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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2014

Bischofssynode in Rom"Man ist nicht weit genug gegangen"

Der Theologe Hermann Häring fordert ein moderneres Familienbild der katholischen Kirche

Moderation: Julius Stucke

Kardinäle stehen auf dem Petersplatz in Rom (picture alliance / dpa / Vladimir Astapkovich)
Zwei Wochen lang haben Bischöfe und Kardinäle in Rom über katholische Familienpolitik diskutiert (picture alliance / dpa / Vladimir Astapkovich)

Moralischer Zeigefinger statt Revolution: Der Theologe Hermann Häring findet, dass die Bischofssynode in Rom noch kein wirklich zeitgemäßes Familienbild gefunden hat. Die Synode nun sei aber ein erster Versuch gewesen.

Julius Stucke: Die katholische Kirche für Wiederverheiratete öffnen, homosexuelle Partnerschaften positiv würdigen - das klingt für manch einen Katholiken vielleicht nach purem Sprengstoff, ein bisschen wie Weihwasser für den Teufel, aber genau das stand im Zwischenbericht der Bischofssynode zum Thema Familie, die in Rom stattfindet. Denn es gibt auch eine Menge Katholiken, die sagen: Unser Familienbild ist weltfremd. Eine Umfrage, die Papst Franziskus angestoßen hatte, die hat gezeigt: Auch viele Gläubige und eher konservative Katholiken tun sich schwer mit den Familienvorstellungen der Kirche.

Heute enden die Beratungen über die Familie. .

Tilmann Kleinjung über die Bischofssynode zur Familie. Heute gehen die Beratungen in Rom zu Ende und aufmerksam verfolgt die sicherlich auch der katholische Theologe Hermann Häring. Mit ihm spreche ich über Kirche und Familie. Schönen guten Morgen, Herr Häring!

Hermann Häring: Guten Morgen, Herr Stucke!

Stucke: Wenn man die katholische Kirche modernisieren will, kommt man dann nicht drum herum, die Familien, das Familienbild zu modernisieren?

Häring: Oh ja, das ist dringend notwendig. Man hat jetzt einen ersten Versuch gemacht, aber anders als die konservativen Kardinäle meine ich, dass man noch nicht weit genug gegangen ist.

Stucke: Wohin würden Sie denn gerne mit der katholischen Kirche noch gehen?

Es gibt eben Fälle, in denen eine Ehe zerbricht

Häring: Na ja, im Moment heißt ja der Tenor: Da ist vieles nicht in Ordnung - die Ehe darf nicht geschieden werden, Homosexualität ist abzulehnen, aber wir wollen zu den Leuten freundlich sein, wir wollen sie anerkennen, vielleicht sogar barmherzig.

Ich glaube, man muss viel gründlicher anfangen, denn es stimmt einfach nicht, was Kardinal Müller eben auch in dem Beitrag nannte, dass nach Jesus' Worten die Ehe unauflöslich ist. Sie soll nicht aufgelöst werden. Es ist unmoralisch, ja auch nach menschlichen Begriffen dem einen oder anderen einfach die Gemeinschaft aufzukündigen. Es gibt aber eben Fälle, in denen eine Ehe zerbricht.

Also ich hätte es besser gefunden, die Kardinäle und die Bischöfe, die versammelt waren, hätten viel mehr über die konkreten Bedrohungen, über die Beziehung zwischen Ehe und Gesellschaft geredet, über das, was faktisch passiert, statt wieder doch, jedenfalls verdeckt, moralisch mit dem Zeigefinger zu winken.

Stucke: Das heißt, Sie wünschen sich eine Revolution, von der auch die Rede war, rechnen aber nicht wirklich damit?

Häring: Ich rechne im Moment nicht ... Es gibt ... Kein einziger Beitrag, den ich gelesen habe, stellt sich die Frage, was genau in der Schrift steht. Kein einziger Beitrag, den ich gelesen habe, überlegt sich, wie frühere Jahrhunderte der katholischen Kirchen mit gescheiterten Ehen umgegangen sind. Das war nämlich nicht so in dieser rigorosen Manier, wie man sich das heute vorstellt. Das heißt, man vergibt eine ganz wichtige Möglichkeit: Nebenbei hätte man ja auch mal evangelische Theologen beiziehen können, die ja auch etwas von der Schrift verstehen.

Stucke: Und die sich auch, die evangelische Kirche, sich ja auch mit dem Thema Familie regelmäßig beschäftigt. Warum ist dieses Thema Familie für die Kirche eigentlich das zentrale im Moment?

Die Ehe als einzige Ursache für Glück

Häring: Also einmal muss man eins sehen: Die Ehe ist und Sexualität überhaupt ist natürlich ein sehr wichtiger Baustein von gesellschaftlichem Funktionieren überhaupt.

