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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.11.2013

Blindheit und Gottesglaube

Der Roman "Auf fremdem Land" zeigt Israels Siedlungspolitik als absurde Komödie

Assaf Gavron im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Assaf Gavron (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)
Assaf Gavron (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)

Die israelischen Siedler hätten in Tel Aviv das Image, "brutal zu sein, bösartig zu sein und anderen das Land wegzunehmen", sagt der linke Schriftsteller Assaf Gavron. Er hat die Stereotypen überprüft und erzählt in seinem Roman "Auf fremdem Land" menschliche Alltagsgeschichten.

Stephan Karkowsky: Ein Mann überlebt in Israel mehrere Selbstmordattentate und wird auf groteske Art und Weise zu einem israelischen Nationalhelden. Diese Geschichte erzählt ein früherer Roman des israelischen Schriftstellers Assaf Gavron. In seinem neuen Buch fasst er erneut ein heißes Eisen an: die illegalen Siedlungen nämlich von Israelis im besetzten Westjordanland. Er tut das mit demselben Augenzwinkern, mit derselben Lust an den größten Tragödien das Absurd-Komische zu entdecken. Am Ende des Romans soll die Siedlung wieder einmal geräumt werden, die Siedler aber feiern gerade in bunten Fantasiekostümen verkleidet das Purimfest.

(Auszug aus dem Roman "Auf fremden Land")
Michael Jackson fragte: Wie kann das sein? Eine männliche Braut aus dem Dreiergrüppchen sagte, das sei unfassbar. Die Tigerin brüllte "Hamas" und Schneewittchen schrie: Was, am Fest, schämt ihr euch nicht? Michael Jackson zog sein Telefon heraus und rief seinen Kollegen, den Befehlshaber des Zentralkommandos an. Kein Ton, keine Antwort. Die Kolonisatoren sangen nun: Er ritt nach Palästina auf einem zweihöckrigen Kamel. Rambo stellte fest: Was für ein Chaos!, wobei unklar war, ob er weinselig oder besorgt über die Entwicklungen war. Kareem Abdul-Jabbar suchte seine Pinguinin, und der Häftling erhielt Order, bei seinem Vorgesetzten anzutreten. Doch auch er hatte etwas getrunken, verdammte Scheiße. Das war sein letzter Tag beim Militär, er durfte doch feiern. Die Hunde bellten, die Kolonne hielt, und Soldaten und Polizisten der Sondereinheit stiegen mit versiegelten Gesichtern aus den Fahrzeugen.

Stephan Karkowsky: Derzeit ist Assaf Gavron auf Lesereise in Deutschland und jetzt zu Gast im "Radiofeuilleton". Guten Tag!

Assaf Gavron: Hello!

Karkowsky: "Auf fremdem Land", so heißt der Roman auf Deutsch. Ein Bauunternehmer mit dem schönen Kunstnamen Herzel Weizmann baut ein illegales Haus nach dem anderen, man wartet da fast täglich auf die Räumung, und doch wird diese Siedlung immer größer. Ein hochemotionales Thema, Herr Gavron, Sie aber stellen es als todernste und zugleich absurde Komödie dar. Wie oft wird denn in Israel eigentlich wirklich gelacht, wenn über die Siedlungen diskutiert wird?

Gavron: Nein, eigentlich lachen wir nicht wirklich, aber man kann auf verschiedene Art und Weise Geschichten erzählen, und ich neige dazu, Humor zu verwenden. Und in Israel ist das natürlich ein ganz großer Konflikt, der sehr ernst ist, sehr schwer und eigentlich auch sehr traurig, aber es gibt eben auch diese ganzen absurden Dinge, die da geschehen, die wirklich auch witzig sind und die kleine menschliche Geschichte erzählen, die ich dann viel lieber zur Diskussion stelle.

Karkowsky: Ihre Romane bilden Wirklichkeit ab, allerdings ist diese Wirklichkeit oft unglaublich, etwa dass ihre illegale Siedlung durchaus mit Hilfe der Behörden wächst, die das eigentlich gar nicht dürften. Wie geht das?

