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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2013

Bizarr und ungeheuerlich

Elmore Leonard: "Raylan", Suhrkamp, Berlin 2013, 308 Seiten

Seine Stoffe findet Leonard in der amerikanischen Provinz. (picture alliance / dpa / Igor Zehl)
Seine Stoffe findet Leonard in der amerikanischen Provinz. (picture alliance / dpa / Igor Zehl)

Mit seinen berühmten Dialogen inspirierte Elmore Leonard die Drehbücher der Quentin-Tarantino-Filme. Nun erscheint sein neuer Roman auf Deutsch: "Raylan" erzählt in mehreren Episoden von den Erlebnissen eines US-Marshals in der gewalttätigen und waffenstrotzenden amerikanischen Provinz.

Raylan, das ist US-Marshal Raylan Given. Fernsehschauer kennen ihn vielleicht aus "Justified", einer amerikanischen Serie, die ihren Ursprung in einer Kurzgeschichte von Elmore Leonard hat. Jetzt gibt es Marshal Raylan Given, der im sehr unglamourösen und von der Krise schwer gebeutelten Bergbaugebiet von Kentucky seines Amtes waltet, als Romanfigur. Obwohl die Bezeichnung "Roman" – wie alles bei Großmeister Leonard – natürlich mit der gebotenen Skepsis zu betrachten ist.

"Raylan" besteht aus drei "Episoden", die durch den Marshal und ein paar Nebenfiguren und über Zeit und Raum miteinander lose verbunden sind. Kein Masterplot, kein abgeschlossener Erzählbogen am Ende, nichts, was einem konventionellen Gattungsbegriff entsprechen würde. Das hat bei Leonard durchaus Methode und Sinn. Das Epische wäre machtlos gegenüber dem Zufälligen, Bizarren, Gleichzeitigen und Chaotischen, um das es in allen drei Erzählsträngen neben anderen Dingen auch geht: um riesige Freiland-Marihuana-Plantagen, um eine Methode, lebendigen Leuten Organe zu stehlen und sie notfalls an die Opfer zurückzuverkaufen, um die Machenschaften eines Bergbaukonzernes, der unter Einsatz blanker Gewalt riesige Latifundien zusammenzukauft, um eine Girlie-Gang von Bankräuberinnen, um den privaten Rachefeldzug eines Gangsters gegen den schießfreudigen Raylan Givens, um organisiertes Glücksspiel und um eine blutjunge, geniale Zockerin, mit der Givens fröhlich in der Kiste landet.

Dabei wird, wie oft bei Leonard, beiläufig getötet und über Ungeheuerlichem – wie zum Beispiel eine Nierenentnahme bei lebendigem Leib – genau so beiläufig geplaudert wie über Wetten und andere normale Dinge des Alltags. Ob Verbrecher, Ordnungshüter, Konzernmanager(in), Leibwächter oder Bergmann – man kennt sich, man sieht sich, man plaudert, man tötet sich. Daraus entstehen die berühmten Leonard´schen Dialoge, die (genau wie die Texte seines Kollegen George V. Higgins) die Drehbücher der Quentin-Tarantino-Filme stark beeinflusst gemacht haben.

Aber das ist nur ein Aspekt. Wie nur wenige andere Autoren findet Elmore Leonard in der gewalttätigen und waffenstrotzenden amerikanischen Provinz seine Stoffe. Er fügt sie dann unspektakulär, stets komisch, lakonisch, entspannt und unhysterisch zu Gegenwartspartikel zusammen, die sich den großen Sinnfragen und Moraldiskussionen zugunsten einer neugierigen, hellwachen und brillanten Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt verweigern. Sein gewaltiges Gesamtwerk zusammengedacht steht den Mega-Projekten von Balzac oder Zola keinesfalls nach. Es ist nur pointierter und pointilistischer. Dass Elmore Leonard 1925 geboren ist, also auf die 90 Jahre zugeht, merkt man dem Buch in keiner Zeile an.

Besprochen von Thomas Wörtche

Elmore Leonard: Raylan
Aus den Amerikanischen von Kirsten Riesselmann
Suhrkamp, Berlin 2013
308 Seiten, 19,95 Euro

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