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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2009

Bloggerszene statt Revue

In Berlin treffen sich Internet-Aktivisten bei der Konferenz "re:publica"

Von Michael Meyer

"Open Source"-Debatten in glamourösem Ambiente.  (Herbert Schulze)
"Open Source"-Debatten in glamourösem Ambiente. (Herbert Schulze)

Dort, wo sonst die leichte Muse zu Hause ist, tagen derzeit im Berliner Friedrichstadtpalast Journalisten der Neuen Medien. Die dreitägige Konferenz "re:publica" findet zum dritten Mal und in diesem Jahr unter dem Motto "shift happens" - zu Deutsch "Veränderung passiert" - statt. Im Mittelpunkt stehen die Umbrüche der digitalen Medienwelt.

Es ist schon ein ungewöhnliches Bild, wenn die etwa Tausend Teilnehmer der "re:publica" mit Laptops und I-Phones ausgestattet im Großen Saal des Friedrichstadtpalasts sitzen und sich auf den neuesten Stand der Debatte bringen – dort wo sonst eher die leichte Revue aufgeführt wird. Viele von ihnen sind selbst Blogger, Internetschreiber, viele aber auch professionelle Journalisten der alten und / oder der neuen Medienwelt. Doch zwischen der analogen und der digitalen Medienwelt herrscht weitgehend Stillschweigen, wenn nicht gar Abneigung, das wurde heute einmal mehr deutlich.

Die Journalisten der klassischen Medien, sprich Zeitung, Radio, Fernsehen werfen den Bloggern vor, sie würden nicht professionell arbeiten – das sei alles nur banales Geschreibsel ohne Relevanz. Die Internetautoren hingegen werfen den alt gedienten Journalisten vor, sie würden keinerlei Interesse an der Netzwelt haben, und viele von ihnen hätten noch gar nicht gemerkt, was sich da entwickelt. Doch diese Debatte zwischen analog und digital sei sehr deutsch und im Grunde nicht auf der Höhe der Zeit, meint Markus Beckedahl, einer der Organisatoren der "re:publica" und selbst Autor eines Blogs über Politik:

"Das hat man in vielen anderen Ländern nicht mehr, da ist diese Medienevolution akzeptiert worden, da hat man einen Dialog untereinander, und in Deutschland muss man sich Medien gegenüber noch verteidigen und entschuldigen, dass man einen Blog schreibt. Und ich les regelmäßig in sogenannten Qualitätsmedien Untergangsstimmungen, Kulturpessimismus, dass es doch total schlecht sei, dass jeder auf einmal auch zum Sender wird, und was es alles für Gefahren gibt, man redet kaum über die Chancen. Der Wandel ist da, und ich glaube eine Menge Menschen sind bereit dazu, die diesen Wandel aktiv mitgestalten, wir hoffen, dass auch die anderen sich auf diesen Dialog einlassen und ihren Kulturpessimismus verlieren und das Neue erleben wollen."

Doch ganz so einfach ist es wohl nicht – hier die kulturpessimistischen Alten – dort die aufgeschlossenen Jungen. Selbst erfahrene Journalisten und Blogger, wie der Medienjournalist und BILD-Blog-Macher Stefan Niggemeier zeichnen ein insgesamt kritisches Bild der deutschen Bloggerszene. Man muss wissen: Die meisten Blogs in Deutschland, selbst die vielgelesenen wie "Perlentaucher" oder "Turi2" bestehen hauptsächlich aus Verlinkungen zu anderen Blogs und Online-Seiten, und geben so einen guten Überblick über das jeweilige Geschehen. Selbst erstellte Geschichten, die dann auch Eingang finden in die etablierten Medien, seien in Deutschland noch immer die Ausnahme, findet Niggemeier:

"Ich bin so ein bisschen ernüchtert, wie wenig Leute publizieren, also mehr sein wollen, als nur so ein Wegweiser für Freunde und Bekanntenkreise und sagen: Hier und dort habe ich interessante Sachen gefunden. Das funktioniert, das ist völlig legitim. Aber es müsste doch in einem Land, das so groß ist wie Deutschland, viel mehr Leute geben, …, die sagen: Hier, ich will Geschichten aufschreiben, was ich erlebt habe oder womit ich mich auskenne. (…) Ich finde, wenn man sich die deutsche Bloggerszene anguckt, es ist immer noch erschütternd wenig, was Leute generieren an eigenem Content, was auch immer das sein mag, ob das jetzt die große politische Debatte ist oder von mir aus auch ein Wein-Blog, also es geht jetzt nicht um so eine Relevanz, sondern um die Frage, wie nutzt man das jetzt publizistisch, um der Welt etwas mitzuteilen, statt nur zu sagen: Hier habe ich einen interessanten Artikel gefunden."