Gavron: Ja, aber so ist das nun mal. Diese Absurdität ist ja aber gerade auch das, was so faszinierend ist in dieser Region, dass es eben keine klaren Gesetze gibt, auch keine klaren Grenzen im Übrigen. Einiges wird von der israelischen Armee kontrolliert, anderes von palästinensischen Autoritäten, dann wieder israelischen Autoritäten, streckenweise spielen internationale Gesetze plötzlich eine Rolle, und die Siedler, die nutzen das aus für ihre eigenen Zwecke, und sie haben Mechanismen entwickelt, mit der Bürokratie oder gegen die Bürokratie zu arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Und dann gibt es Politiker, die sie unterstützen, es gibt auch eine Armee Unterstützer für die Siedler, und obwohl es natürlich illegal ist und man ihnen immer wieder auch sagt, ihr müsst hier raus, kämpfen sie einfach für ihre Sache. Und so unglaublich das scheinen mag, so ist es eben.

Karkowsky: Können Sie uns ein Beispiel nennen, zum Beispiel sagen, warum ihre Siedlung Wasser bekommt oder warum die Straße geteert wird?

Gavron: Nun, an jedem normalen Ort würde jemand, der dorthin geht und dort wohnen möchte, eine Erlaubnis brauchen oder sich das Land kaufen müssen, aber in Israel funktioniert das eben anders. Da ist es einfach so, dass die Siedler erst einmal die Hügel besetzen. Und dann sind sie oben auf dem Hügel, und es gibt ein Gesetz, was heißt, die Juden müssen von der Armee geschützt werden. Also rufen sie bei der Armee an und sagen, wir brauchen Schutz, und die Armee kommt dann dorthin und braucht natürlich Wasser und Strom und bringt also einen Wassertank mit, bringt einen eigenen Stromgenerator mit, woraufhin wieder die Siedler sagen, können wir ein bisschen von eurem Wasser haben, können wir ein bisschen von eurem Strom haben. Und dann fängt jemand an, ein Haus zu bauen, vielleicht auch ein Feld zu bestellen.

Und dann gibt es wieder ein anderes Gesetz, was sagt, ein Militärgesetz, dass in einem gewissen Radius um ein Feld oder um ein Haus Palästinenser keinen Zugang haben. Und auf diese Art und Weise wachsen diese Siedlungen und weiten sich aus. Und das Straßenamt beispielsweise hat eben die Aufgabe, wenn es eine gefährliche Straße gibt, dann wiederum diese Straße zu schützen. Und so kommt es dazu, dass dann Zäune beispielsweise errichtet werden oder eine Straße geteert wird. Und auf diese Art und Weise kann diese Siedlung eben permanent sich ausweiten.

"Die Siedler sind nicht zu 100 Prozent bösartig"

Karkowsky: Sie sind ein weltoffener Mensch, Sie haben im Ausland studiert, ein Jahr sogar in Berlin gelebt, Sie wohnen in einer Weltstadt, in Tel Aviv – hatten Sie Vorurteile gegen jüdische Siedler, bevor Sie angefangen haben mit den Recherchen für diesen Roman?

Gavron: Ja, mich hat das natürlich interessiert, diese Vorurteile, weil es gibt natürlich gewisse Stereotypen für alle außerhalb Israels, aber selbst in einer Stadt wie Tel Aviv sind diese Stereotypen ganz einfach. Diese Siedler haben das Image, brutal zu sein, bösartig zu sein und anderen das Land wegzunehmen, und politisch gesehen kann ich diesen Standpunkt durchaus teilen. Andererseits, es sind natürlich auch Menschen, und sie haben ihre Motive, sie haben ihren Alltag, sie haben ihr Leben, und natürlich sind sie nicht zu 100 Prozent bösartig. Und so bin ich dorthin gereist und hab mich mit Leuten getroffen. Und selbst wenn sich meine politische Haltung ihnen gegenüber nicht geändert hat, so geht es in diesem Buch eben auch einfach um menschliche Alltagsgeschichten – das ist kein politisches Manifest, was ich dort geschrieben habe –, und es sind Menschen, die sich an einem Ort befinden, wo eine sehr angespannte politische Lage herrscht. Und es geht letztendlich um das Leben der Siedler dort.

