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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.11.2008

Bildungsexperte fordert Ausbau von Ganztagsschulen

Bueb: Hauptschulen sind "wie ein Kainsmal auf der Stirn"

Bernhard Bueb im Gespräch mit Hanns Ostermann

Schüler während einer Prüfung (AP)
Schüler während einer Prüfung (AP)

Nur Ganztagsschulen können aus Sicht des Bildungsexperten Bernhard Bueb allen Kindern gleiche Chancen auf Bildung gewähren. Nur dort könnten Kinder aus bildungsfernen Schichten ein Selbstwertgefühl entwickeln, sagte Bueb. Er sprach sich zudem für die Abschaffung der Hauptschulen aus. Dass eine Zusammenlegung von Real- und Hauptschule sinnvoll sei, zeige das Abschneiden von Sachsen und Thüringen bei der jüngsten PISA-Studie.

Hanns Ostermann: Am Telefon ist jetzt der ehemalige Schulleiter des Internatsschloss Salem, der Pädagoge und Bildungsexperte Bernhard Bueb. Guten Morgen, Herr Bueb!

Bernhard Bueb: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Wie wichtig sind für Sie diese Daten, die heute die Kultusministerkonferenz im Einzelnen veröffentlichen wird?

Bueb: Die Daten sind für uns alle sehr wichtig, weil sie uns erneut auf die Schwachstellen hinweisen. Und ich teile die Auffassung der Gewerkschaft, dass der größte Skandal immer noch die Ungerechtigkeit ist, die erneut zutage tritt, dass die Kinder aus den bildungsfernen Schichten geringe Chancen haben, höhere Bildung zu erfahren.

Ostermann: Diese Aufstiegsferne, wie lässt sich die verhindern? Ist die Ganztagsschule wirklich die alles entscheidende Antwort darauf?

Bueb: Ja, die Ganztagsschule, die es ja leider in Deutschland nur vereinzelt gibt und häufig nicht in einer richtigen Form, ist nach meiner Auffassung die einzige Chance. Denn Ganztagsschule soll ja nicht heißen den ganzen Tag Schule, sondern vormittags Unterricht, dann gemeinsames Mittagessen und dann sollte das Spiel dominieren, von Sport über Theater, Musik usw. Und warum? Die Kinder aus bildungsfernen Schichten haben ja oft einen Nachteil. Sie haben eben nicht erfahren, dass Menschen an sie glauben, dass zur Folge hat, dass sie selber an sich glauben, dass sie ein Selbstwertgefühl entwickeln. Ein Hauptschüler steht morgens auf und sagt, ich scheitere heute wieder und wird den Tag über sich anstrengen, der Welt zu beweisen, dass er scheitert. Und dieses Selbstwertgefühl kann man ihnen nur einpflanzen, wenn Lehrer gemeinsam mit ihnen außerhalb des Unterrichts zusammen sind und sie entdecken in ihren Stärken, und zwar nicht akademische Stärken, sondern Persönlichkeitsstärken. Und das ist, wenn sie gemeinsam Fußball spielen, wenn sie handwerklich arbeiten, wenn sie gemeinsam in der Natur etwas unternehmen. Das heißt, wenn das Spiel dominiert. Und das ist der große Vorzug in zum Beispiel angelsächsischen oder skandinavischen Ländern, dass dort Ganztagsschulen existieren, die gerade diese Seite sehr betonen.

Ostermann: Auf der anderen Seite, Sie haben jetzt diese Länder genannt, gibt es dort einen großen sozialpädagogischen Anteil, das heißt, dass Lehrer-Schüler-Verhältnis ist ein anderes als vielfach noch bei uns in Deutschland. Wenn Sachsen und Thüringen jetzt so gut abgeschnitten haben, dann liegt das möglicherweise auch daran, dass der Schülerrückgang, die Klassengröße nicht kompensiert wurde durch weniger Lehrer, sondern die Lehrerstärke wurde beibehalten. Das ist doch eigentlich keine neue Erkenntnis?

Bueb: Nein, das ist auch gar keine große Erkenntnis, sondern sie liegt ja offensichtlich auf der Hand. Dann haben ja Thüringen und Sachsen auch ein anderes Schulmodell, das heißt, die haben ja die Haupt- und Realschule zusammengelegt. Dort gibt es ja keine isolierten Hauptschulen. Und daneben haben sie das Gymnasium. Sie haben zwei Säulen und nicht ein dreigliedriges System. Und das kommt dem natürlich sehr entgegen, den Kindern aus den bildungsfernen Schichten, weil sie eben nicht in eine Schulform abgeschoben sind, die sie wie ein Kainsmal auf der Stirn tragen, nämlich die Hauptschule.

