrer Billigarbeit ja sehr zufrieden, denn sie war ... alles sehr viel besser als das, was sie vorher hatten. Insofern waren die Billigarbeiter bisher glücklich über diese Löhne, die sie hatten, denn auf dem Land wäre es ihnen noch sehr viel schlechter gegangen. Mit zunehmendem Wohlstand in den Ländern und zunehmender Knappheit an Arbeitskräften werden sich die Arbeitskräfte weiter verbessern wollen und werden dann auch im Verhandlungsprozess und eventuell auch mit politischem Druck, das ist kein einfacher Verhandlungsprozess, ihren Anteil an der Produktion erhöhen und langsam von Billigarbeitern zu besser bezahlten Arbeitern aufsteigen.

von Billerbeck: Erkennen denn eigentlich Länder wie China, dass so eine Verbesserung des Wohlstandes der Arbeiter auch fürs Wachstum ja Impulse bringen kann, und lassen diese Verbesserung auch deshalb zu?

Bräuninger: Das bringt natürlich das ... China hat das bisher ziemlich erfolgreich gemanagt in dem Sinne, dass sie gestartet sind tatsächlich mit einer starken Exportorientierung - aber mit zunehmendem Wohlstand im Land und jetzt in der Rezession hat China sehr stark den Schwenk gemacht, zum Teil durch explizite Konjunkturprogramme, aber zum Teil auch durch eine andere Lohnpolitik, dass sie jetzt zunehmend auf die Binnennachfrage setzen, und China hat ja eine gewaltige Binnennachfrage. Wir sehen, dass China für verschiedenste Produkte in der Zwischenzeit der größte Markt ist, dass China der größte Automarkt ist oder wird, und dass also China nicht nur exportiert, sondern in der Zwischenzeit auch importiert in großen Mengen.

von Billerbeck: Wie reagiert denn nun der reiche Westen auf solche Entwicklungen, dass es in den einstigen Billiglohnländern oder -gebieten Erhöhungen des Lohns gibt? Wird dann einfach die Produktion verlagert und zack?

Bräuninger: Ja, in Teilen wird die Produktion verlagert, das klingt aber so negativ bei Ihnen, das ist doch zum Teil höchst positiv, das gibt doch für andere Regionen die Chance, auch einen entsprechenden Entwicklungsprozess durchzumachen. Wenn die Produktion verlagert wird in Regionen, die bisher überhaupt keine Produktion haben, ist das für die höchst wünschenswert. Und sie wird ja auch nicht verlagert und es bleibt nichts anderes da, sondern in den Regionen, in denen jetzt die Produktion zum Teil verlagert wird, entsteht ja andere oder mehr Produktion. Dort kann aufgrund der Binnennachfrage eine stärker binnenorientierte Produktion dann auch stattfinden, das heißt, die exportorientierten Branchen wandern ab, die auch sehr einfache Arbeit brauchen. In China ist das Qualifikationsniveau in den letzten Jahren deutlich angestiegen, die können dort immer mehr hochwertige Produkte bauen und fragen diese auch nach gleichzeitig, das heißt, sie bauen nicht und verdrängen damit nur andere, sondern sie bauen das für einen eigenen Markt, der wächst, parallel und homogen. Wir handeln sehr, sehr viel mit gleich großen und gleich weit entwickelten Volkswirtschaften: Wir handeln mehr innerhalb Europas und mit den USA, als mit den Schwellenländern. Insofern ist ein Wachstum und ein Aufholprozess von China hier nicht nachteilig von uns, sondern davon können wir auch sehr viel profitieren. Und wenn da in diesem Prozess dann andere Produktionsstätten verlagert werden, dann ist das für die Regionen, in die die Produktionsstätte verlagert wird, ein höchst wünschenswerter Prozess. Und wenn in China in bestimmten Regionen mehr Maschinen eingesetzt werden, dann bedeutet das nichts anderes, als dass dort die Produktivität steigt, dass mehr pro Stunde geleistet wird und dass deswegen auch höhere Löhne gezahlt werden.

von Billerbeck: Und dass China natürlich auch auf lange Sicht gesehen eine Konkurrenz wird für die westliche Wirtschaft.

Bräuninger: China ist schon immer eine Konkurrenz, wir stehen, wir leben in einer Marktwirtschaft, in der Firmen miteinander konkurrieren, aber weil verschiedene Nationen ... Also wir handeln mehr mit gleich weit entwickelten Nationen, und wir haben insofern große Chancen, wenn in China das Einkommen wächst und die Produktion wächst, weil wir dann dort auch hin mehr exportieren können. Insofern ist das zugleich eine Herausforderung mit mehr Konkurrenz, aber auch eine Chance, mit einem ... neuen Absatzmärkten, mit höheren Einkommen, in die wir exportieren können. Insofern ist das nicht negativ zu sehen, sondern durchaus eine sehr positive Entwicklung.

von Billerbeck: Dass ich das so vom Klang her negativ bewertet habe, die Verlagerung von Billigproduktionen, hatte ja damit zu tun, dass dann dort möglicherweise die gleichen Prozesse - erst mal ganz harte Arbeit für die Arbeiter - losgehen, die wir in China beobachtet haben, auch wenn das für die vergleichsweise erst mal mehr Geld ist.

Bräuninger: Ja, das ist für die erst mal eine Verbesserung. Wenn Sie nicht mit einem, sagen wir mal, sehr niedrigen Niveau starten würden, das aus unserer Sicht vielleicht auch viel zu niedrig ist aus moralischen Gesichtspunkten oder so was, dann würde die Produktion ja nicht in diese Region verlagert werden. Also hätten Sie auch nicht die Chance. Also der Wachstumsprozess setzt voraus, dass man am Anfang dieses Prozesses eventuell sehr billig arbeitet, weil die Produktivität sehr niedrig ist. Dafür hat man die Chance, gering qualifizierte Arbeitskräfte in großen Mengen auch zu beschäftigen. Je besser die Arbeitskräfte qualifiziert werden, je mehr sie mit Maschinen ausgestattet werden, desto höher werden dann die Löhne steigen.

von Billerbeck: Sagt Michael Bräuninger, Forschungsdirektor am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut. Danke Ihnen für das Gespräch!

Bräuninger: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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