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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.03.2008

Bildung nur für Reiche

Bruno Preisendörfer: "Das Bildungsprivileg"

Rezensiert von Jürgen Kaube

Wer bei den Noten vorne weg ist, darüber entscheidet in der Grundschüler meist die Herkunft. (AP)
Wer bei den Noten vorne weg ist, darüber entscheidet in der Grundschüler meist die Herkunft. (AP)

Nach wie vor gilt: Arbeiterkinder auf die Hauptschule, Kinder der Mittel- und Oberschicht auf das Gymnasium. Bruno Preisendörfer analysiert, warum in dem deutschen Bildungssystem die soziale Herkunft zählt.

Ganz neu ist das Thema nicht, das der Berliner Schriftsteller Bruno Preisendörfer behandelt, aber eben darum behandelt er es ja. Weil sie trotz aller Schulreformen immer noch da ist: die Ungleichheit der Chancen, es in unserem Land zu Bildung zu bringen. Kinder, so kann man den Autor zusammenfassen, werden nach wie vor ohne Rücksicht auf ihre natürliche Gleichheit und ihre gleiche Unterstützungswürdigkeit durch die Schulen der Schicht ihrer Eltern zugeordnet.

"Während die Gymnasialempfehlung für Akademikerkinder die Regel ist, ist sie bei bildungsfernen Kindern oder gar bei Unterschichtkindern die Ausnahme, die durch besondere Begabung gerechtfertigt werden muss. Die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite wird nicht oder nur selten durch herkunftsunabhängige Leistung errungen, sondern sie wird sozial vererbt."

Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg (Eichborn Verlag)Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg (Eichborn Verlag)Preisendörfer ist ein Arbeiterkind, dem es trotzdem gelang. Seine Kritik der Bildungsanstalten folgt den Stationen der eigenen Biografie, die illustrieren, welche Handicaps es hatte: das Kind vom Land, mit dem Dialekt, das Kind, dessen Eltern und Lehrer meinten, die Realschule genüge doch, auch das Kind, das, als es trotzdem auf das Gymnasium kam, an Latein scheiterte, während die anderen Nachhilfe erhielten, die für seine Eltern zu kostspielig war.

Diese Rückblicke auf Härten der eigenen Bildungsgeschichte machen das Buch anschaulich. Und sie treten auch dem Vorurteil entgegen, bei den Angehörigen bildungsferner Schichten handele es sich vor allem um Leute, die den Tag vor dem Fernseher zubringen und ihre Kinder verwahrlosen lassen. Preisendörfer schreibt nicht zuletzt aus Zorn über die selbstgefällige Haltung vieler, die es nur durch Herkunft, nicht durch Bildung zu etwas gebracht haben.

"Leute aus bildungsfernen Familien, denen es gelingt, in 'bessere Kreise' vorzudringen, machen oft die Erfahrung, dort auf eine gewisse Reserve zu stoßen. Statt als Gleiche unter Gleichen aufgenommen zu werden, gelten sie den längst Arrivierten als 'ambitioniert’ und werden entweder beargwöhnt oder begönnert. Es geht ihnen wie Frauen, die in Männerdomänen eindringen: Sie müssen besser sein und sich schlechter behandeln lassen als die mit angestammten Rechten."

Halten wir uns aber zunächst an sein Argument. Die Schule ist ungerecht, sie begünstigt das, was Preisendörfer "die Mittelschicht" nennt.

"Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, schaffen es 23 an die Uni; von 100 Akademikerkindern 83."

Das Problem ist nur: Zu solchen Zahlen kommt es aus ganz verschiedenen Gründen. Da ist einmal die ungleiche Behandlung gleicher Leistungen in den Schulen. Dem Beamtenkind mit einer 3 im Durchschnitt wird das Gymnasium zugetraut, dem Migrantenkind mit einer 2 oft nicht. Die empirische Bildungsforschung hat das nachgewiesen, und es ist ein Skandal. Für Preisendörfer aber ist so etwas kein Fehler des Systems, sondern seine Funktion:

"Die schulischen Selektionsprozesse haben keineswegs die Aufgabe, begabte Kinder zu entdecken und die für Führungspositionen vorzubereiten. Vielmehr gelten Kinder von Eltern in Führungspositionen automatisch als begabt. Die Reproduktion von Ungleichheit ist kein Versehen des Bildungssystems, sondern ein wesentlicher Teil seiner Aufgabe."

