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Zeitfragen | Beitrag vom 11.03.2016

Bistros in ParisBühnen für das Alltägliche

Von Barbara Wahlster

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Junge Menschen in einer Bar in Paris (dpa / picture alliance / Nicolas Carvalho Ochoa)
Junge Menschen in einer Bar in Paris (dpa / picture alliance / Nicolas Carvalho Ochoa)

Der Anthropologe und Ethnologe Marc Augé ist seit seinem Buch über die Metro von 1986 ein genauer Beobachter der französischen Hauptstadt. Nun hat er eine Liebeserklärung an das Pariser Bistro geschrieben. Genau dort war Barbara Wahlster mit ihm unterwegs.

"In tausend Augen, tausend Objektiven spiegelt sich die Stadt. Denn nicht nur Himmel und Atmosphäre, nicht nur Lichtreklamen auf den abendlichen Boulevards haben aus Paris die 'Ville Lumière' gemacht. – Paris ist die Spiegelstadt: Spiegelglatt der Asphalt seiner Autostraßen. Vor allen Bistros gläserne Verschläge: die Frauen sehen sich hier noch mehr als anderswo. Aus diesen Spiegeln ist die Schönheit der Pariserin getreten. Bevor der Mann sie erblickt, haben sie schon zehn Spiegel geprüft." (Walter Benjamin)

Derlei Spiegelverhältnisse, wie Walter Benjamin sie während der Zeit seines Pariser Exils noch beobachtet hat, sind heute weitgehend verschwunden. Überlebt haben in vielen Cafés und Bistros die dunklen Täfelungen. Doch unterstreichen die großen Scheiben zum Trottoir, die gläsernen Abtrennungen der Terrassen eine gewisse Offenheit und Durchlässigkeit. Sie geben den Blick frei auf das Schauspiel des Alltäglichen. Zuweilen schließen sie den Gast ein in seine Gedanken, machen aus dem Interieur ein Gehäuse - wie in Cécile Wajsbrots Roman "Eclipse" von 2014:

"Was, wenn der Regen nie aufhörte – die Fensterscheiben spiegeln nichts mehr wider von der Stadt, sie haben sich in einen flüssigen Vorhang verwandelt, der uns in einem Zuflucht bietenden Café, in dem Transitreisende Unterschlupf finden, von der Welt trennt, einer nebeligen, stofflosen, unsichtbaren Welt. Was, wenn der Regen nicht aufhörte, wenn erneut die Sintflut käme, Menschen und Tiere fortraffte, () die Buggys, die Puppenwagen, die Kinder, alle, die dem Wetter trotzend zu Fuß zu gehen versuchen. (...) Was täten wir?" (Cécile Wajsbrot)

"Ein echtes Bistro hat seine Individualität"

"Ich denke, ein echtes Bistro hat seine Individualität. Man erkennt es; deswegen geht man hin. (...) Warum? Weil man es personalisiert. Das hat mit vielen Dingen zu tun, allen voran den Menschen, den Kellnerinnen und Kellnern und den Chefs mit Persönlichem also. (...) Und selbstverständlich geht es immer um das Spiel. (...) Eine der Freuden im Bistro besteht doch darin, dass man selbst auch ein Akteur, ein Schauspieler ist.  Derjenige, der Sie bedient, der Garcon, erwartet von Ihnen gewisse Haltungen und Posen. Wie bescheiden auch immer – es handelt sich um eine Rolle. Eine Art, sich in Szene zu setzen. Jeder weiß, dass das zuweilen erholsam sein kann und Druck aus dem Alltag nimmt."

"Und dann gibt es auch noch Sartre und seinen Kellner, den Garcon im Café":

"Er hat lebhafte und eifrige Bewegungen, etwas allzu präzise, etwas allzu schnelle, er kommt mit einem etwas zu lebhaften Schritt auf die Gäste zu, er verbeugt sich mit etwas zu viel Beflissenheit, seine Stimme, seine Blicke drücken ein Interesse aus, das etwas zu viel Aufmerksamkeit für die Bestellung des Gastes enthält, nun kommt er endlich zurück und versucht mit seinem Gang die unbeugsame Strenge irgendeines Automaten zu imitieren, (...) Sein ganzes Verhalten wirkt auf  uns wie ein Spiel. (...) Aber was spielt er? Man braucht ihn nicht lange zu beobachten, um sich darüber klar zu werden: er spielt Kellner sein." (Jean-Paul Sartre)

(Jean-Paul Sartre (GABRIEL DUVAL / AFP)Jean-Paul Sartre im Jahr 1979. (GABRIEL DUVAL / AFP)

Unter "Die Verhaltensweisen der Unaufrichtigkeit" entwickelt Jean-Paul Sartre in seinem philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" das Exemplarische der Figur "Kellner". Wohl weil er, der seine Texte in Bistros schrieb, genügend Anschauung besaß – und offenbar nicht sonderlich viel Wohlwollen für diejenigen, die da arbeiteten.

