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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2009

Biotop statt Stacheldraht

Das Grüne Band an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

Von Lutz Reidt

Waldweg (Tourismus Zentrale Saarland)
Waldweg (Tourismus Zentrale Saarland)

20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist vom Eisernen Vorhang kaum etwas übrig geblieben. Wo einstmals Stacheldraht und Selbstschussanlagen die Menschen voneinander trennten, hat sich in den Jahrzehnten deutscher Teilung etwas anderes fortentwickelt: die längste Biotop-Kette Europas - das Grüne Band.

Ein "vergessener" Grenzbach schlängelt sich durch sumpfige Niederungen. Gesäumt von alten Erlen und Eschen plätschert der Harper Mühlenbach durchs Dickicht, über Steine hinweg und unter vermodernden Baumstämmen hindurch. Dick mit Moos bepackt bilden sie natürliche Brücken zwischen den Ufern - links das Wendland in Niedersachsen, rechts die Altmark in Sachsen-Anhalt.

Hin und wieder sausen hier "fliegende Edelsteine" übers sprudelnde Wasser, mit dunkelmeergrünen Flügeldecken, oben türkisblau und unten zimtrot - die Eisvögel.

"Gerade jetzt am letzten Sonntag habe ich am Grünen Band den Eisvogel sehr deutlich sitzen gesehen. Eine Kiefer, die im Sperrgrabenbereich war, da hatte er sich nieder gesetzt, kurz gerastet, und dann ist er weiter geflogen. Also, deutlicher konnte man ihn nicht sehen im Abstand von vielleicht fünf Metern."

Traudi Starck aus Binde bei Salzwedel kommt häufig an den Harper Mühlenbach, diesem artenreichen Amazonas in Miniatur.

40 Jahre lang trennte der kleine Bach Ost von West. Weiträumig abgesperrt, konnte sich eine sumpfige Wildnis entwickeln, sagt der Biologe Dieter Leupold vom BUND Sachsen-Anhalt:

"Also, der Harper Mühlenbach kann sicherlich in weiten Teilen als Leitbild für Fließgewässer in Norddeutschland gelten. Der Kernbereich des Harper Mühlenbaches ist ungefähr 16 Kilometer lang, schlängelt sich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze; und durch die Jahrzehnte lange Abgeschiedenheit sind sehr schöne Bach begleitende Erlen-Eschenwälder entlang des Fließgewässers entstanden. Dieser Biotoptyp hat ja auch europaweit eine besondere Bedeutung; er ist ja im Rahmen der FFH - das heißt Flora-Fauna-Habitatrichtlinie besonders schützenswert und hier eben in einer sehr schönen Ausprägung noch vorhanden."

Rund 150 Kilometer weiter südlich zeigt das Grüne Band jedoch Lücken. Im Eichsfeld bei Göttingen, wo genau die Mitte der Biotopkette erreicht ist, haben Landwirte den Streifen an vielen Stellen kurzerhand umgepflügt - und dies vor allem Anfang der 90er-Jahre, also kurz nach der Wende, bedauert Kai Frobel vom Bund Naturschutz.

"Das war so eine Phase, die dann der eine oder andere - vor allen Dingen West-Landwirte - dann doch relativ rücksichtslos genutzt hat; und dann haben sich die Pflugscharen eben in das Biotop gesenkt; und Brachebereiche, die 40 Jahre lang eine Atempause hatten, waren dann in wenigen Stunden umgeackert; und das sind diese Verluste, die sich etwa bundesweit auf 15 Prozent summieren; wenn man das in Zahlen ausdrückt, sind das fast 2000 Hektar Biotopfläche, die hier Anfang der 90er-Jahre durch intensive Landwirtschaft kaputt gemacht worden sind; und es wird eine zentrale Aufgabe sein für die nächsten Jahre, diese Lücken im Grünen Band letztendlich wieder zu schließen."

Zum Beispiel durch Ankauf von verloren gegangenen Flächen. Im Eichsfeld ließe sich dadurch das Naturschutzgroßprojekt "Grünes Band Eichsfeld-Werratal" verwirklichen: Dabei soll die Biotopkette auf einer Länge von 130 Kilometern dauerhaft gesichert werden, vom Harz im Norden, über das Eichsfeld bis ins Werratal hinein, wo es entlang der hessisch-thüringischen Grenze nordwestlich von Eisenach endet.

Dort, in Sichtweite der Wartburg genießt die Geografin Karin Kowoll die Blütenfülle eines "Kalkmagerrasens": Das Blau von Glockenblume und Wegwarte, das Gelb von Johanniskraut und Odermännich sowie das Weiß von Wilder Möhre und Augentrost.

All diese Blütenpflanzen des Magerrasens sind "Hungerkünstler". Sie können hier nur deshalb wachsen, weil die Böden während all der Jahrzehnte auch wirklich mager blieben. Also kein Landwirt Dünger ausgebracht hatte:

"Und wenn man die Artenvielfalt in der gedüngten Wiese mit dem Magerrasen vergleicht, muss man einfach feststellen: Auf dem Magerrasen gibt es eben viel mehr verschiedene Pflanzen; auf der Fettwiese wachsen wenige Pflanzen und die wachsen wunderbar; es sieht alles ganz dolle grün und frisch aus; Pflanzen wie jetzt beispielsweise Löwenzahn, Klee und ganz viele Gräser, die einfach so schnell nach oben schießen, dass dann keine Licht für die anderen Pflanzen übrig ist."

Eine üppige Stickstoffgabe wäre sofort das Aus für die Blütenpracht im Grünen Band. Und das wäre schade, meint Karin Kowoll. Besonders würde sie den würzigen Küchenduft vermissen, der aus der bunt blühenden Pflanzendecke empor wabert:

"Wir haben hier einen würzigen Duft und der ist ganz klar auf unsere bekannten Küchenkräuter zurückzuführen, und das ist der Oregano und das ist der Thymian. Das sind Kräuter, die man in ihrer Kulturform auch in der Küche verwendet; die sind auch bei bestimmten Insekten sehr beliebt; so findet sich gerade hier oben im Naturschutzgebiet Kielforst auch der Thymianameisenbläuling; das ist ein ganz, ganz seltener Tagfalter, der ganz stark gebunden ist zum einen an die bestimmte Ameisenart, die auf diesen Magerrasen vorkommt, als auch an die dazu gehörigen Pflanzen; so geht er zum Beispiel auf den Feldthymian."

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