Deshalb, völlig zu Recht, beschäftigen sich auch die Kirchen damit. Aber die katholische Kirche, glaube ich, noch stärker als die evangelische, hat sich eben schon seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten auf die Ehe fixiert. Sie greift sozusagen die Ehefrage heraus aus dem gesellschaftlichen Gesamt, und tut so, als wäre die Ehe die einzige Ursache sozusagen für Glück, für Scheitern in gesellschaftlichen Verhältnissen. Und das hat natürlich interne Gründe.

Ein Grund ist damit, dass natürlich mit Ehefragen man die Mitglieder der Kirche noch sehr gut im Griff behalten kann, mit Sexualitätsfragen, und der andere ist, dass die gesamte katholische Führungselite zölibatär ist und sich dann auffallend stark immer für Ehefragen interessiert.

Stucke: Sie haben ja bereits gesagt, Sie hätten sich da ein bisschen mehr Bewegung gewünscht. Gibt es aber auch einen Punkt, an dem man sagen muss: Da wird es zu viel der Modernisierung?

Häring: Also ich glaube nicht, dass es den Punkt gibt, weil zur Moderne gehört nicht nur, dass Dinge scheitern, dass Dinge in Metamorphose, also in Umwandlung stehen. Zur Moderne gehört ja auch, dass die Frage der persönlichen Verantwortung, der Verantwortung füreinander, sozusagen die subjektive Moralität der Menschen, ganz zentral steht. Das heißt, es ist ja nicht so, dass in der Moderne die Frage, wie verhalte ich mich zum anderen, wie gehe ich mit meiner Sexualität um, jetzt plötzlich missachtet ist. Das wäre doch für meine Begriffe eine falsche moralische Verurteilung dessen, was man modern nennt.

Stucke: Gibt es da trotzdem unveränderliche Dogmen, über die man nicht verhandeln kann, nie verhandeln wird?

Sexualität ist eine Beziehungsfrage

Häring: Also es gibt, glaube ich, ... Was sehr stark ist - und das würde ich sehr unterstützen - ist die außerordentliche Hochschätzung des Konzepts, einmal Ehe, also von zwei Menschen, die ein Leben lang bereit sind, miteinander Verantwortung zu nehmen, und die bereit sind, auch ohne Weiteres für Kinder Verantwortung zu nehmen.

Das hat die Kirche immer sehr stark herausgearbeitet und das soll sie auch. Aber eine ganz andere Frage ist zum Beispiel: Wenn eine Ehe aus anderen Gründen gescheitert ist - es gibt ja sozusagen auch einen psychischen Tod einer Ehe -, dann kann ich, glaube ich, nicht so tun, also bestünde die Ehe auf dem Papier weiter und darf Menschen dann immer darauf fixieren. Und das hängt, glaube ich, damit zusammen, dass die Kirche, jedenfalls die katholische, auf die ich mich jetzt mal beschränke, immer viel zu sehr Ehe und Sexualität biologistisch, also mit dem Geschlechtsakt identifiziert hat - daran hängt es -, und nie gesehen hat richtig, dass Sexualität eine Beziehungsfrage ist, dass auch Ehe eine Beziehungs- und eine Verantwortungsfrage ist, und erst da eingebettet geht es dann um Sexualität im engeren Sinn.

Stucke: Konkret von diesem Treffen, haben Sie gesagt, erwarten Sie nicht allzu viel, aber was erwarten Sie denn perspektivisch noch von diesem Papst, der ja schon vieles anders machen will?

Häring: Ja. Also ich erwarte natürlich von dem Papst viel, ich erwarte von der Behandlung des Themas auch viel, denn was gut ist: Es ist ja jetzt ein Jahr Zeit, die zu erwartenden Ergebnisse zu diskutieren. Und da ist es natürlich schon so - das Wissen drum, dass ein Abgrund besteht zwischen offizieller Kirchenlehre und dem, was die Leute auf der Straße meinen -, dass der Abgrund besteht, dass man sich damit auseinanderzusetzen hat, und damit man endlich jetzt anfängt, langsam tastend zu versuchen, auch anderen Eheformen, anderen Formen der Sexualität, der Homosexualität etwa, etwas Positives abzugewinnen.

Also die Paste, die aus der Tube kam jetzt in den Tagen und heiß diskutiert wurde, ist nicht mehr zurückzudrücken.

Stucke: Die katholische Kirche und das Thema Familie, Thema der Bischofssynode in Rom, die heute endet, und hier bei "Studio 9" Thema im Gespräch mit dem katholischen Theologen Hermann Häring. Ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Häring: Bitte schön!

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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