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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.03.2016

Borkenkäfer und Giftpilze aus AsienBedrohungen der heimischen Wälder

Von Thomas Wagner

Abgestorbene Fichten im Harz (picture alliance / Stephan Persch)
Abgestorbene Fichten im Harz (picture alliance / Stephan Persch)

Vor drei Jahrzehnten erlangte ein deutsches Wort in Frankreich traurige Berühmtheit: "Le Waldsterben", damals konnte die Bedrohung des Waldes durch sauren Regen abgewendet werden. Jetzt befürchten Forstexperten ein ähnliches Szenario, allein die Gründe sind andere.

Vor dem Gebäude plätschert ein kleiner Bach, dahinter viele hundert Bäume auf einem leicht ansteigenden Hügel: Günterstal bei Freiburg - in einem mächtigen Landhaus ist die forstliche Versuchs-und Forschungsanstalt Baden-Württemberg untergebracht. Und vielen, die hier arbeiten, ist ihr Forschungsobjekt auch persönlich ans Herz gewachsen:

"Ich gehe regelmäßig in den Wald, auch in meiner Freizeit, mit dem Mountainbike oder beim Joggen. Und bei der Gelegenheit kann ich nicht abschalten. Ich schaue ständig, wie es den Bäumen geht."

"Ja, ich habe in der Freizeit immer meine Kamera dabei. Und wenn ich interessante Dinge finde, kann ich dann auch gleich die Fotos machen."

Forstwissenschaftler Horst Delb im Gespräch mit dem Biologen Berthold Metzler; beide haben sich auf Walderkrankungen spezialisiert. Metzler, der seine Waldspaziergänge nie ohne Kamera antritt, hatte in letzter Zeit viel zu fotografieren.

"Zum Beispiel beim Eschentriebsterben werden ja viele Eschen eingeschlagen, aus Sicherheitsgründen. Man sieht eingeschlagene Stämme am Straßenrand. Man sieht, dass da mehr Luft ist im Bereich der Straßen, weil man die Eschen eben abgeräumt hat."

Entdeckung der Baumkrankheit wie ein Krimi

Und so haftet Metzlers Bilder denn ein Hauch von Traurigkeit an. Immer mehr Lücken im Wald, weil Bäume keinen Halt mehr finden und deshalb gefällt werden müssen - das so genannte "Eschentrieb-Sterben" gilt als eine der größten Bedrohungen für die heimischen Wälder. Die Symptome: Ein vorzeitiges Verwelken der Blätter, schließlich eine Verfärbung und schließlich Absterben seitlicher Asttriebe, im späteren Verlauf sogar des gesamten Baumes.

"Die Entdeckung des Eschentrieb-Sterbens hat sich fast gestaltet wie ein Krimi, kann man sagen: Es hat ganz unscheinbar angefangen in den 90er Jahren in Polen, im Baltikum. Wir hier in Baden-Württemberg haben 2009 das Eschentrieb-Sterben beobachtet. Seitdem hat es massiv zugenommen."

Erst großes Rätselraten über mögliche Ursachen, dann, nach Jahren intensiver Forschung, des Rätsels Lösung:

"Das ist eine Pilzkrankheit – ein Pilz, der aus Asien stammt. Der kam zu uns wahrscheinlich mit Warensendungen in irgendwelchen Containern."

Damit ist eine der Hauptbedrohungen für die heimischen Wälder der zunehmenden Globalisierung geschuldet: Der weltweite Warenaustausch bringt Krankheitserreger aus fernen Kontinenten nach Europa. Und die greifen auch die Waldbestände an. Der Pilz, der das Eschentrieb-Sterben verursacht, ist dabei nur eines von vielen Beispielen, betont der Freiburger Forstwissenschaftler Horst Dell:

"In Bezug auf diese, wir nennen die ‚gebietsfremde inversive Schadorganismen‘, gibt es nicht nur Pilze, die uns große Sorgen machen, sondern auch Insekten wie der asiatisch Laubholz-Bockkäfer. Der wird via Verpackungsholz in der Regel aus China hierher verschleppt und birgt die Gefahr, dass er Laubhölzer, lebende Laubhölzer, gesunde Laubhölzer befallen kann und diese zum Absterben bringt."

