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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.12.2011

Bildungsstudie: Lehrer benoten privilegierte Schüler besser

Bildungsexperte Trautwein bemängelt, dass Lehrer die eigene Erwartung in die Bewertung einfließen lassen

Ulrich Trautwein im Gespräch mit Andreas Müller

Die wichtigste Faktor für die Note sei zwar die  tatsächliche Leistung, trotzdem spiele auch die Erwartung der Lehrer eine Rolle, so die Studie. (AP)
Die wichtigste Faktor für die Note sei zwar die tatsächliche Leistung, trotzdem spiele auch die Erwartung der Lehrer eine Rolle, so die Studie. (AP)

Schüler mit besserem sozialen Hintergrund hätten bessere Lernchancen und würden auch stärker gefördert, sagt Ulrich Trautwein, Ko-Autor einer Bildungsstudie der Vodafone Stiftung. Schlimmer sei jedoch, dass privilegierte Schüler von den Lehrern selbst bei gleichen Leistungen besser bewertet würden.

Andreas Müller: Vor etwas mehr als 40 Jahren machte sich in der Bundesrepublik Deutschland die sozialliberale Koalition daran, allen Kindern, gleich welcher Herkunft, dieselben Bildungschancen zu ermöglichen. In der DDR hatte man etwas früher damit begonnen. Ein gewaltiges Reformvorhaben, das - wenn man sich das Ergebnis einer Studie der Vodafone Stiftung anschaut, die von führenden Bildungsforschern erstellt wurde - gescheitert ist. Die Studie heißt "Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule".

Wichtigste Erkenntnisse: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Schulnoten und sozialem Status, schichtspezifische Unterschiede in der schulischen Leistung spielen die größte Rolle, Noten und Schulempfehlungen fallen jedoch auch bei gleicher Leistung je nach Schichtzugehörigkeit unterschiedlich aus. Bei uns zu Gast ist jetzt einer der Autoren, nämlich Prof. Ulrich Trautwein. Schönen guten Tag!

Ulrich Trautwein: Guten Tag!

Müller: Ja, wie haben Sie untersucht, wie sind Sie vorgegangen?

Trautwein: Wir haben einige der aktuellsten großen Schulleistungsstudien verwendet, bei denen Angaben von Schülern, Eltern und Lehrern vorhanden sind und bei denen standardisierte Leistungstests eingesetzt wurden, das heißt: Objektive Leistungstests, die von Wissenschaftlern entwickelt wurden und den Schülern vorgegeben wurden, wurden untersucht und kontrastiert mit den Schulnoten, die die Lehrerinnen und Lehrer vergeben.

Müller: Was kam dabei heraus?

Trautwein: Ein wichtiger Befund ist, dass auch heute noch es einen Effekt des sozialen Hintergrunds in den Noten gibt, das heißt also: Von zwei Schülerinnen und Schülern, die die gleiche Schulleistung in den objektiven Tests aufweisen, bekommt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit derjenige Schüler, diejenige Schülerin mit besserem sozialen Hintergrund auch die bessere Note.

Müller: Was heißt das dann auch für die Schulempfehlungen?

Trautwein: Das wirkt sich weiter aus auf die Schulempfehlung, auf die Schulformempfehlung, da die Noten die größte Rolle natürlich spielen für diesen Übertritt.

Müller: Also da wird schon sehr früh, wenn man so will, ein Fehler gemacht, aber da können wir gleich vielleicht noch genauer drüber sprechen, denn zunächst mal überrascht mich das ja nicht: Es gibt ja so einen Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schulnote - na ja, ich meine, klar, höhere Schicht, höhere Wertschätzung von Bildung, besserer Zugang zu Büchern, mehr Vorlesen et cetera, das ist ja vielleicht schon mal durchaus ein Vorteil.

Trautwein: Genau, so sieht es auch die Bildungsforschung, und die Bildungsforschung unterscheidet zwischen zwei Herkunftseffekten, den sogenannten primären Herkunftseffekten und den sekundären Herkunftseffekten. Die primären Herkunftseffekte sind genau die, die Sie beschrieben haben: Schülerinnen und Schüler, die in Familien mit einem günstigeren sozialen Hintergrund aufwachsen, haben bessere Lernchancen. Sie lernen mehr schon, sie werden früher gefördert, sie leben in einem angereicherten Lernumfeld, und so kommt es, dass sie tatsächlich auch die besseren objektiv gemessenen Leistungen zeigen.

