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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2012

Blick auf eine neue Kulturtechnik

Julius Wiedemann (Herausgeber), Sandra Rendgen (Autorin): "Information Graphics", Taschen Verlag 2012, gebunden, 480 Seiten

Ein Diagramm: Kurven, Punkte und Linien helfen, Zahlenkolonnen zu lesen
Ein Diagramm: Kurven, Punkte und Linien helfen, Zahlenkolonnen zu lesen (MPI für Radioastronomie)

Informationen lassen sich besser verarbeiten, wenn sie verbunden sind mit einer Grafik. Ganz unterschiedlich sind dabei die Wege, die verschiedenen Daten zu gruppieren und darzustellen. Sandra Rendgen zeichnet den Weg nach: Von der der Zahl zum Diagramm.

Flaschen türmen sich über einer Zeitleiste - sie symbolisieren den Alkoholverbrauch in Nordamerika von 1770 bis 2000. Sofort zeigt sich: Die frühen Nachfahren der frommen Pilgerväter, von Prüderie noch unbeleckt, zechten doppelt so viel Bier und Schnaps wie der durchschnittliche US-Bürger heutiger Tage.

Als "zentrale neue Kulturtechnik" feiert die Kunsthistorikerin Sandra Rendgen das Visualisieren von Daten in dem glanzvollen neuen Bildband "Information Graphics", der randvoll gepackt ist mit Bildern, Aufsätzen und Erläuterungen in Englisch, Französisch und Deutsch. Woher das aktuelle Interesse am großen bunten Info-Bild? Es sind die Informationsfluten der Gegenwart, erklärt die Autorin, die nach einer "Nutzeroberfläche" verlangten.

Dazu kommen Open-Data-Aktivisten, die von Regierungen die Freigabe gewaltiger Datenmengen erzwingen, ergänzt Simon Rogers in seinem Essay. Er bekleidet den neuen Berufszweig des Datenjournalismus und erzählt spannend von der Herausforderung, die von WikiLeaks veröffentlichten Zahlenfluten des US-Militärs grafisch so aufzubereiten, dass Innenleben und Strukturen der Kriege im Irak und in Afghanistan für die Öffentlichkeit greifbar werden konnten.

Die Gliederung des Bandes orientiert sich an den vier Möglichkeiten, Daten zu ordnen. "Ort", "Zeit", "Kategorie" und "Hierarchie" lauten die großen Überschriften. Darunter finden sich berühmte Beispiele der Informationsgrafik, wie der bahnbrechende Netzplan der Londoner U-Bahn, der zugunsten einer klaren Orientierung auf geografische Exaktheit verzichtete. Seine Nachfolger aus anderen Städten weltweit zeigen, wie subtil sich kulturelle Eigenheiten in Grafiken einschreiben können.

Verborgene Meta-Ebenen werden auch sichtbar, wenn Künstler das Medium ironisch brechen - dann mutiert der U-Bahn-Plan zur "Rock‘n-Roll-Metro-Map", an den Knotenpunkten wegweisende Bands wie Aerosmith oder Blink 182.

Der New Yorker Grafikdesign-Guru Nicholas Felton gestaltet komplexe Abbildungen, deren Informationsreichtum sich ganz auf sein persönliches Leben bezieht - Reisen, Lektüren, Ernährungsgewohnheiten, Erfahrungen und Erkenntnisse.

Doch viele Grafiken scheitern auch an der Komplexität der Wirklichkeit, wirken grob vereinfachend oder überladen, auch das demonstriert der Band. Und leider sind trotz des großen Buchformates etliche Textanmerkungen nur mit Lupe zu entziffern. Dann allerdings finden sich kleine Kostbarkeiten, auch das demonstriert die Grafik über den amerikanischen Alkoholverbrauch: Zwei Tage, bevor sie ihre Arbeit beendeten, besuchten die 55 Mitglieder des verfassungsgebenden Konventes ein Restaurant in Philadelphia, erklärt ein kleiner Text am Bildrand. Während in ihren Köpfen und Debatten eines der berühmtesten Dokumente der Demokratiegeschichte entstand, konsumierten sie: 54 Flaschen Madeira, 60 Flaschen Bordeaux, 8 Flaschen Whisky, 22 Flaschen Rotwein, 8 Flaschen Apfelwein und 7 Bottiche Punsch, Zeitzeugen zufolge so groß, "dass Enten darin hätten schwimmen können".

Besprochen von Susanne Billig

Julius Wiedemann (Herausgeber), Sandra Rendgen (Autorin): Information Graphics
Übersetzt von Ursula Wulfekamp, deutsch-englisch-französische Ausgabe, Taschen Verlag 2012, gebunden, 480 Seiten, 49,99 Euro

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