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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.02.2016

"Borgen" in der Berliner Schaubühne"Pegidahafte Simplifizierung"

Jürgen Trittin im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ein Porträt der dänischen Schauspieler Sidse Babett Knudsen und Mikael Birkjær, die in der Serie "Borgen" mitspielen (picture alliance / dpa / WDR/ARTE France/ M. Kollöffel)
Wird in der Serie "Borgen" die Ministerpräsidentin Dänemarks: Brigitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) mit ihrem Mann Philip (Mikael Birkjær) (picture alliance / dpa / WDR/ARTE France/ M. Kollöffel)

In der Berliner Schaubühne steht "Borgen" auf dem Programm: Eine TV-Serie im Theater. Wir haben Borgen-Fan Jürgen Trittin gebeten, sich die Sache anzuschauen. In der Inszenierung habe das Plakative gewonnen, die Differenzierung sei verloren gegangen, so der Grünen-Politiker.

Für den Grünen-Politiker und ehemaligen Umweltminister Jürgen Trittin ist die dänische TV-Serie "Borgen" die Antwort des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf die um sich greifende "Sucht nach Vereinfachung" und die "Denunziation von Politik als bloßes Geschäft einer kleinen Klasse, die mit dem wirklichen Wesen des Volkes nichts mehr am Hut hat". Sie habe anschaulich gezeigt, wie in einer komplexen demokratischen Gesellschaft sehr unterschiedliche Interessen "das bilden, was wir Politik nennen", sagte Trittin im Deutschlandradio Kultur.

Davon ist aber in der Schaubühne nicht mehr viel übrig geblieben, findet Borgen-Fan Trittin. In der Inszenierung von Nicolas Stemann habe das Plakative gewonnen, die Differenzierung sei verloren gegangen. Trittin warf dem Regisseur eine "pegidahafte Simplifizierung" des Themas Politik vor – Stemann sei dem Komplexitätsproblem schlicht ausgewichen. Im Mittelpunkt der TV-Serie "Borgen" steht die dänische Politikerin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen), die unerwartet zur Premierministerin gewählt wird, später ihr Amt wieder verliert und dann eine neue Partei gründet. Die Geschichte konzentriert sich besonders auf den Einfluss der Medien auf die Politik.


 

Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Birgitte Nyborg, Kasper Juhl, Katrine Fønsmark – wem diese drei Namen etwas sagen, der hat sich als Kenner der dänischen Fernsehserie "Borgen" geoutet, die auch hierzulande begeisterte Zuschauer fand.

Ich habe sie mir gerade beim Malern noch mal angehört. Es geht darum um die großen Fragen der Politik, um Macht und Machterhalt, um Wahrheit und Lüge, oder, wie der Spin-Doktor der Premierministerin es nennen würde, um die Erzählung, den Dreh, den man seinem Tun geben muss, und auch um den Preis, den die Menschen dafür zahlen müssen, wenn sie Macht bekommen und ausüben.

Gestern hatte nun in der Berliner Schaubühne ein Stück Premiere nach der Serie "Borgen", in der Regie von Nicolas Stemann. Und weil es darin um Politik geht, haben wir keinen unserer Theaterkritiker gebeten, sich das Stück anzusehen, sondern einen Politiker, der zudem auch noch ein Fan der Serie "Borgen" ist, den einstigen Bundesumweltminister und Bundestagsabgeordneten von Bündnis90/Die Grünen, Jürgen Trittin. Schönen guten Morgen!

Jürgen Trittin: Guten Morgen, Frau von Billerbeck.

von Billerbeck: Als Fan der dänischen Fernsehserie über die Hochs und Tiefs der Politik mit zig Protagonisten waren Sie gestern bei "Borgen" in der Schaubühne. Wie war es denn?

Stemann ist mit zentralen Aussagen der Serie nicht einverstanden

Trittin: Es war drei Stunden lang, und es war eben eine Interpretation beziehungsweise die Sicht von Nicolas Stemann, dem Regisseur, auf diese Serie. Und er ist ja mit zentralen Aussagen der Serie eben nicht einverstanden.

von Billerbeck: Wie bringt Stemann die Fernsehserie denn auf die Bühne?

Trittin: Sie haben natürlich erst mal das Problem der Transferierung einer Fernsehserie auf die dramaturgische Ebene der Bühne, das führt zu bestimmten Gewinnen und Verlusten. Das Plakative gewinnt, es verliert sozusagen die Differenzierung, der Zwischenton.

Das, was Sie in einer Nahaufnahme im Film im Gesicht eines Schauspielers sehen können, all dieses funktioniert nicht. Und das erleichtert natürlich das Vorhaben, dieses Stück beziehungsweise die Serie im Stück so umzuinterpretieren beziehungsweise es sozusagen gegen den Strich und gegen die Intention da zu inszenieren.

von Billerbeck: Wir haben vorhin Birgitte Nyborg aus der Fernsehserie gehört, die erklärt hat, warum sie Politikerin geworden ist. Herr Trittin, wie war das bei Ihnen?

Trittin: Ich bin es mehr oder weniger durch Zufall geworden, weil ich schon in meiner frühen Jugend in der Schule Klassensprecher gewesen bin.

von Billerbeck: Was hat Sie denn nun als Berufspolitiker an "Borgen" fasziniert, ich meine jetzt an der Serie, bevor wir noch mal ins Theater zurückkehren?