Das ist ein Effekt, der natürlich nur bedingt erwünscht ist, denn wir möchten, dass alle Schülerinnen und Schüler die besten Leistungen zeigen, die sie zeigen können. Aber gesellschaftlich wird das nicht sanktioniert, wenn diejenigen mit den besseren Leistungen auch die besseren Noten bekommen.

Der zweite Effekt, der sekundäre Herkunftseffekt, der ist sicherlich noch problematischer, das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler trotz identischer Leistungen unterschiedlich bewertet werden. Und hier spielen also Erwartungen der Lehrer mit hinein, es kommt zu Fehlurteilen aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer, es kommt zu der Erwartung bei den Lehrerinnen und Lehrern, dass ein Kind mit einem günstigen sozialen Hintergrund auch besser auf dem Gymnasium bestehen wird, trotz, wie gesagt, identischer Leistung.

Müller: Das ist natürlich eigentlich eine dramatische Erkenntnis, also um das nur noch mal ganz einfach zu sagen: Da ist ein Kind, das kommt aus der Siedlung, sage ich jetzt mal, aus der Hochhaussiedlung, schreibt die gleiche Arbeit und kriegt aber eine andere Note als das Kind, das aus dem feinen Vorort stamm - so einfach.

Trautwein: So einfach und so problematisch, genau das ist das, was man findet: Der wichtigste Faktor für die Note ist die tatsächlich gezeigte Leistung, aber zu einem substanziellen Ausmaß gehen auch diese unerwünschten Nebeneffekte in die Note mit ein.

Müller: Also auch so weit, dass Lehrer Schüler aus einer höheren sozialen Schicht vielleicht besser bewerten, weil die sie als wertvoller und per se verheißungsvoller für die weitere Schulkarriere ansehen?

Trautwein: In der Tat kann man vermuten, dass so etwas passiert bei den Lehrerinnen und Lehrern. Ich muss an der Stelle allerdings die Lehrerinnen und Lehrer auch etwas verteidigen: Es ist in der Tat so, dass mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Schülerinnen und Schüler mit einem besonders günstigen sozialen Hintergrund die Sekundarstufe I erfolgreich bewältigen.

Das heißt: In gewisser Weise ist es richtig, wenn die Lehrerinnen und Lehrer antizipieren, dass bei gleichen Leistungsvoraussetzungen ein Schüler mit einem besonders günstigen familiären Hintergrund es besser macht als derjenige aus der Siedlung, wie Sie gesagt haben. Das heißt, die Antizipation ist gar nicht so falsch, gesellschaftlich ist es aber ein Fehlzustand: Es darf nicht sein, dass bei gleichen Voraussetzungen die einen Talente auf der Strecke bleiben, die anderen halt nicht.

Das heißt, hier braucht man vonseiten der Schule die Ermunterung und die Unterstützung auch derjenigen Familien, die begabte Kinder haben, die aber die Gymnasialempfehlung nicht bekommen oder nicht wahrnehmen, beispielsweise in Form einer Fördergarantie.

Müller: Nun könnte ich mir vorstellen, dass Migranten besonders betroffen sind von dieser Geschichte?

Trautwein: Das ist eine Vermutung, die man häufig hört, das ist aber nicht der Fall. Also Migrantinnen und Migranten sind zwar unterrepräsentiert, beispielsweise auf dem Gymnasium, aber wenn man Migrantinnen und Migranten und andere Schülerinnen und Schüler aus der gleichen sozialen Schicht anschaut - da gibt es keine spezifischen Nachteile der Migrantinnen und Migranten.

Müller: Wie ist das im Verhältnis der Geschlechter, zwischen Jungen und Mädchen?

Trautwein: Inzwischen werden Mädchen häufiger fürs Gymnasium empfohlen. Das liegt unter anderem daran, dass die Mädchen eine größere Leistungsbereitschaft, größere Anstrengungsbereitschaft zeigen als die Jungen. In gewisser Weise ist das eben in diesem Sinne dann eine gerechte Ungleichheit. Bei dem Vergleich von Personen mit besonders gutem, günstigem sozialen Hintergrund und weniger günstigem sozialen Hintergrund gibt es übrigens diesen Faktor nicht: Selbst wenn man das kontrolliert, bleibt der soziale Herkunftseffekt bestehen.