"Ein Bistro besteht vor allem aus dem Tresen"

Die Bezeichnung Bistro gilt für Cafés und Bars, für Kneipen, Brasserien und manche Restaurants gleichermaßen. Marc Augé hat ein Loblied auf diese "Einrichtung" geschrieben:

"Sein" Bistro, das Marc Augé regelmäßig aufsucht, wo er bekannt ist, liegt am linken Seine-Ufer, günstig an einem Métro-Eingang im 13 Arrondissement, ganz in der Nähe seiner früheren Arbeitswohnung und nicht allzu weit entfernt von der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales im 6. Arrondissement, deren Präsident der Ethnologe und Anthropologe viele Jahre lang war.

"Der Begriff Bistro hat sich mittlerweile extrem ausgebreitet und viele Etablissements nennen sich so. Für mich ist ein Bistro grundsätzlich von morgens bis abends bzw. nachts geöffnet, wo man jederzeit vorbeikommen und ein Glas trinken kann. Anfänglich gab es da auch nicht zwangsläufig etwas zu essen – außer vielleicht ein Sandwich. Mehreres gehört dazu: dass die Anwohner regelmäßig erscheinen; besonders für sie ist es ein Ort; die Nachbarschaft also ist wichtig und dann die Passanten. Ich würde sagen, ein Bistro besteht vor allem aus dem Tresen, wo man stehen oder auf einem Hocker sitzen kann, für ein schnelles Glas oder auch einen Kaffee am Morgen. Der Tresen ist so etwas wie die Seele des Bistros; derjenige, der dahinter arbeitet, ist eine Art Dirigent. Er hat den Überblick über den Gastraum, macht die Getränke fertig. Es ist der Ort, wo man ins Gespräch kommt, während im Gastraum die Tische isoliert voneinander stehen und die Gäste nicht zwingend miteinander diskutieren (auch wenn das passieren kann)."

Dort ist es ruhiger. Und so ziehen wir uns, nachdem unsere Croissants aufgegessen sind, an die Seite zurück, wo die Tische schon für das Mittagessen eingedeckt werden.

"Am Tresen tauscht man sich aus, schenkt sich ein Lächeln, spricht über das Wetter oder über die Nachrichten, da liegt eine Zeitung aus. Das sind keine wirklich politischen Diskussionen, nicht Besonderes, die Art, wie geredet wird, ist durchaus erwartbar. Man wirft sich Bälle zu. Ich glaube, deshalb gehen auch vor allem ältere, einsame Menschen gerne ins Bistro. Es bietet eine Möglichkeit, ganz selbstverständlich ein paar Worte zu wechseln, sich willkommen zu fühlen. Das alles geht von dem Dirigenten hinter dem Tresen aus: Wie geht’s – ein paar Worte. (...) Er schafft es, ohne jede Anstrengung eine Stimmung herzustellen. Er ist aktiv, immer in Bewegung – und vor allem kennt er seine Leute. Er kennt den Alten, der gerne seinen kleinen Rotwein trinkt etc. Die Leute glauben, ihn zu kennen – und er hat alles im Blick: eine Folge künstlicher Vertrautheit, aber nützlich. Oft macht man sich ja lustig über Tresengespräche, – ganze Theaterstücke gibt es, in denen man sich lustig macht über die banalen und vorhersehbaren Äußerungen, die da fallen. Aber ich glaube, dass solche oberflächlichen Beziehungen sehr nützlich sind und mithelfen, dass man den Alltag durchsteht."

"Ich bin ich, weil der Kellner mich kennt"

Wenn die amerikanische Schriftstellerin und Wahlpariserin Gertrude Stein sagt, "Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt" – kann der regelmäßige Besucher "seines Bistros" sagen: "Ich bin ich, weil der Kellner mich kennt."

