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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2015

BodenverbrauchEsst mehr mongolisches Fleisch!

Von Udo Pollmer

Mongolen mit ihren Ponys (picture alliance / Klaus Rose)
Weil der Boden so karg ist, grasen die Tiere weite Flächen in der Mongolei ab, um satt zu werden. (picture alliance / Klaus Rose)

Die Deutschen "verbrauchen" sechs Mal so viel Land wie die Menschen in Bangladesh, um ihre Lebensmittel herzustellen, behaupten Umweltorganisationen in ihrem "Bodenatlas". Besonders zu Buche schlägt dabei die Fleischproduktion - und dass Deutschland zusätzlich Fleisch aus bettelarmen Ländern wie der Mongolei importiert. Udo Pollmer hat sich diese Zahlen mal genauer angeschaut und meint: Was für eine Milchmädchenrechnung!

"Kein anderer Kontinent ist für seinen Konsum stärker auf fremdes Land angewiesen als Europa", vermeldet der Spiegel und beruft sich auf den Bodenatlas, den ein Konsortium von Umweltorganisationen vorgelegt hat. "Jeder EU-Bürger", heißt es weiter, "darunter ganz vorn die Deutschen", verbrauche "pro Jahr 1,3 Hektar Land, sechsmal so viel wie ein Einwohner aus Bangladesh." Das meiste davon ginge nach den Worten der Herausgeber "auf das Konto der intensiven Fleischproduktion, für die wir gigantische Mengen Futtermittel importieren." Angesichts solcher Zahlen sei ein Veggie-Tag pro Woche "geradezu naiv".

Das prüfen wir lieber nach. Deutschland ernährt sich mit seinen knapp 17 Millionen Hektar Agrarland zu etwa 80 Prozent selbst. Wir könnten uns rein rechnerisch komplett selbst versorgen – denn 20 % unserer Äcker werden für "Energiepflanzen" missbraucht. Umgerechnet auf die 80 Millionen Bürger, benötigt also jeder von uns nur 0,2 Hektar.

Landraub als Zeichen deutschen Neokolonialismus

Die Diskrepanz zwischen den "ermittelten" 1,3 Hektar und den realen 0,2 Hektar ist erheblich. Wo also steckt das restliche "verbrauchte Land"? Medien wie der Spiegel erklären es ihren Leser so: Das verbrauchte Land läge "vielfach in Staaten wie der Mongolei, in denen nicht einmal die Bevölkerung ausreichend mit Grundnahrungsmitteln versorgt ist." Seither geistert der Landraub bei den Mongolen als Zeichen des deutschen Neokolonialismus durch die Gazetten.

Fleisch ist tatsächlich das wichtigste Importprodukt aus der Mongolei. 2012 wurden von dort knapp 120 Tonnen importiert. Also drei Lkw voll. Wie kann aus lächerlichen 120 Tonnen ein kolonialistischer Landraub konstruiert werden? Ganz einfach: Da in der Mongolei kaum etwas wächst, müssen die Tiere eine riesige Weidefläche abgrasen. So lassen sich ein paar Hammelbeine schnell in eine Propagandakeule umfunktionieren.

Darf man aus einem armen Land importieren?

Darf man überhaupt aus einem bettelarmen Land Fleisch importieren? In der Kaltsteppe gibt's nichts als karge Weiden. Das reicht, um alle Mongolen satt mit Fleisch und Milch zu versorgen. Sie würden auch gern mal etwas Konfitüre oder ein paar Gummibärchen naschen. Die beziehen sie aus Deutschland. Importiert werden aus Deutschland Süßwaren, Wein und Bier. Denn in der Mongolei gedeihen keine Zuckerrüben, keine Trauben und keine Braugerste. Wir exportieren also – um die Sprache des Bodenatlanten zu benutzen – jede Menge fruchtbares Land in die arme, aber fleischreiche Mongolei.

Und wie ist das mit Bangladesh? Wir verbrauchen angeblich sechsmal so viel wie ein Bangladeshi. Bangladesh liegt in den Tropen. Dort gibt es viel Wasser und bis zu vier Reisernten im Jahr! Würden den Menschen dort tatsächlich 0,2 Hektar zur Verfügung stehen, wie der Bodenatlas behauptet, würden sie dort von dieser Fläche pappsatt werden. Ein Mongole hingegen benötigt dafür stolze 44 Hektar.

Bedeutsamer als Fleisch sind Obst und Gemüse

Nun sollen neben den 120 Tonnen Fleisch aus der Mongolei noch "gigantische" Futtermittelimporte den enormen Landverbrauch verursachen. Deutschland führt knapp 5 Millionen Tonnen Soja aus Südamerika ein. Für den Anbau braucht man etwa 2 Millionen Hektar Land. Da dort aber pro Jahr 2 Ernten gedeihen, sind's nur noch 1 Million. Damit "verbraucht" jeder Deutsche etwas über 0,01 Hektar. Da hiervon noch der Anteil für das Sojaöl abgezogen werden muss – die Tiere bekommen ja nur den Rückstand zu fressen – liegt der reale "Verbrauch" unter 0,01 Hektar – also nur ein Hundertstel dessen, was uns der "Bodenatlas" weismachen will.

Bedeutsamer als Fleisch sind da schon Obst und Gemüse. Um unseren ungehemmten Hunger nach frischen Früchten zu stillen, importieren wir 80 Prozent. Obst und Gemüse sind nährstoffarm und ihr Anbau erfordert deshalb viel Fläche. Insofern könnten die südlichen Länder Klage über die neokolonialistische Ausbeutung durch die 5-am-Tag-Kampagne führen, ganz zu schweigen vom deutschen Landraub durch den Genuss von italienischem Wein, spanischem Olivenöl oder griechischem Schafskäse. Aber so naiv ist nicht mal der armseligste Schafhirt. Mahlzeit!

Literatur
Heinrich-Böll-Stiftung, Institute for Advanced Sustainability Studies, Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Le Monde diplomatique (Hrsg): Bodenatlas, ohne Ort 2015
Anon: Fremdes Land. Der Spiegel 2015; H.2: S.57
IAAS Potsdam: "Flächenverbrauch weltweit begrenzen!" Der Bodenatlas 2015 ist da. Meldung vom 8. Jan. 2015
Klawitter N: Neuer "Bodenatlas": Landnahme mit katastrophalen Folgen. SPON 8. Jan 2015
DeStatis: Statistisches Bundesamt: Außenhandelsstatistik, Genesis-online: Tabelle 51000-0007
Keckl G: Anti – Bodenatlas. Hannover 2015

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