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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.03.2016

Biographie des Großvaters Spagat zwischen Loyalität und unvoreigenommenem Blick

Naomi Schenck im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Die Schriftstellerin Naomi Schenck bei ihrem Besuch im Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio-Maurice Wojach)
Die Schriftstellerin Naomi Schenck bei ihrem Besuch im Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio-Maurice Wojach)

Für die Autorin Naomi Schenck war die SA-Mitgliedschaft ihres Großvaters Günther Otto Schenck eine böse Überraschung. Die anfänglichen Widerstände in ihrer Familie haben sie beim Verfassen der nun erschienenen Biographie eher ermutigt.

Als der brillante Chemiker Günther Otto Schenck starb, hinterließ er seiner Enkelin Naomi ein ungewöhnliches Erbe: Sie sollte eine Biographie des Gründungsdirektors des Mühlheimer Max-Planck-Institutes für Strahlenchemie schreiben. Nun ist das Buch  "Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr.12" erschienen und zeichnet ein differenziertes Bild.

SA-Mitglied ab 1933

"Das wusste wohl überhaupt keiner, alle waren überrascht", sagte die Buchautorin über die ersten Reaktionen in ihrer Familie darauf, dass ihr Großvater bereits ab 1933 ein SA-Mitglied war. Einige in der Verwandschaft hätten das nicht zum Anlass genommen, sich empört zu zeigen.  Über die Großeltern sei bis dahin immer gesagt worden, sie seien keine Nazis gewesen. Der Großvater habe immer erzählt, dass ihn ein "wohlmeinender Freund" bei der NSDAP als Mitglied eingetragen habe.  "Das kursierte halt so, das hat man auch nicht weiter hinterfragt und das mit der SA  dann 1933 direkt, das war dann schon ein kleiner  Schock", sagte Schenck.  

Den Konflikt aushalten  

Beim Verfassen des Buches habe sie einen ständigen Konflikt aushalten müssen. Es habe sie sehr beschäftigt, wie sie diesen Spagat zwischen Loyalität und einem möglichst unvoreingenommen Blick hinbekomme. "Manchmal habe ich auch ein bisschen gedacht, ich verzweifele daran und ich verscherze es mir mit der halben Familie", sagte die Autorin. Aber nach einiger Zeit habe sie bemerkt, dass der Konflikt gut tue und einen weiterbringe. Sie sei zu der Erkenntnis gelangt, dass die Scheu, jemanden zu verletzten größer gewesen sei, als sie hätte sein müssen.

Naomi Schenck: "Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12"
Hanser Verlag, München 2016, 22,90 Euro.   

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