Mittlerweile sind alle Angestellten neugierig geworden. Hatten Sie beim Hereinkommen nur Marc Augé, dem bekannten Gast, die Hand geschüttelt, umrunden sie nun unseren Tisch, begrüßen uns beide erneut. Selbst der Chef ist persönlich aufgetaucht und lässt es sich nicht nehmen, die Honneurs zu machen, obwohl er nichts mit dem Namen des deutschen Senders verbinden kann. Aber genau das gehört zum Prinzip "Offenheit".

"Sie fühlen sich geschmeichelt, dass wir uns hier mit ihnen befassen  (...) Der Raum lädt ein und ist offen für viele und vieles. Hier an der Theke können Sie sehen, dass da alle möglichen Leute stehen. Und es ist nicht mehr so häufig, dass sich ein  - wenn auch oberflächlicher, so doch reeller Kontakt zwischen Menschen ergibt – Menschen unterschiedlicher Klassen, die sich sonst nicht begegnen würden."

Und genauso kann das Bistro ein Ort des ziellosen Wartens, der Träumerei, der Inspiration sein.

"Und wie leicht gerät man hier, in diesem beneidenswerten Frieden, ins Träumen. Es entsteht ganz von selbst. Hier kommt der Surrealismus zu seinem vollen Recht. Man bringt dir ein gläsernes Tintenfaß, das mit einem Champagnerkorken verstöpselt ist, und schon bist du in vollem Zuge. Bilder, rieseln herab wie Konfetti. Bilder, Bilder, überall Bilder. An der Decke. Im Korbgeflecht der Sessel. In den Strohhalmen der Getränke. Im öffentlichen Fernsprechverzeichnis. In der flimmernden Luft. In den schmiedeeisernen Lampen, die den Raum erhellen." (Louis Aragon)

In "Pariser Landleben" besingt Louis Aragon immer wieder die Vorzüge von Bistros allgemein und "seines" Bistros in der Passage der Oper, weit weg vom Rummel der 1920er-Jahre. Der einstige Treffpunkt von Surrealisten und DADA-Künstlern wurde abgerissen und behauptet heute anderswo unter dem alten Namen "lokale Authentizität".

Etliche Etablissements werben mit ihrer "großen" Vergangenheit

Seit ihrem Entstehen waren Cafés Treffpunkte der diskutierenden, der bürgerlichen Öffentlichkeit; Vorlieben, Gruppenbildungen, Parteiungen schlugen sich in der Kundschaft nieder. Das war auch im 20. Jahrhundert noch so: Hier die Maler, dort die Politisierenden, eins für Angeber und gut Betuchte, ein anderes für die Huren und die Habenichtse.

Bis heute werben etliche Etablissements mit ihrer "großen" Vergangenheit. Vor allem auf der linken Seineseite – im Quartier Latin und in Montparnasse. Sie verbinden sich mit dem Nimbus von Beckett und Joyce, Breton und Rimbaud, Nabokov und Hemingway und verlängern diese Geschichte mit eigenen Literaturpreisen ins Heute – so das deux Magots, das Café de Flore, die Closerie des Lilas, la Coupole, das Procope – und das Wepler auf der anderen Seineseite.

Wir haben uns für einen Besuch im "Cafe de Flore" entschieden – hätten aber genauso gut gegenüber ins "Les deux magots" gehen können. Der Expresso dort ist mit 4,60 Euro um 50 Cent teurer.

"Man müsste mal genauer hinschauen, ob in anderen Ländern die Idee des nationalen Kulturerbes auch so gehandhabt  wird. Es gibt einen bestimmten Hang in Frankreich, alles, was eng verbunden ist mit der Literatur, schnell zum Erbe zu erklären. Wer liest heute überhaupt noch die Surrealisten? Aber die Idee, dass Breton und andere sich an einem bestimmten Ort getroffen haben, hat immer noch mythische Kraft."

