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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

Bildungsbericht 2014Bedrückende Wahrheiten

Fortschritte und Stillstand in der Bildungsrepublik

Von Christiane Habermalz, Hauptstadtstudio

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (M, CDU) stellt am 13.06.2014 bei einer Pressekonferenz in Berlin zusammen mit Sylvia Löhrmann (Grüne), Präsidentin der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) und Schulministerin in NRW, sowie dem Sprecher des Autorenteams, Marcus Hasselhorn vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), den fünften Bildungsbericht "Bildung in Deutschland" vor. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (M, CDU), NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und der Sprecher des Autorenteams, Marcus Hasselhorn bei der Vorstellung des Bildungsberichts 2014 in Berlin (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Die ungleichen Chancen für Zuwandererkinder, trotz jahrelanger bildungspolitischer Bemühungen, sind ein Skandal. Viele Jugendliche sind ausgegrenzt - sozusagen qua Geburt.

Zwischen Bewegung und Stillstand bewege sich die Bildungsrepublik Deutschland, so das Fazit der Wissenschaftler. Doch dazwischen liegt ein weites Feld. Fortschritte sind unverkennbar: Immer mehr Kleinkinder unter drei Jahren gehen in Kindertagesstätten – und bekommen damit früher die Gelegenheit, soziale Nachteile aus ihren Familien oder sprachliche Probleme auszugleichen. Und die Zahl der gehobenen Abschlüsse steigt – immer mehr junge Leute gehen aufs Gymnasium und studieren. Das ist gut.

Ungleiche Chancen von Geburt an

Doch gleichzeitig ist ein großer Teil der Jugendlichen weiterhin ausgegrenzt – sozusagen qua Geburt. 10 Prozent der Jugendlichen in Deutschland bleiben ohne Berufsabschluss. In der Gruppe mit Migrationshintergrund sind es über 30 Prozent - das ist jeder Dritte. Ab dem ersten Tag ihres Lebens sind die Chancen ungleich verteilt. Dass sich an dieser bedrückenden Wahrheit nach Jahren des bildungspolitischen Aktionismus noch immer nichts geändert hat, ist mehr als nur Stillstand – es ist ein Skandal.

Und auch die steigenden Studierendenzahlen sind nicht nur Grund zum Jubeln. Denn entsprechend weniger Schulabgänger finden den Weg zu einer betrieblichen Ausbildung. Und gerade hier, auf der mittleren Ebene, in den technischen und handwerklichen Berufen, fehlen die Fachkräfte – ein Trend der sich unweigerlich fortsetzen wird. Das sei zum größten Teil hausgemacht, lautete der Vorwurf aus Politik und Wissenschaft, denn die Betriebe würden zu wenig ausbilden.

Einseitiges Bashing greift zu kurz

Doch das einseitige Wirtschaftsbashing greift viel zu kurz. Es verkennt, dass angesichts der demographischen Entwicklung längst eine Konkurrenz entbrannt ist um immer weniger Schulabsolventen. Das vielgerühmte duale System, dass von deutschen Politikern so gerne als Exportmodell in südeuropäischen Ländern verkauft wird, steht an einem Scheideweg. Viele Betriebe suchen händeringend nach Azubis, doch wo Jugendlichen von Eltern, von Gesellschaft und Politik immer wieder eingebläut wird, dass nur wer studiert, es auch zu etwas bringt, da fehlen diese Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt und langfristig als betriebliche Fachkräfte.

An den Unis werden zuhauf Bachelor-Absolventen produziert, deren Verwendbarkeit in der Praxis bislang nur behauptet wird. Jeder dritte Bachelorstudent bricht zudem das Studium ab – mit unklarer Orientierung für die Zukunft. Akademisierung darf nicht zum Selbstzweck werden. Das duale System kann nur überleben, wenn der Wert der beruflichen Ausbildung nicht nur im Ausland propagiert, sondern auch im Inland geschätzt wird.

Programme für Studienabbrecher schaffen

Es braucht Programme, um Studienabbrecher gezielt in Ausbildungsberufe zu vermitteln. Und es fehlt an Beratungsangeboten an den Schulen, auch an Gymnasien, die nicht nur das Studium als alleinseligmachende Lebensform anpreisen. Die Jugendlichen am unteren Ende der Bildungsskala dürfen nicht einfach am Wegrand zurückgelassen werden, sondern müssen endlich als Potenzial erkannt werden, das brachliegt. Hier bleibt die Wirtschaft klar hinter ihren Möglichkeiten zurück: Sie darf nicht nur nach den Besten schielen, sondern ihre Angebote müssen auch Jugendlichen gelten, die keine idealen Ausgangbedingungen haben. Sonst klafft die Bildungsschere weiter auseinander. Zwischen Stillstand und Bewegung ist noch viel Platz.

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