Jürgen Trittin Grüne Bundespolitik (dpa /picture alliance / Karlheinz Schindler )Jürgen Trittin:Grünen-Politiker, ehemaliger Bundesumweltminister und "Borgen"-Fan (dpa /picture alliance / Karlheinz Schindler )

Trittin: Ich glaube, die Serie war ja die Antwort auch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Dänemark auf ein Phänomen, mit dem wir heute hier in Deutschland ja auch zunehmend konfrontiert sind – nämlich auf die Sucht nach Vereinfachung, die Denunziation von Politik als bloßes Geschäft einer kleinen Klasse, die mit dem wirklichen Wesen des Volkes nichts mehr am Hut hat.

Und sie hat in sehr anschaulicher Weise und in einer Weise, in der am Ende niemand nur schlecht und eben niemand nur gut ist, gezeigt, wie in einer komplexen demokratischen Gesellschaft sehr unterschiedliche Interessen das bilden, was wir Politik nennen. Und das haben sie fertiggebracht: Über eine Million Dänen jeden Abend zuschauen zu lassen. Das ist für Dänemark eine riesige Erfolgsquote, und insofern war das ein Gegenstück zu solchen Serien wie "House of Cards", die eigentlich von dem alten Prinzip lebten, immer das Böse zu wollen und dennoch merkwürdigerweise das Gute zu schaffen.

von Billerbeck: Das heißt, Sie haben in "Borgen" auch Ihren politischen Alltag wiedererkannt, mit Machtspielen und Intrigen und allem Drum und Dran?

"Borgen" zeigt ein Stück moderne Demokratie im kapitalistischen Europa

Trittin: "Borgen" ist ein Stück der Wiedergabe moderner Demokratie im Kapitalismus Europas. Es ist ein Parteiensystem, was auf Koalitionen beruht. Es gibt keine Reinform, es zeigt sehr deutlich den Einfluss und die Rolle der Medien und übrigens, wer hinter diesen Medien steht.

Die Medien werden nicht als neutral, sondern als politische Akteure beschrieben, und es zeigt auch, was einen wesentlichen Teil von Politik in modernen und komplexen Gesellschaften ausmacht, nämlich das ständige Austarieren dieser Interessen, und Lösungen in Form eben von Kompromissen und eben nicht von der einen einfachen Lösung, also das, was jetzt zum Beispiel Horst Seehofer immer verlangt, wenn man sagt, man soll die Flüchtlinge aufhalten.

von Billerbeck: Ich hätte mich gewundert, wenn es da keinen Seitenhieb von Ihnen gegeben hätte. Bleiben wir beim Stichwort Komplexität, das Sie ja erwähnt und positiv auf die Serie "Borgen" bezogen haben. Hat es denn gestern Abend in der Schaubühne auch funktioniert, dass man Politik als einen sehr komplexen Vorgang darstellen konnte?

Trittin: Nicolas Stemann hat sein Stück ja aufgeteilt quasi in drei Staffeln. In der ersten ging es um die Funktionsweise der Politik, der zweiten der Einfluss der Wirtschaft und in der dritten die Zerstörung der politischen Akteure, der Selbstzerstörung, die darin anliegt. Und in dieser Darstellung ist er für meinen Geschmack genau dem Komplexitätsproblem gekonnt ausgewichen.

Man könnte es auch andersherum sagen: Er hat eher auf eine sehr einfache Weisheit gesetzt, die nämlich lautet, Politik zerstört das Individuum, gehorcht nur den Interessen großer Unternehmen, und wer sich in dieses Gebiet reinbegibt, der will halt nur sein persönliches Machtmotiv durchsetzen.

Die Inszenierung ist drei Stunden lang und ermüdend

Diese fast pegidahafte Simplifizierung, die er ja selber für sich in Anspruch genommen hat, indem er gesagt hat, er will auf die Strukturen verweisen und die Figur Nyborg käme ihm bei "Borgen" viel zu gut weg, das ist eine sehr lange und teilweise auch etwas ermüdende Inszenierung gewesen.

von Billerbeck: Eine Fernsehserie als Theaterproduktion, das ist ja bekanntlich immer ein Experiment, kann auch schief gehen, und der Regisseur hatte ja auch vorher gesagt, vielleicht wird sich zeigen, dass es einen Grund hat, dass so was noch nie gemacht wurde. Sehen Sie das auch so?

Trittin: Ich glaube, dass es nicht der Transfer auf die Bühne des Theaters ist, sondern dass das, was dahinter stand ... Er war mit einer zentralen Aussage oder der zentralen Aussage dieser Serie, dass Politik eben nicht einfach sein kann, nicht einverstanden, er hat dagegen gesetzt eine sehr einfache Grundthese und hat dann das Stück über diese Grundthese dagegen gebürstet. Insofern würde ich sagen, es ist ein wütender Kommentar zur Fernsehserie, nur erlahmt die Wut über die Länge der Inszenierung.

von Billerbeck: Der Politiker von Bündnis90/Die Grünen, Jürgen Trittin. Heute war er unser Theaterkritiker. Ganz herzlichen Dank an Sie!

Trittin: Danke Ihnen!

von Billerbeck: Und "Borgen", nach der Fernsehserie in der Berliner Schaubühne, läuft natürlich weiter, heute Abend, morgen und Mittwoch, und dann wieder ab dem 6. März. Und wenn Sie für den Film sind statt fürs Theater, dann schauen Sie sich "Borgen" auf DVD an.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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