Unzählige Websites laden ein zum Besuch dieser mythischen Adressen der "Hauptstadt der Literatur", zur "Spurensuche" an Orten, die die "größten Schriftsteller der vergangenen Jahrhunderte" bevölkerten. Wobei vor allem die Terrasse draußen auf dem Trottoir Dekor und Bühne darstellt. Hanns-Josef Ortheil beschreibt das in "Die Pariser Abende des Roland Barthes" von 2015:

"Die Stühle stehen so eng nebeneinander, dass man den Nachbarn beinahe berührt. Berührung, Kontakt, gerade das wird gesucht und gefördert (...). In der vordersten Reihe sitzt man nicht nur eng, sondern man sitzt auch so, dass die Fußgänger nahe an einem vorüberziehen. Streckt man den Arm aus, könnte man sie berühren. Einzeln, als Paar, in kleinen Gruppen streifen sie an einem vorbei, nicht zu schnell, sondern so, dass die Blicke ihnen eine Weile folgen können. Der Gehweg ist eine Art Laufsteg, nicht aufgedonnert oder pompös, eher schlicht, spielerisch – aber doch mit einem gewissen Ernst oder Pathos. (...) Das Urmoment dieser Szenerien ist nach wie vor der Blick (...) – ein erotisches Moment. Erotisch an ihm ist die Suche nach der Berührung der Blicke." (Hanns-Josef Ortheil)

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil (Lotta Ortheil)Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil (Lotta Ortheil)

"Orte wie dieser, wie das 'Flore' oder andere sind in gewisser Weise Erinnerungsorte. (...) Das zählt in der Literaturgeschichte, auch im Tourismus selbstverständlich. Ich glaube, Paris hat immer noch Potential; na ja, das ist meine Stadt, mein Ort. Aber ich glaube nicht, dass sich das durch Pilgerreisen vermittelt. Wer weiß, vielleicht wird man später einmal sehen können – oder auch nicht - , was unsere heutige Zeit bedeutet hat."

"Djuna Barnes hat das Café unsterblich gemacht"

Der Aufladung mit Vergangenheit zu entgehen, scheint beinahe unmöglich. Sie umgibt einen, liegt wie ein beständiger basso continuo unter allem. Etel Adnan, die Schriftstellerin und Malerin aus Beirut, lebt heute in Paris – und sitzt gewissermaßen mit Djuna Barnes, die zwischen 1919 und 1939 an der Seine zu Hause war, am Tisch:

"Djuna Barnes hat das Café unsterblich gemacht, und ich träume von ihr, begrüße sie, jedes Mal wenn ich es betrete, was mindestens einmal am Tag geschieht. Djuna Barnes. Sie lebte hier bei diesem Brunnen, betrachtete jene Ahornbäume dort, schrieb an diesen Tischen, weinte auf diesem Trottoir, liebte in diesem Wetter. Damals gab es keinen algerischen Aufruhr, es gab zwischenmenschliche Beziehungen, um sie einmal so zu bezeichnen, begonnene und beendete Liebesaffären, Ekstasen in Schlafzimmern, hinter zugezogenen Vorhängen, und lange Schatten draußen, von Liebhabern, die im Regen warteten." (Etel Adnan)

Im Erdgeschoß des "Café de Flore" sitzt man dicht gedrängt wie in häuslicher Enge; keine Theke. Im ersten Stock ist die Aufteilung geräumiger, aber auch langweiliger, bürokratisch. An den Tischen ringsum unterhalten sich ein paar wenige Geschäftsleute – wer weiß, vielleicht aus den noch immer zahlreichen nahe gelegenen Verlagen? Einige Gäste ohne Begleitung schreiben in ihre kleinen Computer und Tablets. In einer Etagère an der Treppe liegt ein Stapel Bücher mit der legendären Geschichte des "Café de Flore".

"Es  hat historische Umstände gegeben, die das erleichtert haben; besonders nach dem 2. Weltkrieg, als die Amerikaner kamen. Der Dollar stand gut – und ja, es gab eine relativ glückliche Periode, wo ein bestimmtes Bild – wahrscheinlich nur ein Teilaspekt  – von Frankreich prägend war. Ich glaube, das war die Gelegenheit für eine starke intellektuelle Gärung, gar nicht ausschließlich französisch, denn die war ja dem Kontakt, dem Austausch, der Bewegung geschuldet. Heute ist das abgeklungen. Ich bin mir nicht sicher, ob man in Paris überhaupt noch nach Inspiration sucht."

Günstige Mieten, keine Sperrstunde, keinerlei Gedanken an Prohibition und überschaubare Szenen in fußläufig zu erreichenden Kneipen: Was die Amerikaner einst nach Paris lockte, hat heute Berlin zu bieten.

