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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.01.2014

BildbandAnklage gegen den Krieg

Anton Holzer (Hg.): "Die letzten Tage der Menschheit"

Von Pieke Biermann

Unbekannter französischer Fußsoldat im Jahr 1918 in der Somme Region. In Frankreich hießen die einfachen Soldaten "Poilu". (AP-Archiv)
Unbekannter französischer Soldat im Jahr 1918 in der Somme Region (AP-Archiv)

Der Fotohistoriker Anton Holzer hat die Flut von echten und nachgestellten Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg gesichtet und mit Texten aus Karl Kraus' Drama "Die letzen Tage der Menschheit" kombiniert – zu einem beeindruckenden Dokument der Katastrophe.

Wenn man nur ein paar Seiten des Text- und Bilder-Albums auf sich wirken lässt, dann weiß man, wie recht Jonathan Franzen mit seinem "Karl Kraus Project" hat. Und ahnt, wie vergeblich es sein wird. Kraus hatte mit seinem Opus Magnum, "Die letzten Tage der Menschheit" – geschrieben ab 1915, erschienen 1919 in vier Fackel-Bänden und 1922 als kompaktes Buch – die wortgewaltigste Anklage gegen die entmenschlichte und entmenschlichende Wirklichkeit des Ersten Weltkriegs verfasst. Er hatte mit gnadenlos scharfem Blick und Gehör für seine Zeitgenossen dokumentiert, was heute zum lockeren Party-Smalltalk gehört: Zuerst stirbt die Wahrheit.

Schon vor 1914 hatte er mit kassandrischer Hellsicht in der "Fackel" alles verspottet und gegeißelt, was seiner Beobachtung nach unweigerlich in die Katastrophe führen musste – und dann führte, wie wir 100 Jahre später immer genauer wissen. Allein, es hat nichts genützt. Der nächste Weltkrieg ließ keine Generation auf sich warten und wurde noch apokalyptischer, zum Zivilisationsbruch schlechthin.

Bildaffiner "Zeitungsfresser"

Dass Kraus kaum etwas in seinem 500-Personen-Drama erfunden hatte, ist bekannt, er selbst hatte es in der Vorrede betont:

"Die unwahrscheinlichsten Gespräche sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate."

Kraus war News Junkie, saß täglich im Kaffeehaus, "fraß" Zeitungen und Illustrierte buchstäblich. Kraus-Kenner wissen vielleicht noch, dass er auch manisch Bilder sammelte. Aber darüber, wie bildaffin sein Schreiben ist – nicht nur, indem er Fotos ins Buch integriert: Er transformiert viele damalige "Ikonen" in Prosa –, weiß man erst wenig. Die Forschung dazu ist noch am Anfang, nicht zuletzt weil der Erste Weltkrieg auch der erste (Massen-)Medienkrieg der Geschichte war. Er hat neben der Text- eine überwältigende Bilderflut erzeugt – Postkarten, Plakate und eben Fotos, Fotos, Fotos und ab 1917 Filme.

Der österreichische Fotohistoriker Anton Holzer, Kraus-Kenner und Autor mehrerer Bücher zum Ersten Weltkrieg, hat jetzt knapp 100 Fotos aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek mit Szenen und Dialogen aus Kraus' Drama kombiniert und, wo nötig, kurz erläutert. Seine kompakte Einführung informiert über die willige Verwandlung der "Journaille" (Kraus) in Kriegshetzer und den ersten "embedded journalism" in Gestalt des "k.u.k. Kriegspressequartiers". Und er erhellt an Bild-Text-Hintergründen, mit welcher poetischen Präzision Kraus das alles kontert.

Mit poetischer Präzision

Für "nachrichtensicher" hielt Kraus, der Pressefresser im doppelten Sinn, kein Bild. Er konnte nicht wissen, dass die Ikonographie, die unser Bild von diesem Krieg geprägt hat, aus Jahre später nachgestellten "Frontszenen" stammt. Er witterte grundsätzlich Propaganda, zu Recht, wie Holzer zeigt. In seinem schönen Album prallen Kraus´ Textsplitter und die fotografischen Kriegssplitter zusammen und laden sich gegenseitig neu auf. Es ist eine liebevolle Einladung, ("Die letzten Tage der Menschheit" (wieder) zu lesen. Und es ist eine Warnung vor all den "authentischen" Film- und Bildstrecken vom "Kampfgeschehen", die uns in diesem Jahr serviert werden. Sie sind alle gefälscht – zumindest die offiziellen, egal von welcher Frontseite. Bloß "die tägliche Lüge, aus der Druckerschwärze floss wie Blut, eins das andere nährend…"

Anton Holzer (Hg.): Die letzten Tage der Menschheit – Der Erste Weltkrieg in Bildern
Mit Texten von Karl Kraus
Primus Verlag, Darmstadt 2013
144 Seiten mit ca. 100 Abbildungen, 29,90 Euro

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