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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.03.2016

Biologin Amalie Dietrich Ein Leben für Pflanze und Tier

Von Irene Meichsner

Das Rote Waldvöglein (Cephalanthera rubra)  (picture alliance / dpa / DB Heinz Baum)
Amalie Dietrich sammelte Tausende von Pflanzen, Hölzern, Insekten, Vögeln und Fischen, darunter viele unbekannte Arten. (picture alliance / dpa / DB Heinz Baum)

Sie war die Tochter einer armen Beutlerfamilie aus Sachsen - mit einer enormen Begeisterung für Botanik. Diese Leidenschaft ermöglichte Amalie Dietrich Mitte des 19. Jahrhunderts das Abenteuer ihres Lebens: eine Expedition nach Australien. Von dort brachte die Naturforscherin zum Teil noch unbekannte Pflanzen mit - auch wenn sie den ihr zustehenden Ruhm dafür letztendlich nicht erntete.

"Sie war ja 1863, kühn wie sie war, aufgebrochen nach Australien. Und hat dort eine riesige Sammeltätigkeit entwickelt, kam 1873 wieder nach Hamburg zurück, landete mit einem Keilschwanzadler auf den Schultern und hatte also unendlich viele Moose, Farne, zum Schluss ja sogar noch Tiere gesammelt ... - das war damals 'ne deutsche Sensation! ... Und sie hat den europäischen Gelehrten die empirische Basis geliefert, dass sie diese Arten analysieren konnten!"

Vom sächsischen Siebenlehn bis nach Australien: Amalie Dietrich, mit der sich die Schriftstellerin Renate Feyl intensiv auseinandersetzte, hat einen weiten Weg hinter sich gebracht. Schon als Kind war die Tochter eines einfachen Lederwarenherstellers ebenso dickköpfig wie wissbegierig. 1846, im Alter von 25 Jahren, heiratete Amalie den Apotheker und Naturfreund Wilhelm Dietrich, der ihr das Einmaleins der Botanik beibrachte. Ihre Biografin Renate Hücking:

"Mit dem ist sie durch die Wälder gezogen, mit dem hat sie gelernt, Pflanzen zu unterscheiden. Von dem hat sie gelernt: Wie pflege ich das, was ich da abpflücke, wie presse ich das? Und im Laufe der Zeit hat sie dann auch wohl für sich entdeckt, dass die Botanik ihre Leidenschaft ist."

"In Gottes Willen, soll'se in den Busch fahren"

Das Paar wollte seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Herbarien verdienen. 1848 kam Tochter Charitas zur Welt, doch für die Rolle als Hausfrau und Mutter war Amalie nicht geschaffen. Sie wanderte mit ihrem Mann durch Thüringen, Hessen und Westfalen bis nach Köln, um Pflanzen zu sammeln. Als Wilhelm träge wurde, marschierte Amalie alleine los. Erst ins Salzburger Land, dann bis nach Holland, wo sie 1861 schwer an Typhus erkrankte. Als sie schließlich nach Siebenlehn zurückkehrte, hatte ihr Mann sie verlassen.

"Nun war der Ehemann weg, sie alleinerziehende Mutter. Und hat sich dann wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bahnfahrkarte gekauft und ist nach Hamburg gefahren."

Amalie hatte gehört, dass Johan Cesar Godeffroy, ein Hamburger Großkaufmann und Reeder, den man auch den "König der Südsee" nannte, eine Expedition nach Australien plante, um sich exotische Pflanzen und Tiere für sein neues Naturkundemuseum zu besorgen. Erst lehnte es Godeffroy ab, eine Frau an Bord zu nehmen. Doch Amalie kam noch einmal wieder – diesmal mit Empfehlungsschreiben von diversen Fachgelehrten.

"Das hat den Godeffroy so überzeugt, dass er gesagt hat: In Gottes Willen, soll'se in den Busch fahren. Also, wenn das so'ne anerkannte Forscherin und Sammlerin ist, dann wollen wir sie doch mit aufs Schiff lassen."

Ihre 15-jährige Tochter überließ Amalie Dietrich der Obhut einer befreundeten Fabrikantenfamilie.

"Die Unbequemlichkeiten, die mir die Hitze und die Moskitos bereiten, vergesse ich leicht über dem unendlichen Glücksgefühl, das mich beseelt, wenn ich auf Schritt und Tritt Schätze heben kann, die vor mir keiner geholt hat", heißt es in einem ihrer Briefe aus Australien, die Charitas später in einer Romanbiografie veröffentlichte."

Amalie Dietrich sammelte Tausende von Pflanzen, Hölzern, Insekten, Vögeln und Fischen, darunter viele unbekannte Arten. Sie schickte Godeffroy auch in Spiritus präparierte Stachel-, Schnabel- und Beuteltiere. Und, auf seinen ausdrücklichen Wunsch, mehrere Skelette und zahlreiche Schädel von Eingeborenen. Ob sie in einem Fall wirklich australische Siedler dazu ermuntert hatte, einen Aborigine zu erschießen, wurde nie vollständig aufgeklärt. Godeffroy war jedenfalls des Lobes voll. Nach ihrer Rückkehr nahm er Amalie Dietrich bei sich auf. Auch ihre Sammlung durfte sie weiter betreuen. Als Godeffroy 1879 in Konkurs ging und der ganze Fundus verkauft werden musste, bekam sie eine Stelle als Kustodin im Hamburger Botanischen Museum. Am 9. März 1891 starb Amalie Dietrich während eines Besuchs bei ihrer Tochter in Rendsburg an einer Lungenentzündung. Ihr Name geriet in Vergessenheit, letztlich hat man sie als Frau und Autodidaktin doch nicht ernst genommen.

"Dadurch, dass ihre Belegexemplare so lange einfach in der Schublade geblieben sind - als man sich dann mit ihnen beschäftigte, waren andere schon in Australien gewesen, hatten die gleichen Funde gemacht, zwar viel später, und die galten dann als Entdecker der Pflanzen."

 

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