Karkowsky: Und als Leser kommt man den Menschen, die Sie getroffen haben, den Menschen, die Sie im Roman beschreiben, sehr nahe. Man lernt ihre Traumata kennen, man versteht, wie sie geworden sind, wie sie sind. Ist den wahren Siedlern, die Sie getroffen haben, eigentlich bewusst, dass sie eine Zweistaatenlösung durch ihre Siedlungen verhindern?

Gavron: Also ich würde sagen, da spielt eine gewisse Blindheit einfach mit, und ich hab mir mittlerweile da sogar Freunde gemacht, ich hab mich mit Leuten dort soweit angefreundet, und viele sagen sogar, sie haben gar kein Problem mit den Palästinensern, dass sie sie gar nicht unbedingt als Feinde ansehen. Und einer meiner Freunde beispielsweise, der geht nicht einmal wählen, also der meint, unpolitisch zu sein, aber er lebt eben dort. Und das allein ist eben eine politische Handlung, und streckenweise scheint ihm wirklich nicht klar zu sein, was das für diese gesamte Region bedeutet, was sie dort tun, und dass sie eine Lösung praktisch unmöglich machen.

Und auf der einen Seite gibt es diese Blindheit, aber ich könnte es auch so nennen, wie wenn man im Rückspiegel im Auto plötzlich so einen toten Punkt hat und etwas nicht sieht. Andererseits kann man auch nicht sagen, dass es ihnen total unbewusst ist, was sie dort tun, da steckt auch eine Ideologie dahinter, da steckt auch ein gewisser Gottesglaube dahinter, und viele glauben auch, dieses Land gehört einfach ihnen und sie nehmen Gewalt und Tod dabei durchaus in Kauf, weil sie der Meinung sind, wir müssen einfach hier sein. Also es gibt vielleicht zwei Dinge: einerseits diese gewisse Blindheit, andererseits einen großen Glauben an dieses Tun. Und dabei wird eben vergessen, was das letztendlich für Konsequenzen hat.

Karkowsky: Diese eher freundliche, diese verständnisvolle Darstellung der Siedler, werden Sie dafür eigentlich auch angefeindet in Israel, also wirft man Ihnen vor, nicht deutlich genug Position zu beziehen?

Gavron: Also so richtig direkt angegriffen worden bin ich nicht, beide Seiten haben aber auch durchaus gewisse Probleme mit mir, mich da voll zu akzeptieren. Da ist einmal die Linke, die definitiv ein Problem mit den Siedlern hat und nicht einmal bereit ist, mein Buch zu lesen, oder es gibt eben auch die extreme Rechte, gerade eben auch unter den Siedlern, die einfach wissen, dass ich wiederum politisch links stehe, in Tel Aviv lebe, dort eben als Schriftsteller arbeite und die deswegen eben ein Problem haben mit mir.

Aber vielleicht abgesehen von den ganz extremen Linken und den ganz extremen Rechten war es auch so, dass wirklich linksliberale Zeitungen oder rechte Zeitungen mir sehr gute Kritiken gegeben haben. Es gab einen berühmten, sehr rechts stehenden, politisch rechts stehenden Kolumnisten, der sich sehr positiv geäußert hat, andererseits hat es negative Reaktionen auch wirklich gegeben, und ich würde mir auch Sorgen machen, wenn dem nicht so wäre. Wenn jetzt alle mein Buch lieben würden, dann würde ich mir denken, ich hab eventuell was falsch gemacht.

Karkowsky: Humor also als Waffe, die helfen kann, starre Links-rechts-Positionen aufzubrechen, das schafft "Auf fremdem Land", der neue Roman von Assaf Gavron. Ihnen danke für das Gespräch.

Gavron: Thank you very much.

Karkowsky: Heute liest Gavron in Leipzig, morgen können Sie ihn in Erfurt hören. Und übersetzt wurde dieses Gespräch von Jörg Taszman.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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