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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.05.2006

Blick nach rechts

Neue Erkenntnisse über rechtsextremistische Strukturen in Deutschland

Rezensiert von Georg Gruber

Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (AP)
Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (AP)

In der Regel richtet die Öffentlichkeit nur nach besonders brutalen Gewalttaten ihr Augenmerk auf die rechtsextremistische Szene in Deutschland. Schnell verschwindet das Thema wieder von der politischen Tagesordnung. Das liegt auch daran, dass sich die rechte Szene in den vergangenen Jahren stark verändert hat. In dem Band "Moderner Rechtsextremismus in Deutschland" sprechen Experten davon, dass sich der Rechtsextremismus zu einer sozialen Bewegung formiert hat.

"Die Welt zu Gast bei Freunden" – die Weltmeisterschaft rückt immer näher. Seit dem fremdenfeindlichen Vorfall in Potsdam an Ostern wird darüber diskutiert, wie sicher Deutschland für ausländische Gäste ist – und nicht nur für sie. Das Thema "Rechtsextremismus" kocht seit Anfang der 90er Jahre immer wieder hoch, nach rechten Wahlerfolgen oder Gewalttaten, verschwindet dann aber genauso regelmäßig wieder von der politischen Tagesordnung.

"Moderner Rechtsextremismus in Deutschland" heißt ein Band, in dem empirische Forschungsarbeiten, Fallstudien zu unterschiedlichen Aspekten zusammengefasst sind. Gemeinsam ist den Arbeiten, dass sie nicht versuchen, den Rechtsextremismus an sich zu erklären, obwohl Rechtsextremismus inzwischen die Form einer "sozialen Bewegung" angenommen habe, so heißt es in der Einleitung der Herausgeber. Eine soziale Bewegung, die nicht hierarchisch organisiert ist, die an verschiedenen Orten unterschiedlich ausgeformt sein kann und der man mit vereinfachenden Schlagworten und alarmistischen Warnungen nicht gerecht werde.

Der Rechtsextremismus heute hat nicht mehr viel mit dem gemein, was man in der alten Bundesrepublik darunter verstand. Die Ewiggestrigen, die Altnazis, die sich in den 60er Jahren in der NPD zusammenfanden und Wahlerfolge in Landtagen feiern konnten, standen für eine andere Bedrohung, als die Neonazis und gewaltbereiten Skinheads heute. Eine rechtsextreme Jugend- und Subkultur gab es bis in die 80er Jahre nur als Randerscheinung. Heute ist das anders, heute gibt es Gegenden, in denen die Mehrheit der Jugendlichen rechts eingestellt ist. In einer Fallstudie wird in dem Buch exemplarisch gezeigt, wie sich die rechtsextreme Szene in einer ostdeutschen Stadt etabliert und verändert hat: Die Szene entstand bereits in den letzten DDR-Jahren, nach der Wiedervereinigung fiel sie durch Gewalttaten auf, es gab sogar Ansätze terroristischer Aktionen.

Ende der 90er begann eine Phase der "Zivilisierung", die Szene wurde politischer, die NPD versuchte Fuß zu fassen, führende rechte Köpfe der Stadt distanzierten sich von Gewalt, suchten die Sympathien der Bürger zu gewinnen, verfolgten eine "Strategie der Wortergreifung" bei öffentlichen Veranstaltungen. Trotz der "Zivilisierung" gibt sich der Autor aber keinen Illusionen hin: Der Gewaltverzicht ist nur taktisch bedingt. Ein friedlicher Marsch durch die Institutionen käme einem Bruch mit einem Teil der Anhängerschaft gleich, die noch immer von Umsturz träumen und vom "Vierten Reich". Deswegen bleibe die Gefahr, dass sich die Rechten wieder radikalisieren und auch wieder gewalttätig in Erscheinung treten.

Die Rechten haben ihre Aktionsformen verändert, das wird in dem Buch sehr genau herausgearbeitet. Nach den Parteiverboten Anfang der 90er Jahre segmentierte sich die Szene in lokale Gruppen und Kameradschaften, die netzwerkartig miteinander verbunden sind. Die NPD wandelte sich zur Bewegungspartei, zum politischen Arm. Und es gibt regelrechte "Bewegungsunternehmer" wie den Hamburger Christian Worch, der nach der Wiedervereinigung die neuen Bundesländer für sich entdeckte: Er steckt hinter vielen Demonstrationen, als Anmelder und Organisator. Demonstrationen gab es in den 80er Jahren kaum, heute vergeht kaum eine Woche ohne Demonstrationen oder Mahnwachen. Sie erfüllen verschiedene Zwecke: Präsenz zeigen nach außen, Schaffung eines "Emotionskollektiv" nach innen.

Der genaue, unaufgeregte Blick nach rechts, das zeichnet dieses Buch aus. In der Vielfalt der Ansätze liegt eine weitere Stärke des Sammelbandes: Analysiert werden zum Beispiel auch die Biografien von rechten Frauen und Mädchen – die, so ein Ergebnis dieser Studie, sich am Großvater und seiner NS-Vergangenheit orientieren. Der allgemeine Fokus liegt nicht nur auf den neuen Bundesländern: Untersucht werden auch Wahlerfolge der Republikaner in Baden-Württemberg und die "Thematisierung von Männlichkeit in der Freiheitlichen Partei Österreichs". Die Mahnung der Autoren, genau hinzuschauen, zu differenzieren und nicht zu stark zu vereinfachen, birgt allerdings auch Gefahren: Wenn zum Beispiel die grausame Ermordung eines Jugendlichen in Potzlow, der vom Brandenburger Verfassungsschutz und vom Gericht als rechtsextreme Gewalttat eingestuft wurde, solange analysiert wird, bis er letztlich von den Autoren als "exzessive Gewalttat" eingeordnet wird, die nicht politisch motiviert und deswegen eigentlich nicht als rechtsextrem eingestuft werden dürfe, so öffnet diese Analyse doch wieder nur den bekannten Ausflüchten Tür und Tor, mit denen rechte Gewalttaten gerne als Streit unter Jugendlichen abgetan werden. Und das wird dem modernen Rechtsextremismus nicht gerecht.

Andreas Klärner/Michael Kohlstruck (Hg): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland
Hamburger Institut für Sozialforschung, 2006
344 Seiten, 35 Euro

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