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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2008

Bildung als Charaktersache

Heike Schmoll: "Lob der Elite - Warum wir sie brauchen", Verlag C.H.Beck München, 2008, 173 Seiten

Zugehörige der Elite sollen verantwortungsbewusste Individuen sein, fordert Heike Schmoll. (AP)
Zugehörige der Elite sollen verantwortungsbewusste Individuen sein, fordert Heike Schmoll. (AP)

Wer bei Elite gleich an snobistische Besserverdienende denkt, wird Heike Schmoll nicht gerecht. Die Autorin glaubt in guter protestantischer Tradition an die Bildung einer Elite, die verantwortungsbewusst mit der Gesellschaft rückgekoppelt ist und dieser als Vorbild dient. Hart ins Gericht geht die Autorin mit der universitären Bildung, die ihrer Ansicht einem ökonomischen Diktat untersteht und in der Persönlichkeitsbildung keinerlei Rolle mehr spielt.

Das, was als schmaler Band daher kommt, liest sich nicht leicht so nebenbei. Wer sich über die Elite informieren will, sollte ein gewisses humanistisches Grundgerüst aufweisen und in Philosophie ein wenig Bescheid wissen.

Dies gilt in erster Linie für die geschichtlichen Exkurse, die Heike Schmoll in die Antike macht, um die Notwendigkeit von Eliten zu beweisen und ihr vielfältiges Auftreten in verschiedenen Gesellschaften darzustellen. Dass die Redakteurin der FAZ Theologie studiert hat, überrascht nicht, denn ihre offenkundige Sympathie gilt den vom Protestantismus in Deutschland gepflegten Ideen des Humanismus.

Diese Sicht söhnt auch umgehend alle aus, die Eliten von vorneherein reserviert gegenüber stehen: Schmoll sieht die "Auserwählten" stets rückgebunden an die Gesellschaft, nicht als abgeschlossene Kaste mit Dünkel und Bestehen auf eigenen Vorrechten, sondern als einzelne Individuen, die sich in der Verantwortung für das Gemeinwesen sehen, in dem sie leben.

Dementsprechend unterscheidet die Autorin zwischen Bildung und Ausbildung. Wenn heute von Bildungsoffensiven zur Schaffung neuer Eliten gesprochen wird, dann sieht sie darin lediglich verstärkte Wissensvermittlung. Bildung umfasst für sie neben dem Wissen auch Urteilsvermögen, das Erkennen von Zusammenhängen, Integrität und Verantwortungsbewusstsein. Sie sieht in Eliten Einzelindividuen, weshalb sich für den Leser die Frage stellt, wieweit es sich demnach bei den heute als Eliten bezeichneten Personengruppen tatsächlich um Eliten handelt.

Heike Schmoll: Lob der Elite (C.H. Beck Verlag)Heike Schmoll: Lob der Elite (C.H. Beck Verlag)Vielmehr erscheinen die Spitzenmanager, -politiker oder -funktionäre als Vertreter ihrer Zünfte, Lobbyisten in eigener Sache, die eine vorhersehbare Stellung beziehen. Keineswegs aber können sie auf die geforderte Unabhängigkeit verweisen, die sie zu jenen moralischen Instanzen macht, deren zahlreiches Vorhandensein in einem Gemeinwesen sich offenbar nicht nur die Autorin wünscht. Demzufolge kämen für eine solch hehre Definition von Elite bestenfalls einige Elder Statesmen, markante Künstler und Publizisten in Frage, die allesamt ihre Unabhängigkeit auszeichnet.

Einen klaren Personenkreis definiert Heike Schmoll nicht. Vielleicht hilft die Überlegung, jene zu einer solchen Elite zu zählen, denen eine Gesellschaft in einer Krisensituation das Steuerruder des Staates kurzfristig zu seiner Rettung in die Hand geben würde. Da wären die Manager großer Konzerne dann wohl nicht dabei.

Als völlig anders in der Gesellschaft integriertes Elitenmodell stellt die Autorin jenes in Frankreich dar, das auf der jesuitischen Tradition fußt. Das System hoch angesehener Elitehochschulen legt Wert auf enorme Wissensvermittlung, kaum auf Charakterbildung, schafft Konkurrenz aufgrund strenger Auslese und produziert loyal zum Staat stehende Bildungseliten.

Besonders kritisch behandelt Heike Schmoll die europaweite Reform der Universitäten und die Schaffung von Exzellenz-Hochschulen. Bildung werde dabei mit Kompetenzerwerb verwechselt, die Freiheit der Lehre von einem ökonomischen Diktat erstickt, die Universität zu einem Unternehmen degradiert, wo Persönlichkeitsbildung keinerlei Rolle mehr spiele. Der Wert eines Studiums spiegle sich in der dafür aufgewendeten Arbeitszeit, beckmesserisch würden Kriterien erfunden, die nicht Messbares quantifizierbar machen sollen.

Doch gehörten zu Bildung Zeit, Muße und Freiheit - Größen, die heute fast schon antiquiert klingen. Und weil sie als nicht bewertbar in den Geruch studentischen Bummelns gekommen sind, stellen sie für die Wissensökonomen kein der Beachtung wertes Kriterium dar.

Rezensiert von Stefan May

Heike Schmoll: Lob der Elite - Warum wir sie brauchen
Verlag C.H. Beck München, 2008
173 Seiten, 17,90 Euro

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