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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.07.2005

Bloggende Unternehmer

Erster deutscher Weblog-Verlag gegründet

Von Michael Meyer

Computerarbeitsplatz (Stock.XCHNG / Daniel V.)
(Stock.XCHNG / Daniel V.)

Bislang galten die vielen Weblogs, also die virtuellen Tagebücher im Internet, als Hort nichtkommerzieller Veröffentlichungskultur. Doch das könnte sich bald ändern, denn in Berlin hat sich der erste deutsche Weblog-Verlag gegründet: <papaya:link href="http://www.spreeblick.com/" text="Spreeblick" title="Spreeblick-Verlag" target="_blank" /> hilft professionellen Bloggern bei der Akquise von Werbung und Sponsoren, vor allem aber bei der Vermarktung der Texte.

Ein Vorteil der Weblogs ist es, dass die Blogger, die Verfasser solcher virtueller Tagebücher, im Prinzip von jedem Winkel der Erde aus ihre Artikel ins Netz stellen können – daher benötigt auch der Spreeblick-Verlag keine repräsentativen Büros, sondern residiert bescheiden in einem Hinterhof im Berliner Szene-Bezirk Kreuzberg. Von dort stellen die Macher ihre Gedanken, Meinungen zu aktuellen Themen, Erlebnisse, kleine Geschichten, selbstverfasste Artikel und Fotos oder Filme auf ihre Webseiten, um sie dort zu veröffentlichen. Ein öffentliches Tagebuch quasi, das jeder Internetnutzer einsehen, und oft auch seinerseits kommentieren und ergänzen kann.

Zum Start des ersten deutschen Weblog-Verlags haben sich unter dem Namen Spreeblick nun sechs solcher Weblogs oder kurz Blogs zusammengefunden, in denen es um die verschiedensten Themen geht: Das Blog Antifreeze" zum Beispiel beschäftigt sich mit Off-Kultur und Independent-Musik, d-frag ist ein Blog für Computerspielfans, auf der Seite lautgeben.de geht es um Gedanken der Macher zur aktuelle Politik und zoomo wirft einen kritischen Blick auf alles, was in Fernsehen und Radio läuft und die Blogger für empfehlenswert halten.

Bislang arbeitete jede Seite für sich, und so ist das unter Bloggern auch üblich. Der Zusammenschluss der sechs professionellen Weblogs zu einem Verlag erscheint so erst einmal ungewöhnlich, ist aber dennoch auch in der digitalen Welt sinnvoll, erklärt der Spreeblick-Kreativleiter und Journalist Johnny Haeussler:

" Der Grund für eine Verlagsgründung war, erstens fand ich es superschön, dass wir die relativ alte Form des Verlags zusammenbringen mit einem neuen Medium, also eigentlich so ein analoges Wort mit einem digitalen Medium. Im Grunde: Was macht ein Verlag? Er sichert sich Rechte, und genau das tun wir auch. Mit diesen täglichen Inhalten, die wir produzieren, die eben nicht immer nur vergänglich sind, sondern auch länger bestehen können, werden wir schon auch andere Dinge machen, als sie 'nur' auf einem Blog zu veröffentlichen."

Angedacht ist unter anderem ein gemeinsames Online-Magazin für die verschiedenen Inhalte zu installieren, so dass die Nutzer im Internet in Zukunft einen Teil der Inhalte der sechs Spreeblick-Blogs kompakt in einem lesen könnten. Auch andere Veröffentlichungswege, wie etwa Bücher oder CDs wären denkbar – allerdings nur mit den richtigen Inhalten.

Denn ein Problem der Blogger-Szene ist, dass längst nicht alle Blogs so interessant sind, dass der Spreeblick-Verlag mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Mit anderen Worten: Einfach nur ein virtuelles Tagebuch ins Netz stellen, und dann auch noch Werbegelder dafür erwarten - so einfach ist es nicht, meint Johnny Haeussler:

" Es ist nicht so, dass wir einen Service für alle Blogs bieten. Das wird sicher noch kommen, das werden aber andere Leute tun, Service wie etwa BlogAds oder "Google-Ad"', da kriegt man automatisch Anzeigen auf seinen Blog. Es gibt auch viele Blogs, die heute schon mit Google-Ads arbeiten. Was wir versuchen werden, ist, dass wir ganz gezielt aussuchen werden, wer zu unserem Verlag gehören sollte. Wir werden versuchen, bestimmte Werbepartner dafür zu finden, die ein bisschen den Gedanken hinter einem Blog verstehen und auch mutig sind, sich auf eine andere Form von Werbung einzulassen als Banner, denn die würden auf einem Blog absolut stören, sondern vielleicht selber Inhalte anzubieten, die für Leser und Leserinnen interessant sein könnten, und eher in diese Richtung zu arbeiten. Es geht nicht um wahlloses Vermarkten, sondern wir brauchen Partner, die bestimmte Dinge verstehen, die verstehen, dass wenn sie sich auf eine sehr spitze Zielgruppe einlassen, die per se schon mal Lust haben zu lesen, dass sie sich dann auch danach richten müssen. "

Die Blogger-Szene ist bislang allerdings, trotz tausender täglicher Zugriffe, noch eine eingeschworene Gemeinde, das macht die Vermarktung schwierig. Da die Qualität und damit auch die Glaubwürdigkeit der Blogs sehr unterschiedlich ist, sind auch die Werber noch nicht in größerem Stil auf die Blogger aufmerksam geworden. Das wird sich in den nächsten Jahren aber sicher ändern, prognostiziert Johnny Haeussler. Da die Zahl der Weblog-Leser beständig steigt, wird auch die Attraktivität des Mediums für werbliche Inhalte steigen:

"Es gibt viele Medienagenturen, die sich auf Werbung im Netz spezialisiert haben, und die auch richtig Ahnung davon haben. Das Ziel von denen ist aber immer ein derartiges Zuballern der Seiten, auf denen sie werben, dass ich das persönlich nicht gutheißen kann. Ob das Internet als Werbeform angekommen ist, da ist die klare Antwort: Ja. Für bestimmte Dinge funktioniert es auch schon sehr gut. Die Frage ist, ob es zum Beispiel bei klassischen Verlagen schon angekommen ist. Das fand ich sehr interessant, und deswegen kümmern wir uns ebenfalls als klassisch aufgestellter Verlag, denn es geht nach wie vor um Inhalte, und mit diesen Inhalten kann man mehr machen als sie nur ins Netz zu stellen, und nach zwei Tagen sind sie wieder aus dem Sichtfeld verschwunden und vergessen. Es gibt durchaus viele Blogbeiträge, die das Zeug haben über Monate, Jahre für sich als Textbeiträge zu bestehen."

Grundsätzlich gelte auch im Netz die Regel: Die meistgelesenen Texte sind nicht immer die besten – wie in der analogen Welt auch ist Erfolg nicht immer gleichzusetzen mit Qualität. Daher wird der Spreeblick-Verlag auch kleinen, gut gemachten Blogs eine Chance geben, so lange sie für eine bestimmte Zielgruppe interessant sind. Ob das Konzept funktioniert, wird sich in einigen Jahren zeigen, wenn die Blogs - wie jetzt schon in den USA - stärker im Bewusstsein der Medienkonsumenten angekommen sind.



Hören Sie außerdem ein Gespräch mit Michael Meyer zur Frage, wie Multimedia wie zum Beispiel Weblogs sich auf die Alltagskultur auswirken. Den Audio-Link finden Sie in der rechten Spalte.

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Antifreeze
d-frag
Antifreeze
lautgeben.de
zoomo
Trashkurs

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