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Kompressor | Beitrag vom 25.02.2016

Boris Lurie in BerlinWerkschau eines kompromisslosen Künstlers

Von Anette Schneider

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Das Werk "Suitcases" des Künstlers Boris Lurie in der Ausstellung "Keine Kompromisse!" im Jüdischen Museum Berlin. (dpa/ picture-alliance/ Jörg Carstensen)
Boris Lurie wollte mit seinen Werken aufrütteln. Das Jüdische Museum Berlin würdigt ihn nun mit einer Ausstellung. (dpa/ picture-alliance/ Jörg Carstensen)

Mit "NO!Art", einer Art Gegenkunst, wollten Boris Lurie und seine Freunde seit Ende der 1950er Jahre die selbstzufriedene US-Gesellschaft aufrütteln. Lurie, der mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, wollte mit seinen Werken abstoßen. Nun zeigt das Jüdische Museum 200 Collagen, Objekte, Zeichnungen und Ölbilder unter dem Titel "Keine Kompromisse!".

An der Wand hängt ein Stück gerahmtes Sackleinen. In der Mitte klebt ein Zeitungsfoto. Es zeigt Überlebende eines gerade befreiten Konzentrationslagers. Umkränzt wird das Foto von Bildern nackter Pin-Up-Girls.

"Kunst muss weh tun!"

Das sagten sich 1959 auch Boris Lurie und seine jüdischen Freunden Sam Godman und Stanley Fisher, als sie die Gruppe "NO!Art" gründeten. Alle drei waren sich einig, so Kurator Hellmuth Braun: 

"Kunst muss weh tun! Dass man bestürzt ist. Dass man vielleicht auch angewidert ist und abgestoßen!" 

"NO!Art" platzte damit in das schöne Selbstbild eines Landes, dass seine sozialen Probleme und imperialistischen Interessen hinter der glitzernden Fassade der Konsumgesellschaft versteckte. Und, so die stellvertretende Direktorin Cilly Kugelmann: 

"Bei Boris Lurie kommt noch hinzu, dass er eine Kunst macht, die sehr geprägt ist von seinen Erfahrungen in der Shoah, oder in der Massenvernichtung der europäischen Juden, und es unerträglich findet, in einer Gesellschaft wie der USA, in der die erste Berichterstattung über die Massenvernichtung in Fotomagazinen ist neben Werbung. Und das macht ihn alles so wütend!" 

Lurie wollte die unangenehmen Sachen machen

Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren. Er wuchs in Riga auf, wo er ein deutsches Gymnasium besuchte. 1941 begann der faschistische Albtraum: das Getto. Die Erschießung von Mutter, Schwester, Freundin. Das Zwangsarbeitslager. Das Konzentrationslager Stutthoff. Das Konzentrationslager Buchenwald. Dann: die Befreiung. 1946 die Emigration mit dem Vater nach New York. Und: Boris Lurie wurde Maler: 

"Ich kann mich erinnern, dass ich damals ganz konkret darüber nachgedacht habe. Zum Beispiel liebe ich sehr den Impressionismus. Und ich konnte das auch ganz gut machen, als ich anfing. Aber da entstand immer das Problem im Sinn: Das darfst du nicht machen! Du musst die unangenehmen Sachen machen. Die harten Sachen machen, nicht wahr? Und die harten Sachen wieder, die brachten mir nicht viel persönliches Glück." 

Die Ausstellung umfasst Arbeiten aus den 1940er bis 80er Jahren, außerdem einen Raum mit Fotografien und Videofilmen. 

In Werkgruppen gegliedert sieht man frühe, kleine Zeichnungen von KZ-Überlebenden sowie einige albtraumhafte KZ-Szenen. Bereits Mitte der 50er begann Lurie mit Collagen, mit NO!Art: Weil er auch vom Heute erzählen wollte, konfrontierte er Bilder ermordeter Juden mit Gewalt-, Porno- und Werbebildern aus aktuellen Magazinen. Oder er zerkratzte 1963 die Wahlplakate eines der Vorbereiter des Vietnamkrieges und übermalte sie mit triefendem Rot. 

Cilly Kugelmann: "Das "NO!" ist ein "Nein!" zur konventionellen Gesellschaft, zur kapitalistischen Wirtschaftsform, zu einem gefälligen, bloß dekorativen Kunstmarkt!" 

Luries Antrieb waren Wut, Hass und Ekel gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Weil sich die bis heute kaum verändert haben, wirken viele seiner Arbeiten noch immer unmittelbar. Etwa die in den 60er Jahren entstandene Serie "Love-Stories", in der Lurie pornografische Bilder gefesselter und geknebelter Frauen auf Leinwand klebt. Frauen in Gesten der Erniedrigung und Demütigung, wie sie in Konzentrationslagern von Häftlingen verlangt wurden. In Vietnam. In Abu Ghraib. Damals wollte niemand die NO!Art sehen. Die Kunstszene feierte lieber abstrakte Malerei und Pop-Art. 

Boris Lurie: "Pop-Art war eine Glorifizierung der amerikanischen Gesellschaft, der Konsumgesellschaft. Die werden vielleicht sagen, dass das eine ganz milde, quasi humoristische Kritik war. Aber faktisch war das (eine) vollkommene Bejahung der Konsumgesellschaft." 

Lurie quälte sich mit seinem Außenseiter-Status

Für die NO!Art-Künstler galt weiterhin: Keine Kompromisse! Sie konnten es sich leisten: Lurie hatte geerbt, die drei besaßen ihre eigene Galerie. Doch, so Cilly Kugelmann: 

"Die USA ist für ihn eine Terra Incognita. Ein fremdes Gebiet. Und Menschen, die das überlebt haben, was er überlebt hat, sind in der Welt nicht mehr heimisch. Und er ist der Außenseiter in der Kunst - und das ist eine tiefempfundene Qual, die sich auf sehr besondere Weise in seinen Arbeiten artikuliert." 

Die Fremdheit bezog sich nicht nur auf die USA. Bereits Mitte der 50er Jahre hatte Lurie versucht, in Paris zu leben, war aber bald ernüchtert zurückgekehrt. Die Gründe dafür sieht man in dem wohl schmerzlichsten Raum der Ausstellung: da stehen bemalte, mit großem Judenstern versehene Koffer. Und an den Wänden hängen zahlreiche, bis zu 2 Meter 30 mal 3 Meter 30 große Bilder, deren grelle, collagenhafte Farbflächen Boris Lurie mit großen Buchstaben übermalte: Mit Hassparolen gegen Israel. Mit Morddrohungen gegen Juden. Wie Lurie sie in Frankreich gesehen und gehört hatte. 

Auch daran hat sich bis heute nichts geändert.

Das Jüdische Museum zeigt "Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie" noch bis zum 31. Juli 2016.

 

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