Müller: Gilt das eigentlich für alle Länder in Deutschland, was Sie da beobachtet haben?

Trautwein: Die sozialen Effekte persistieren in allen Bundesländern, das hat kein Land geschafft, das komplett abzuschaffen.

Müller: Zu Gast im Deutschlandradio Kultur ist der Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Wir wissen nun: Die Lehrer benoten privilegierte Schüler besser. Nun forderte der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann unlängst einen Elternführerschein, um der sozialen Benachteiligung in der Schule entgegenzuwirken. Ist das nach den Ergebnissen Ihrer Studie nicht zu kurz gegriffen? Denn es liegt ja demnach nicht nur an den Eltern, sondern in gewissem Ausmaß auch am Lehrer.

Trautwein: Sicherlich spielen mehrere Faktoren mit hinein. Die Eltern sind ganz besonders auch dafür verantwortlich, dass die primären Herkunftseffekte nicht auftreten, bzw. Familien sind die Orte, wo primäre Herkunftseffekte besonders gefördert werden oder entstehen. Das heißt, viele Eltern tun Dinge, die ihrem Kind nicht gut tun, also beispielsweise: Sie trinken Alkohol und rauchen während der Schwangerschaft, sie geben dem Kind zu viel Fernsehen und zu wenig Radio in der frühen Kindheit, es gibt zu wenig Sprechen und Singen in der Familie und zu viel Streit, und es gibt merkwürdige Erziehungsmethoden, die dem Kind wenig helfen.

In der Tat könnten da Elternkurse helfen, Interventionsstudien können helfen, ganz besonders bei denjenigen, um die wir uns besonders große Sorgen machen, also Schülerinnen und Schüler, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit später zu einer Risikogruppe gehören und nicht das Lesen so gut lernen, dass sie am Ende ihrer Schulzeit eigentlich verständnisvoll längere Texte lesen können.

Aber die Eltern sind eben tatsächlich nur ein Faktor unter vielen, die Lehrerinnen und Lehrer gehören auch dazu, die fehlende Diagnose und Förderung in den Grundschulen, die fehlende Frühförderung und vielleicht besonders auffällig dieser Tage: Der Staat kommt seiner Fürsorgepflicht auch nicht nach im frühkindlichen Bereich, im Kitabereich. Dort fehlt es nach wie vor an hohen Qualitäten, auch im Bereich der sprachlichen Unterstützung, und ganz besonders im Ganztagesbereich.

Müller: Das sind jetzt so ein paar Ansätze, die Sie genannt haben. Müsste man vielleicht auch noch mal grundsätzlich - und das wird natürlich auch die ganze Zeit schon getan - über die Schulformen nachdenken? Wir haben jetzt nur noch bald zwei Schulformen. Gibt es da noch einen Ansatz, wo man sagt, also eigentlich sollten wir vielleicht so etwas wie eine Einheitsschule oder so etwas schaffen?

Trautwein: In der Tat würde das das Problem des Übergangs entkräften. Es gäbe keinen Übergang mehr, dort könnte nichts mehr schiefgehen. Es schafft aber die grundlegenden Probleme nicht ab, nämlich eine fehlende, auch individualisierte Förderung der sozial schwächeren Schülerinnen und Schüler, deren Leistungen nicht so gut sind, wie sie sein sollten.

Und das einzige, was da hilft, ist tatsächlich, die Arbeit so gut zu machen, wie man sie machen könnte: Die Bildungsforschung aber auch die Fachdidaktik haben vielfältige Möglichkeiten aufgezeigt, Schülerinnen und Schülern mehr beizubringen, dass das immer noch nicht systematisch in allen Schulen angekommen ist, ist natürlich ein Problem und ein Zustand, der nicht länger so hingenommen werden sollte.

Müller: Gleiche Leistung, schlechte Note - wie die soziale Herkunft den Schulerfolg beeinflusst, hat eine Studie untersucht, und einer der Autoren dieser Studie ist Prof. Ulrich Trautwein, der jetzt bei uns zu Gast war. Haben Sie vielen Dank!

Trautwein: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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