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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2014

BlutzuckerIndividualisierung statt Einheitswert

Neue Leitlinie für Diabetes Typ 2

Von Sigrun Damas

Um zu wissen, wie viel Insulin sie brauchen, messen Patienten regelmäßig ihren Blutzucker. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)
Um zu wissen, wie viel Insulin sie brauchen, messen Patienten regelmäßig ihren Blutzucker. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)

Runter mit dem Blutzucker, und das um jeden Preis – lange Zeit war das die goldene Regel bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes. Aber jetzt zeigt sich: Eine zu ehrgeizige Therapie schadet manchen Patienten mehr, als dass sie nützt. Deswegen ändern die Ärzte nun ihr Behandlungskonzept.

Karl Heinz Römer war immer stolz auf seine niedrigen Blutzuckerwerte. Der 80-Jährige hat seit über 20 Jahren Diabetes, spritzt Insulin und hält damit seinen Blutzuckerspiegel niedrig. Runter mit den Werten – so lautete immer die Empfehlung seines Diabetologen Andreas Lueg. Aber der überrascht ihn heute mit einer ungewöhnlichen Bemerkung:

"Zurzeit sind ihre Blutzuckerwerte so niedrig, da wird es schon gefährlich – da sind Sie ganz nah an der Unterzuckerung. Da könnten Sie stürzen. Und sich was brechen, das ist ja was, was man gar nicht möchte im Alter. Und deswegen würde ich empfehlen die Blutzuckerwerte wieder etwas höher kommen zu lassen. Dann sind wir auf der sicheren Seite."

Schwindel und wackelige Beine

Unterzuckerung, das kennt Karl Heinz Römer gut. Schwindel und ein wackeliges Gefühl in den Beinen sind die Folge, wenn der Blutzuckerspiegel zu tief sinkt. Bekannte Nebenwirkungen von Diabetesmedikamenten. Karl Heinz Römer nahm sie in Kauf. Schließlich glaubte er, für ihn seien niedrige Blutzuckerwerte wichtiger. Lange glaubten die Ärzte das auch. Aber inzwischen haben sie erkannt: Zu niedrige Werte schaden eher als dass sie nützen, besonders Diabetikern im fortgeschrittenen Alter.

"Wenn jemand jung ist, dann ist der Schutz vor Folgeschäden wichtig. Bei einem Menschen, der schon so alt geworden ist wie Herr Römer steht aber ein anderer Schutz im Vordergrund, nämlich der vor Nebenwirkungen der Therapie, sprich Unterzuckerung. Und wenn ein alter Mensch stürzt, dann ist das für ihn ein Drama. Er bricht sich einen Knochen, die heilen nicht, er kommt ins Krankenhaus. Und das ist es nicht wert."

Ein Sturz im Alter – das ist oft der Anfang vom Ende. Deswegen heißt es für Karl-Heinz Römer nun wieder: rauf mit den Werten. Der Rentner ist verblüfft:

"Dass sich das so geändert hat, hätt ich nicht gedacht!"

Auch die Fachleute selbst wollten das lange nicht glauben – bis eine amerikanische Studie vor fünf Jahren die diabetologische Welt erschütterte. Hunderte von Patienten bekamen blutzuckersenkende Medikamente, die ihren Langzeitblutzucker unter den Wert von 6,5 drückten. Aber unter dieser starken Blutzuckersenkung starben mehr Patienten als vorher. Die Studie musste abgebrochen werden. Seitdem gilt: Eine zu ehrgeizige Behandlung schadet eher, als dass sie nützt.

Abhängig von Alter und weiteren Erkrankungen

Und noch etwas ist neu, sagt Günther Egidi, Hausarzt in Bremen und einer der Mitverfasser des neuen Behandlungskonzepts:

"Individualisierung. Die Behandlung wird an den einzelnen Menschen angepasst. Und nicht alle werden über einen Kamm geschoren."

Jeder Typ-2-Diabetetiker soll abhängig von seiner speziellen Situation, also von seinem Lebensalter und sonstigen Begleitkrankheiten behandelt werden. Erstmalig gilt deswegen nicht mehr ein Einheitswert für alle, sondern einen Wertekorridor: Die Langzeitblutzuckerwerte können sich zwischen 6,5 und 7,5 bewegen.

"Wir sind bei einem jungen Patienten eher strenger und empfehlen niedrige Werte – vorausgesetzt, er ist sonst gesund. Je mehr Krankheiten ein Mensch hinter sich hat, dann sind wir eher vorsichtig mit der Blutzuckersenkung - weil wir damit eher schaden."

Studien zeigen: Ein 45 Jahre alter Diabetiker braucht eine strenge Therapie – denn sie schenkt ihm statistisch neun Lebensjahre und kann Folgeschäden vermeiden, an Augen, Nieren oder Nerven. Medikamente allein reichen aber nicht, auch der Patient selbst muss etwas für sich tun.

Um das zu verdeutlichen, schickt Hausarzt Günther Egidi seine Patienten gern auf einen 2-km-Spaziergang rund um die Praxis. Heute trifft es Anita Könekamp, eine 50-jährige Patientin mit Übergewicht:

"Ich habe mir was Besonderes für Sie ausgedacht. Ich möchte Sie auf die Rennstrecke schicken!"

"In einem schnellen Tempo?"

"So, wie das für Sie möglich ist. Wir wollen einmal vorher und hinterher den Blutzucker messen, dass sie erfahren, wie sie allein durch Bewegung ihren Blutzucker senken."

Bei Bewegung verbrennt der Körper Blutzucker. Der Blutzuckerspiegel sinkt. Das stellt auch Anita Könekamp bei der anschließenden Messung fest:

"Boah! Von 159 auf 117. Das ist überwältigend. Das ist sehr viel. Für dass ich eigentlich gemütlich gegangen bin, weil ich ja nicht schnell gehen kann."

Spaziergang als Therapie

Eine Therapie, die jeder selbst in die Hand nehmen kann. Es muss nicht gleich ein Marathon sein - eine halbe Stunde Spazieren am Tag hilft bereits.

"Ich muss gemeinsam mit dem Patienten einen Weg finden, der zu seinem Leben passt. Und diesen Weg dann aber täglich zu gehen und sei er noch so klein – das ist das Wichtige."

Die Therapie der kleinen Schritte. Weniger ehrgeizig, aber auf langer Sicht erfolgreicher. Die Ärzte sind milder geworden und realistischer, sagt der Diabetologe Andreas Lueg:

"Heute ist es so, dass wir versuchen, in dem täglichen Setting des Patienten kleine Veränderungen zu erreichen. Wir wollen ja nicht sein gesamtes Leben umschmeißen, weil das auch nicht gelingt. Und deshalb versuchen wir heute mit Ernährungsberatung, Bewegung und Medikamenten über die Jahre immer diese kleinen Schritte zu machen, zu fragen, wo kann ich was ändern, was ist auch durchhalten kann."

Motivation statt Frustration. Auf den Patienten und seine Möglichkeiten zugeschnitten, mit Augenmaß und nicht mehr so radikal. Das sind die Grundpfeiler der neuen Diabetestherapie.

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