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Buchkritik

Neuer Roman von Siri HustvedtIm Korsett Frau fast erstickt
Die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt posiert am 15. November 2011 in Barcelona. (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.03.2012

Biografische Skizzen

Friedrich Christian Delius: "Als die Bücher noch geholfen haben", Verlag Rowohlt Berlin, 296 Seiten

Friedrich Christian Delius setzte sich in seinen Büchern immer wieder mit dem Politischen auseinander. (picture alliance / dpa)
Friedrich Christian Delius setzte sich in seinen Büchern immer wieder mit dem Politischen auseinander. (picture alliance / dpa)

Friedrich Christian Delius zählt zu den eher wenigen deutschen Autoren, in deren Werk das Politische eine zentrale Rolle einnimmt. In seinem neuen Buch stellt er biografische Skizzen mit linkspolitischen Diskussionen und Auseinandersetzungen im Literaturbetrieb dar, die er jahrelang als Lektor verfolgte.

Friedrich Christian Delius ist ein herausragender Zeitzeuge. Er verkörpert die bundesdeutsche Entwicklung durch einen biografischen Umstand, der wie eine Kreisbewegung anmutet. Als kaum 21-Jähriger nahm er nämlich bereits 1964 an einer Tagung der Gruppe 47 teil, die damals auf dem Höhepunkt ihres Einflusses stand – und 1990, lange nach deren offiziellem Ende, als noch einmal eine allerletzte Ausnahmetagung bei Prag organisiert wurde, war er der letzte Schriftsteller, der dort las.

Delius war immer auf andere Autoren bezogen, das frappiert in seinen Erinnerungen besonders: die Arbeit als Lektor spielte von Anfang an eine große Rolle. Er hatte großen Anteil an der Entdeckung Heiner Müllers im Westen, und auch der als sensationell aufgenommene Debütband von Thomas Brasch ging auf Delius’ Initiative und Werben zurück.

Manche Szenen werden zur Allegorie. Peter Handkes kalkulierter Happening-Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton 1966 hat nicht nur den fast gleichaltrigen Delius überrumpelt. Und dass sich damals alle sofort in die schöne amerikanische Intellektuelle Susan Sontag verliebten, wirft von ganz anderer Seite her ein Licht auf die damalige deutsche Lage. Delius merkte plötzlich, fast erschaudernd: "Ästhetik und Demokratie passen zusammen." Deswegen bezeichnet er sich allenfalls als "66er" und nicht als "68er": die Offenheit, das Ausprobieren, die Lust an neuen Formen vor der dogmatischen Erstarrung sind das, worauf er sich noch heute beziehen möchte.

Aufschlussreich ist etwa seine Darstellung des großen Schismas, das Mitte der Siebzigerjahre die literarische und politische Szene erschütterte: der Streit im Wagenbach-Kollektiv, der in einem getrennten Wagenbach- und Rotbuch-Verlag endete. Delius schildert detailliert – und das ist eine bisher unbekannte Sicht der Dinge – dass sich die Geister an der Haltung zur "Rote Armee Fraktion" schieden, der Baader/Meinhof-Gruppe. Seine begeisterte Darstellung des Rotbuch-Kollektivs, das sehr gut funktioniert habe, zeigt indirekt, wie die Wunden von damals immer noch weiterwirken.

Eine notwendige Geschichtslektion erteilt der Autor, wenn er zeigt, dass es gerade die undogmatische westliche Linke war, die die Dissidenten im Ostblock vorbehaltlos unterstützt und sie überhaupt erst bekanntgemacht hat. Dass "linksliberal" nach 1989 bald zum Schimpfwort wurde, ist eine der vertracktesten Wendungen der Geschichte – und Delius hält dabei an einer Haltung fest, die angesichts etlicher opportunistischer Wendehälse in seiner Generation als redlich erscheint, abseits jeglichen Zynismus.

Besprochen von Helmut Böttiger

Friedrich Christian Delius: Als die Bücher noch geholfen haben
Biografische Skizzen. Verlag Rowohlt Berlin, 2012. 296 Seiten, 18,95 Euro.