Das läuft auf die Behauptung einer Gesamtverschwörung von Mittel- und Oberschicht, Lehrerschaft und Bildungspolitik gegen die Unterschichten hinaus. Preisendörfer sieht sie beispielsweise in der Bildungsfinanzierung am Werk. Die Kindergärten sind kostenpflichtig, die Universitäten waren bis vor kurzem gebührenfrei und sind es vielerorts noch. In die Hauptschulen stecken wir wenig Geld, in die Gymnasien ziemlich viel. Weil aber über die Bildungslaufbahn früh entschieden wird, läuft das auf eine Benachteiligung bildungsarm aufwachsender Kinder hinaus.

Aber was heißt das überhaupt: bildungsarm aufwachsen?

"Einem Akademikerkind wird bis zur Einschulung etwa 1700 Stunden vorgelesen, einem Unterschichtkind ganze 30 Stunden. Kein Wunder, dass die einen Kinder im Alter von drei Jahren durchschnittlich über 1100 Wörter verfügen, die anderen bloß über die Hälfte."

Preisendörfer setzt auch diese Tatsache auf die Liste der Ungerechtigkeiten. Doch wie wirkt sie sich an den Schulen aus? Wenn ein Lehrer im Unterricht diejenigen lobt und für das Gymnasium empfiehlt, die richtige Antworten geben oder diejenigen, die sich gut artikulieren können, dann verstärkt er Schichtungsunterschiede. Aber dabei muss er keinem Vorurteil gegen Unterschichten folgen. Die Ungleichheit kommt allein schon dadurch zustande, dass die Voraussetzungen und die häusliche Unterstützung unterschiedlich sind.

Es gibt also Startvorteile, die nicht zufallsverteilt sind. Die Schule jedoch verstärkt sie nicht nur durch skandalöse Ungleichbehandlung, sondern auch durch sinnvolle. Mit anderen Worten: Die Schule nimmt zu wenig Rücksicht auf Schichtung, aber manche Schichten nehmen auch zu wenig Rücksicht auf die Schule. Preisendörfer weiß das selber. Ganz zu Beginn seines Buches schreibt er:

"Um bildungsfernen Kindern eine Chance geben zu können, müssen sie ihren Eltern weggenommen werden: in geistiger, mentaler und in der Folge oft auch in emotionaler Hinsicht. Das ist der bittere Kern des Versprechens auf Bildung. Diejenigen unter den Bildungsfernen, denen diese Chance gegeben wird, können sie nur wahrnehmen, indem sie ihre Herkunft der Zukunft opfern."

Das sind harte Sätze, und man möchte sich die dazu passenden Maßnahmen nicht ausmalen. Die Frage bleibt offen, ob eine allgemeine Vorschulpflicht, wie er sie empfiehlt, überhaupt genügen würde, um den Einfluss der Herkunft auf die Bildung zu brechen. Die Empfehlung läuft übrigens darauf hinaus, auch die bildungsnahen Kinder ihren Eltern wegzunehmen. Oder möchte der Autor eine Behörde zur Feststellung von Bildungsnähe einrichten, die über Zwangseinweisung in Vorschulen entscheidet? Vielleicht kommt Preisendörfer auch darum in seinem Buch nicht mehr auf diesen Vorschlag der Kinderwegnahme zurück.

Letztlich kämpft sich das Buch also an der Idee ab, Schichtung überhaupt abzuschaffen und zwar durch gleiche Bildung. Darin steckt ein Problem, das der Autor nicht durchdacht hat. Die Familien wären nur noch dazu da, die Kinder auf die Welt zu bringen. Aus Gründen der Gleichheit müsste man ihren Einfluss eigentlich abschaffen. Aber weshalb sollte jemand dann noch eine Familie gründen?

Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg
Warum Chancengleichheit unerwünscht ist

Eichborn Verlag, Frankfurt 2008

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