Doch die einmalige Verbindung von literarischer Aktivität und Bistros, die, so beklagt Marc Augé in seinem Buch, sei in Paris abgerissen.

"Ja, ich skizzierte eine vage Nostalgie nach jener Zeit, wo man sich in den literarischen Cafés traf, wo literarische Bewegungen dorthin gehörten. Ich bin nicht einmal sicher, ob es derzeit noch literarische Bewegungen gibt, die man als solche bezeichnen könnte. Es gibt so etwas wie eine retrospektive Illusion, weil hier, wo wir sitzen, in diesem Café Sartre und Simone de Beauvoir ihre Zeit verbrachten. Die Wege, die man heute geht, unterliegen der Vereinzelung, der Individualisierung (...). Trotzdem gibt es weiterhin eine Überhöhung des Pariserischen. Die Zeiten haben sich allerdings insofern geändert, als Kommentar und Interview wichtiger geworden sind, d.h. die Schranken zwischen dem Journalismus, der Reportage und dem literarischen Schaffen sind gefallen."

"Paris ist im Grunde eine riesige Baustelle"

Auch sind die Zeiten vorbei, in denen man die Welt auf den Kopf stellen oder neu erfinden wollte. Dass auch schon damals nichts ohne Politik und Bekenntnis und Ausschluß ging, zeigen gerade die Romane der einstigen Habitués des "Café de Flore" – etwa Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von Paris", im Original 1954 erschienen.

"Er verließ das Café. Er besann sich auf eine andere Nacht, eine Nacht im Nebel, in der er sich prophezeit hatte, ihn würde die Politik nicht fressen: das war es, sie hatte ihn verschluckt. Aber warum hatte er sich nicht besser verteidigt? Woher kam diese innere Dürre, die ihn lähmte? Warum hatte dieser junge Mann, dessen Manuskript er bei sich trug, etwas zu sagen und er nicht? Zweiundzwanzig Jahre war der alt und hatte etwas zu sagen; er ging durch diese Straßen und träumte von seinem Buch: dem Buch … Er ging langsamer. Es waren nicht mehr die gleichen Straßen. Früher strahlten sie in blendendem Licht, sie durchzogen die Hauptstadt der Welt – heute drang nur hier und dort der Schein einer Laterne durch die Nacht und wies darauf hin, wie eng die Straßen, wie verfallen die Häuser waren. Die Lichterstadt war erloschen. Sollte Paris jemals von neuem aufleuchten, so würde es vom Glanz der gesunkenen großen Städte umgeben sein, wie Venedig, Prag und das tote Brügge. Nicht mehr dieselben Straßen, dieselbe Stadt – nicht mehr dieselbe Welt. In der Weihnachtsnacht hatte sich Henri versprochen, die Wonnen des Friedens in Worten auszudrücken, doch dieser Friede war ohne Wonne." (Simone de Beauvoir)

"Belleville war einmal das Emblem von Paris. Mittlerweile hat sich die Demographie komplett erneuert. Daraus entstehen dann unter Umständen auch Probleme. Paris ist im Grunde eine riesige Baustelle, wo sich wichtige demographische Entwicklungen abspielen. Deshalb sollte man auch nicht immer nur von den Banlieues um Paris sprechen, denn das passiert mitten in Paris."

Vom Arbeiterkiez zum Einwandererviertel zum Stadtteil der Gentrifizierung.

Wir sind angekommen im Osten von Paris – hier im 10. und 11. Arrondissement griffen Terroristen am 13. November etliche Bistros an, zahlreiche Menschen starben an einem Freitagabend, dem Ausgehtag.

Warum gerade hier Gewehrsalven den vertrauten Kneipenlärm durchbrachen, liegt für den Sozialwissenschaftler Marc Augé auf der Hand:

"Es sind bedrohte Orte, ja, denn sie symbolisieren eine geglückte Mischung. In dieser Hinsicht ist das 11. Arrondissement charakteristisch: Es gibt die Bobos, wie man sagt, junge bürgerliche Leute, Intellektuelle etc., aber eben auch Migranten aus bescheideneren Verhältnissen – darunter vor allem viele Muslime  – mitten in Paris und nicht draußen in den Banlieues."