Insekten aus fernen Ländern sind eine neue Herausforderung

Die Experten beobachten deshalb sehr aufmerksam die Waldbestände hierzulande: Entdecken sie einen befallenen Baum, hilft aus ihrer Sicht nur noch die Säge:

"Wir würden versuchen, diesen Schädling über diese Vernichtung des Baumes, in dem er lebt, dementsprechend zu vernichten."

Bedrohungen, die über Insekten und Krankheitserreger aus fernen Ländern eingeschleppt werden, stellen eine neue Herausforderung für die Forstexperten dar. Dabei nehmen Bedrohungen, mit denen sie schon seit Jahr und Tag zu kämpfen haben, keinesfalls ab – im Gegenteil:

"Der Borkenkäfer ist ständig eine erheblich Bedrohung!",

betont Forstwissenschaftler Horst Delb. Borkenkäfer nisten sich zumeist in der Rinde eines Baumes ein und fügen diesem großen Schaden zu. Kommen dann noch Stürme dazu, die Äste abknicken und auf den Waldboden fallen lassen, ist dies ein idealer Nährboden für die Schädlinge.

"Dort entwickelt er seine Massenvermehrung. Und wenn die Massenvermehrung einmal am Laufen ist, dann werden auch stehende, gesunde Fichten befallen und in großem Maße dahingerafft."

Klimawandel begünstigt Vermehrung des Borkenkäfers

Ein regelrechtes Horrorszenario aus Sicht der Experten, zudem noch ein weiterer Umstand hinzukommt: Je wärmer es ist, desto wohler fühlt sich der Borkenkäfer - und desto größer die Gefahr für den Wald.

"Wir haben jetzt gerade im letzten Sommer 2015 so ein Jahr gehabt: Die Borkenkäfer konnten sich kräftig entwickeln. Und wir befürchten jetzt für 2016 eine erhebliche Gefährdung unserer Fichtenwälder."

Der Grund: Der Klimawandel und die damit verbundene Temperaturerhöhung wird auch in den kommenden Jahren der Verbreitung des Borkenkäfers nicht Einhalt gebieten.

"Die Hitze an sich und die Trockenheit führen häufig dazu, dass es zu Wipfelschäden kommt bei verschiedenen Baumarten und dass auch weitere Schädlinge hinzukommen, um die Bäume abzutöten."

Dies alles aufmerksam zu beobachten, neue Bedrohungen zu erkennen – das ist der Alltag für die Experten der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Baden-Württemberg in Freiburg. Intensiv denken sie über Abhilfe nach, manchmal durchaus erfolgreich. Beispiel Eschentrieb-Sterben: Hier könnte die Zucht von resistenten Eschenarten dem aus Fernost eingeschleppten Pilz Paroli bieten. Beispiel Waldsterben, ein Schreckgespenst, das vor rund drei Jahrzehnten umging und dem hohen Gehalt an Luftschadstoffen geschuldet war. Hier habe sich, so Berthold Metzler, vieles zum Guten gewendet:

"Also wir haben, was Schwefel betrifft, weniger als zehn Prozent von dem, was wir 1980 hatten. Und es war damals nur zehn Prozent von dem, was zum Beispiel in China, in den Ballungsgebieten, herrscht."

Und so ist das Waldsterben zwar ausgefallen - zum Glück. Die Bedrohungen für den Wald an sich nehmen aber ganz allmählich wieder zu. Forstwissenschaftler Horst Delb:

"Es ist so, dass das Grundrauschen, der Grundlevel im Steigen ist. Wir haben Jahre, wo wir ruhig schlafen. Und wir haben Jahre, wo wir kaum noch schlafen, weil uns die Insekten und die Pilze so viel Sorgen bereiten. Dieses Jahr hängt es ganz stark davon ab, wie die Witterung im Sommer ausfallen wird. Aber die Ausgangsbedingungen sind so, dass wir befürchten, dass es bei entsprechender Witterung zu großen Problemen kommen wird."

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