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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.08.2006

Bilder einer arabisch-israelischen Koexistenz

Amor Gitais Dokumentarfilm-Trilogie über ein Haus in Jerusalem

Von Jörg Taszman

Gitai zeigt Momente, die eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern nicht völlig unmöglich erscheinen lassen. (AP Archiv)
Gitai zeigt Momente, die eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern nicht völlig unmöglich erscheinen lassen. (AP Archiv)

Der israelische Filmemacher Amos Gitai zeigt mit seiner Trilogie über ein Haus in Jerusalem Bilder vom Zusammenleben von Arabern und Israelis im Alltag, jenseits aller kriegerischen Auseinandersetzungen. Im September kommt der dritte Teil "News from Home" in die deutschen Kinos.

Fast wäre er Architekt geworden wie sein Vater: Amos Gitai, der in seinem neuen Film "News from Home" Mies van der Rohe zitiert, für den die Wahrheit im Detail lag. Amos Gitai ist Filmemacher geworden und nicht zufällig ging es in seinem ersten Film 1979 auch um Architektur.

Ihn interessieren nicht die Parolen der Politiker auf beiden Seiten. Er will sich nicht vereinnahmen lassen. So schrieb er am vergangenen Samstag in der "Berliner Zeitung":

"Der Nahe Osten erlebt jetzt seine Stunde der Wahrheit. Wir müssen andere Wege finden, miteinander zu sprechen, oder geteilter Meinung zu sein, aber keinesfalls auf so mörderische Art und Weise wie jetzt."

Amos Gitai hat in seinen Filmen immer mit Arabern und Juden geredet. Er hört zu, lässt sich Geschichten erzählen und stellt kluge und nicht belehrende Fragen. So erklärt er in seinem Film "Ein Haus in Jerusalem" einer jungen Palästinenserin, um was es ihm in seiner Arbeit geht.

"Dein Großvater ist der Ausgangspunkt für die Geschichte dieses Hauses. Seine Familie musste es 1948 nach einem Massaker verlassen. Er erzählte uns seinen Teil der Geschichte und jeder weitere Bewohner fügte einen weiteren Erlebnisbericht hinzu. Und so wurde das Haus zu einer Metapher für Jerusalem."

Vor acht Jahren drehte Amos Gitai diesen zweiten Teil seiner Trilogie. Die junge Frau war damals 18 Jahre alt und hatte ihren Großvater Mahmoud Dejani nie gekannt, dem ursprünglich das Haus gehörte. Bei Amos Gitai wird die Geschichte Jerusalems und Israels erlebbar, nachvollziehbar durch einzelne Schicksale.

1917 waren die Dejanis nach Jerusalem gekommen, fühlten sich unter den Engländern sicher. 1948 verloren sie ihr Haus, weil sie flüchteten. Der israelische Staat enteignete das Eigentum der so genannten "Abwesenden". Mahmoud Dejani erinnert daran im ersten Film und klang schon 1979 pessimistisch.

"Ich war immer für die Koexistenz zwischen Arabern und Juden, aber um ehrlich zu sein, ich sehe nicht, wie man dieser Koexistenz näher kommen könnte. Ich sehe es überhaupt nicht. Das merkt man schon an der Besteuerung hier in Jerusalem. Es gibt jetzt eine Zusatzsteuer. Israelis verdienen mehr und können zahlen. Wir Araber können das nicht. Wir interpretieren das als Druckmittel, damit die Araber Jerusalem verlassen. Warum musste ich meine Klinik schließen? Die Steuern waren so hoch, das konnte ich mir nicht leisten."

Die Tragik im israelisch-palästinensischen Konflikt liegt für Amos Gitai auch darin, dass Gewalt meist dann ausbricht, wenn sich der Nahe Osten auf dem Weg zur Versöhnung und zur Befriedung befindet. In der "Berliner Zeitung" weist er daraufhin, dass arabische Terroristen oft dann Selbstmordattentate verübten, wenn Israel bereit war, nachzugeben. Was auf diese Gewalt immer folgt, ist ein Kreislauf der Gewalt, der unter anderem auch die pazifistische Linke in Israel aufgerieben hat.

Und Gitai schreibt, dass über den Krieg, über den großen Konflikt, die Sorgen, Probleme und Nöte des Alltags vernachlässigt werden, eine soziale Entwicklung nicht mehr stattfindet. In seinen Filmen bekommt man als Außenstehender auch Einblicke in den Alltag des Zusammenlebens, in die Ängste der Einwohner Jerusalems. So spricht die Enkelin von Mahmoud Dejani nicht ihre Muttersprache, wenn sie in Westjerusalem unterwegs ist.

"Für jeden Menschen, egal wo er sich befindet, ist es besser, zu dem Ort dazu zu gehören, in dem er lebt. Wenn ich von Ostjerusalem, wo ich wohne, in den Westteil der Stadt gehe, wo Israelis leben, fühle ich mich nicht zugehörig. Ich denke dann immer, vielleicht merken sie ja, dass ich Araberin bin und habe sogar Angst, Arabisch zu sprechen. Wenn ich mit Freundinnen einkaufen gehe, reden wir immer Englisch miteinander. Es könnte ja sein, dass uns jemand Arabisch reden hört, der vielleicht auch ein Fanatiker ist, der eine Pistole besitzt und sich rächen möchte für etwas, was vorher geschah."

Im neuen Film "News from Home" ist Amos Gitai bis nach Amman gereist, um die weit verzweigte Familie Dejani, die einst ausschließlich in Jerusalem wohnte, zu interviewen. Der Regisseur hat aber auch immer wieder mit den neuen Bewohnern gesprochen, Juden aus Belgien, der Türkei, Griechenland, deren Eltern meist Überlebende der Shoah waren.

Amos Gitai stellt sich mit seinem Kino ganz klar gegen die Bilder, die wir täglich in den Nachrichten sehen. In der "Berliner Zeitung" bezeichnet er die Fernsehbilder bitter ironisch als "Lieblingsfernsehserie der Welt, eine endlose Serie, bei der die Guten und die Bösen immer wieder tauschen."

Die ersten beiden Filme "Ein Haus" und "Ein Haus in Jerusalem" kann man sich auf DVD anschauen, auch wenn der deutsche Anbieter aus Frankreich gerade einmal 50 Stück einer sechsteiligen DVD Box importiert hat, die neben den ersten beiden Teilen der Trilogie, vier weiteren Dokumentarfilme von Gitai enthält. "News from Home""News from Home" kommt dann im September in die Kinos, herausgebracht von einem sehr kleinen Verleih.

Leider ist das Interesse in Deutschland an den Arbeiten von Amos Gitai sehr gering, seine letzten Spielfilme kamen alle nicht ins Kino. Wer sich die Filme des Israelis anschaut, wird keine Lösungen, aber im Alltag zwischen Juden und Arabern Momente finden, die eine friedliche Koexistenz nicht völlig unmöglich erscheinen lassen.

Service:
Die DVDs mit den Filmen von Amos Gitai sind nicht über den normalen Buchhandel beziehbar, sondern als Import beim deutschen Anbieter verfügbar.

Mehr bei deutschlandradio.de

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