Ostermann: Aber es bleibt bei der alten Erfahrung, je kleiner eine Gruppe, desto effektiver kann gelernt werden. Diese Erkenntnis, die ja nicht nur PISA gebracht hat, wurde die eigentlich inzwischen in die Tat umgesetzt nach Ihren Beobachtungen?

Bueb: Nein, in Deutschland sind ja die Klassengrößen immer größer geworden. Und man bemüht sich ja, sie kleiner zu machen, wobei nur die Verkleinerung der Klassen noch nicht das Heil bringen wird. Es wird etwas mildern, aber es genügt nicht. Entscheidend ist, dass die Lehrer auch in Deutschland ihr Selbstverständnis ändern und bereit sind, auch als Erzieher tätig zu sein und vor allem auch, dass in der Sekundärstufe I. Das heißt, das ist ja der Bereich, wo auch die Hauptschule angesiedelt ist. Und das heißt, dass die Lehrer sich mehr um Charakter- und Persönlichkeitsbildung kümmern und nicht nur um die akademische Bildung.

Ostermann: Haben sie dazu überhaupt die Zeit?

Bueb: Nein, die Zeit haben sie nur, wenn sie den ganzen Tag an der Schule sind. Deswegen sollte man verordnen, dass der Arbeitsplatz des Lehrers die Schule ist bis um 17:00 Uhr. Und die Gewinner wären alle, die Kinder, alle Kinder, sowohl die Kinder aus behüteten Verhältnissen wie die Kinder aus den bildungsfernen Schichten. Die Lehrer wären Gewinner, die berufstätigen Mütter, die Alleinerziehenden, wenn sie in Gemeinschaften zusammenleben würden außerhalb des Unterrichts. Kinder und Jugendliche leiden heute unter zwei Defiziten, dem Defizit an gestalteter Gemeinschaft und ein Defizit an Zuwendung von Erwachsenen. Beides könnte gelöst werden durch die richtige Form von Ganztagsschule.

Ostermann: Und sie leiden doch möglicherweise auch darunter, dass noch viel zu wenigen jungen Lehrern die Möglichkeit gegeben wird, nach dem zweiten Examen sofort in einer Schule anzufangen. Die Altersmischung in vielen Kollegien, die scheint doch nicht zu stimmen?

Bueb: Die Vergreisung der Kollegien ist ein Phänomen seit 10 bis 15 Jahren. Es wird jetzt deswegen auch zu massiven Pensionierungen kommen in den nächsten zehn Jahren, was eine Verjüngung zur Folge hat, aber die sollte natürlich schneller erfolgen. Da haben Sie recht.

Ostermann: Man kann ja schon grundsätzlich sagen, dass die Bildung in der Politik mittlerweile einen höheren Stellenwert als früher. Denkt man allein an die Bildungsreise und den Bildungsgipfel der Kanzlerin. Aber wie nachhaltig, Herr Bueb, wirken derartige Veranstaltungen?

Bueb: Es ist hoch erfreulich, dass das Thema Bildung so im Vordergrund steht, aber es muss zu Taten führen. Und daran mangelt es. Es wird sehr viel geredet, unglaublich viel diskutiert, vorgeschlagen usw. Aber sobald das zur Umsetzung geht, dann heißt es, es ist kein Geld da oder es fehlen die Konzeptionen. Und dann gibt es ein großes Problem, dass der Föderalismus und dass wir 16 Bundesländer haben, in der Regierungen versuchen, ihre parteipolitischen Vorstellungen umzusetzen. Die bildungspolitischen Vorstellungen der leitenden Politiker sind zu 100 Prozent parteipolitisch geprägt. Sie entwickeln keine eigenen Ideen, sagen wir, wie Frau von der Leyen, die den Mut hatte, ihre Partei gegen den Strich zu bürsten mit der Einführung der Kita zum Beispiel und das Argument beiseite zu wischen, dass das Geld nicht da sei. Heute bemüht man sich, das Geld zu beschaffen. So müsste es auch Kultusminister geben, die beherzt und ja mit eigenen Ideen bildungspolitisch arbeiten.

Ostermann: Der Pädagoge und Bildungsexperte Bernhard Bueb. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Bueb: Ja, bitte schön.

Das Gespräch mit Bernhard Bueb können Sie bis zum 18. April 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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