Allerdings: Der oft angeführte Vergleich mit den USA führt in die Irre, denn die dortigen Internetmedien haben gleich mehrere entscheidende Vorteile: Sie haben in den USA ein mindestens dreifach so großes Publikum – und da sie auf Englisch schreiben oft auch ein internationales Publikum. Daher sind die Blogger in den USA oft mit deutlich mehr Finanzmitteln ausgestattet – die vielfach zitierte "Huffington Post" ist 2005 mit viel Geld gestartet, beschäftigt heute 43 Redakteure und macht mittlerweile Millionenumsätze. Die mangelnde Vermarktbarkeit und damit auch Geldknappheit der meisten deutschen Blogs sei ein Problem, meint der Internetautor Sascha Pallenberg:

"Ich hatte wirklich ein Problem am Anfang mit Vermarktungsfirmen, denen zu erklären, hey, liebe Leute, ihr müsst mal eure Banner bei mir auf die Seite hauen, weil ich habe ein tolles Blog. Die Credibility von deutschen Bloggern ist halt nicht sehr groß. Irgendwann kommen sie dann mal an, wenn du dann mal groß genug bist, ….. Nichtsdestotrotz hast du ein schlechtes Standing und generell kann ich nur empfehlen, dass ihr euch da selber vermarktet."

Die meisten Blogs sind denn auch eher in den Nischen zu finden. Das ist solange kein Problem, wie es eine funktionierende Presselandschaft gibt – doch die ist gerade in ihrer größten Krise. Umso mehr kommt es darauf an, die neuen und die alten Medien miteinander zu vernetzen – wie das etwa derzeit beim umgestalteten "Freitag" geschieht, jener linken Wochenzeitung, die Augstein-Sohn Jakob gekauft hat. Die Redaktion legt allergrößten Wert auf ein gut gestaltetes Internetangebot und den intensiven Kontakt mit den Lesern. Dennoch lehnt Augstein es ab, sich auf eine Stufe mit den Bloggern zu stellen:

"Also ich glaube, Institutionen brauch es halt schon, es braucht investigativen Journalismus, um Politik und Macht zu kontrollieren, das selbstbezogene Bloggertum, die Leute, die ohne Standards über sich schreiben, über ihre Empfindungen usw. das ist alles schön, das muss es geben, das fand man in den Feuilletons, in den 90er-Jahren hieß das Popjournalismus, so neu ist das ja alles nicht, nur: Damit kontrollieren Sie keine Wirtschaftsunternehmen, keine Parteien, Sie kontrollieren keine Behörden. So funktioniert das in Deutschland noch nicht. In Deutschland gibt es keine relevanten Blogger, die aus dem Netz kommen, alle relevanten Blogger, die was zu sagen haben, meiner Information nach, haben einen Printhintergrund. (…) Das Kaliber, die Durchschlagskraft kommt aus den Zeitungen und nicht aus dem Netz."

Aber das kann sich ja schnell ändern. Zu hoffen ist, so sagte es Jakob Augstein, dass dem Sinkflug der gedruckten Presse bald eine verlässliche und seriöse Bloggerszene gegenübersteht – in den USA ist das in Teilen schon heute der Fall.

Service:
Am Donnertag geht es bei "re:publica" unter anderem um Urheberrechtsfragen, etwa wird der Begründer der "Open Source"-Idee, Lawrence Lessig einen Vortrag halten. Am Freitag steht das Thema "Politik und Internet" auf dem Programm, dann wird die Internetberaterin von Präsident Obama, Mary C. Joyce, die Online-Wahlkampfstrategie von Obama erklären.

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