Zwei Männer und Blumen erinnern vor dem Pariser Café Le Carillon an die Attentatsserie. (afp / Lionel Bonaventure)Zwei Männer und Blumen erinnern vor dem Pariser Café Le Carillon an die Attentatsserie. (afp / Lionel Bonaventure)

"Warum das passieren konnte, ist aus Sicht der Terroristen völlig klar. Einerseits die Bobos und der Konsum – das ist schlecht. Und integrierte Moslems, das ist auch schlecht, sogar noch schlimmer. Also schlugen sie zu."

"Der Angriff auf die Bistros macht deutlich, dass es real und virtuell darum geht, Menschen, die konsumieren auszulöschen, Paare – Männer und Frauen – und ihre selbstverständliche Art zusammen zu sein. Als müsse das unterbunden werden."

Wir sind in einer klassischen Brasserie, "La bonne Bière". Drei Wochen nach den Anschlägen vom 13. November 2015, wurde das Lokal wieder eröffnet. Während etwa das "Belle èquipe" immer noch umgebaut wird und auch "Le petit Cambodge" weiterhin geschlossen ist.

 "Alle ins Bistro" und "Ich sitze auf einer Terrasse" – so lauteten die Hashtags und Slogans, mit denen Lähmung und Angst nach den Anschlägen überwunden werden sollten. Für Marc Augé hat sich das "Zurück zur Normalität" eher wie von selbst ergeben – gewissermaßen als ein Effekt der "Zivilisiertheit".

"Das ist das normale Leben"

"Es braucht nicht einmal Slogans. Die Terrassen der Bistros sind ja wieder belebt. Selbstverständlich ist das abscheulich, doch ohne diesen Skandal würde man nur ganz schwer zu fassen kriegen, worum es auch geht. In etlichen Bistros gibt es eine Art Koexistenz, ein Nebeneinander, das stärker ist als alles andere. Mit dem Angriff darauf könnten die Terroristen (selbst aus ihrer Sicht) durchaus einen Fehler begangen haben. Weil die Reaktion so eindeutig war. In diesen Bistros, selbst wenn sie ziemlich schick sind wie diese Brasserie hier, gibt es eine populäre Seite. Morgens beim schnellen Kaffee sieht man auch Leute, die auf der Straße arbeiten. Das mischt sich. Ich behaupte nicht, dass da beispielhaft soziale Gerechtigkeit zum Ausdruck käme: nein. Aber es gibt Kontakt, Begrüßungen werden ausgetauscht, kurz: Das ist das normale Leben. Und wenn man wahllos in diese Menge schießt, berührt man etwas ganz Grundsätzliches. Auch wenn das Bistro nicht der ideale Ort des Zusammenlebens ist, so macht doch die Tatsache, daß es angegriffen worden ist, den Menschen diesen wertvollen Aspekt bewußt, der darin besteht, dass man sich täglich ohne große Vorsichtsmaßnahmen über den Weg läuft. Es gibt eine Form der Geselligkeit und der Normalität."

Eingelullt vom mittäglichen Teller-Klappern und dem Geräusch der Stimmen sehen wir nach Draußen: Noch hängen an der metallenen Begrenzung hin zur Kreuzung die verwelkten Girlanden, Blumen, Notizen und Nachrichten von schockierten Nachbarn, Passanten, trauernden Angehörigen. Nicht nur hier vor dem ""La bonne Bière", auch gleich gegenüber, an der Pizzeria "La casa Nostra" erinnern sie an den Schrecken des 13.November. Marc Augé versucht die Veränderungen der vergangenen Jahre zusammenzufassen:

"Man kann nicht leugnen, dass wir hinsichtlich vieler Themen den Rückwärtsgang eingelegt haben. Besonders was die Religion angeht. Dass man wieder auf die Vorstellung der Blasphemie zurückgreift, die doch seit 1791 als Straftatbestand gar nicht mehr existierte, dass wir in ein Bistro wie das "Bonne Bière" gegangen sind, das sind doch Indizien einer allgemeinen Beunruhigung. Gleichzeitig muß man sagen, dass Frankreich das einzige Land ist, wo sich 40 Prozent der Bevölkerung explizit als Atheisten bezeichnen. Nirgendwo in Europa oder in der restlichen Welt werden Sie das finden. Was nicht verhindert, dass es auch zutiefst reaktionäre Haltungen gibt. Was mich dennoch verblüfft, ist die grundlegende Areligiosität in Frankreich. Mir scheint, das gehört zu einer bestimmten Konzeption der "Laicité", des Säkularismus. Es fällt nicht schwer, ganz spontan davon auszugehen, dass Religion wirklich Privatsache ist und niemanden etwas angeht. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Präsident der Republik am Ende seiner Rede sagen würde: 'Gott segne Frankreich'. Man würde Gott nicht zu Hilfe rufen."

Im Lokal beiläufige Diskussionen, Tischgespräche wie immer.

Wir wollen weiterziehen, da fällt Marc Augé noch etwas sehr Persönliches ein, eine Meditation über die Stadt, die er als die seine bezeichnet.

"Es gibt eine Zeitdimension, die den Straßen Konsistenz verleiht. Das liebe ich an Paris. Ich habe kein nostalgisches Temperament, aber es gibt Viertel, in denen ich früher schon unterwegs war,  mit einer besonderen Dichte. Deshalb entsteht keine Langeweile, wenn ich da herumlaufe. (...) Ich würde sagen, man hat da das Gefühl, in der Zeit spazieren zu gehen. Was nicht passiert, wenn man eine Stadt entdeckt, und auch nicht in Städten, die man häufiger besucht. Da fallen einem eher die Unterschiede, die Veränderungen auf. Mir passiert das immer wieder, in Städten wie Buenos Aires zum Beispiel, wo ich häufiger bin. Während es in Paris doch anders ist, obwohl sich die Stadt extrem wandelt. Hier finde ich eine Freude, die ich als Wollust der Zeit bezeichnen würde."

Grundiert von einem Basso Continuo aus Vergangenheit

Was wird eingehen in diese Dichte, in diese Schichtungen aus Zeit? Was wird darin später über das Heute gespeichert sein? Paris, für Walter Benjamin die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" scheint jedenfalls auch für Cécile Wajsbrots Bistro-Besucherin weiterhin grundiert von einem Basso Continuo aus Vergangenheit.

"Einmal mehr sucht mein Blick die Straßenecke mit der Apotheke, der Bank, der Buchhandlung und dem Blumenverkäufer, einer anderen Bank, einem Restaurant ab. Wenn auch ein paar Zeichen unserer Zeit sichtbar sind – die Telefonzellen, Überreste des 20. Jahrhunderts, ein Briefkasten mit aerodynamischer Form, ein an einen Baum gelehntes Vélib’ –, so gehen die Gebäude auf das vorangegangene Jahrhundert, das 19. Jahrhundert zurück. Trotz all der Tablets, der Verbindungen bleibt Paris in das 19. Jahrhundert eingekapselt. Welche Freiflächen? Welche Gefilde gibt es, von denen aus man ein wenig Himmel, den Horizont erblickt? Man muss in die abgelegenen Viertel gehen, bei der Bibliothek François Mitterrand, an der Grenze zum 13. Arrondissement, Les Grands Moulins. Seit der Eingemeindung von Auteuil und Passy im Jahr 1900 und trotz der beiden Weltkriege, der Atomwaffe, der urbanen Explosion und der Klimaerwärmung, trotz der Finanzkrise, der Einführung des Euros und der EU-Erweiterung bleibt Paris in sein Korsett aus zwanzig Arrondissements eingezwängt, dem 20. Jahrhundert gegenüber ebenso gleichgültig wie den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts." (Cécile Wajsbrot)

Literatur

Etel Adnan, Paris Paris, aus dem Engl von Nicolaus Bornhorn, Suhrkamp Verlag, FftaM 1999

L.Aragon, Pariser Landleben, aus dem Frz von Rudolf Wittkopf, Berlin 1985

Simone de Beauvoir, Die Mandarins  von Paris, aus dem Frz von Ruth Ücker-Lutz und Fritz Montfort, Rowohlt, Reinbek (Lizenzausgabe der Droemerschen Verlagsanstalt, München/Zürich)

W.Benjamin, zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/kurze-prosa-6570/2

Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Jugend, aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München 2012

Hanns-Josef Ortheil, die Pariser Abende des Roland Barthes, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2015

Jean-Paul Sartre, Gesammelte Werke, Philosoph. Schriften 1, Deutsch von Hans Schöneberg und Traugott König, Rowohlt, Reinbek, 1952, 1962, 1991

Cécile Wajsbrot, Eclipse, aus dem Französischen von Nathalie Mälzer, Matthes und Seitz, Berlin 2016

 

 

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