Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 20.10.2015

"Bild"-Pranger Auch Vollpfosten haben Grundrechte

Von Bettina Schmieding

Der "Pranger der Schande" in Bild (deutschlandfunk.de)
Der so genannte "Pranger der Schande" in der Bildzeitung vom 20. Oktober 2015 (deutschlandfunk.de)

Die "Bild"-Zeitung hat angeblich ihr Herz für Flüchtlinge entdeckt. Sie stellt rechte Facebook-Hetzer an einen "Pranger der Schande" - und veröffentlicht Zitate mit Klarnamen und Fotos. Eine seltsame Kehrtwende des Blattes um 180 Grad, findet Bettina Schmieding.

Manchmal denke ich, es gibt vielleicht zwei "Bild"-Zeitungen. Oder zwei "Bild"-Chefredakteure. Kai Diekmann muss zumindest eine multiple Persönlichkeit haben, anders ist das alles nicht zu erklären. Zurzeit hat der Kai Diekmann Dienst, der sein Herz für Flüchtlinge entdeckt hat. Zwei ganze Seiten räumt er frei für einen "Pranger der Schande", ja, das steht da wirklich, falls Sie die Ausgabe von 80 Cent für Deutschlands größtes Boulevardblatt heute Morgen gescheut haben.

"Bild" zitiert Waldemar und Adrian, Verena und Gerd, Axel und Benny und wie sie alle heißen, die ganz großen Helden aus Dunkeldeutschland. Wie sie in all ihrem spießigen Hass den "Bimbo" zurück in den Busch wünschen, unseren Innenminister "eine alte Ratte" nennen und für die "Asylanten" schon mal die Öfen heizen. "Bild" nennt sie beim Namen und ordnet ihnen gleich auch noch ihr Facebook Profilfoto zu.

Kürzlich äußerte sich "Bild"-Chef Diekmann noch ganz anders

Wie schlecht muss es eigentlich um unser Land bestellt sein, wenn sich die "Bild"-Zeitung zum Beschützer der Schutzlosen aufschwingen kann? Ausgerechnet Kai Diekmanns Blatt, das noch vor kurzem meinte, seine Leser darüber aufklären zu müssen, dass junge Ausländer viel gewalttätiger seien als junge Deutsche, um daraus flugs eine Serie zu machen. Womit wir wieder beim Chefredakteur mit der multiplen Persönlichkeit wären. Der ließ noch vor kurzem einen Kollegen mit dem Satz "Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle" ins Blatt und berechnete, "wie viel ein Therapieplatz für kriminelle Ausländer" kostet.

Und jetzt die Nummer mit dem Pranger für Facebook-Hetzer? Ist mir irgendwie peinlich, aber ich muss es sagen: Auch Vollpfosten haben Grundrechte. Was serviert uns "Bild" als nächstes? Adressen und Telefonnummern? Wahrscheinlich je nachdem, welcher Kai Diekmann gerade in der Redaktion ist. Zurzeit scheint es, als könnten sich die Flüchtlinge noch eine Weile auf ihn verlassen. Denn er hat eine Demütigung aus dem September zu überwinden, und die erklärt vielleicht auch seine derzeitige Pro-Flüchtlinge-Phase.

Vor vier Wochen nämlich wagten es Fußballfans landauf landab, sich gegen eine der berüchtigten Diekmann-Ideen zu wehren. Die Vereine wollten sich nicht vor den Karren der Wir-Helfen-Flüchtlingen-Kampagne der "Bild"-Zeitung spannen lassen. Und schon gleich gar nicht, als Kai Diekmann sie daraufhin bei Twitter der Flüchtlingsfeindlichkeit zieh. Wer lässt sich schon gerne von der "Bild" instrumentalisieren? Oder um es mit dem Plakat in einer Fankurve zu sagen: "Die Hetzer von gestern sind die Helfer von heute."

Mehr zum Thema

Hetze auf Facebook - "Bild"-Pranger ist "keine gute Idee"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 20.10.2015)

Kommentar

Olympia in RioVergiftet von der Doping-Seuche
Sie sehen das Maracana-Stadion in Rio, es leuchtet ein Probe-Feuerwerk für die Eröffnungs-Feier. (AFP / Yasuyoshi Chiba)

Gedopte Athleten, korrupte Funktionäre, unfaires Publikum: Olympia wird in Rio zur Farce, meint Thomas Wheeler. Der Leistungssport braucht endlich wieder Tugenden wie Transparenz und Ehrlichkeit, sonst droht ihm ein schlimmes Ende.Mehr

Brasilien und OlympiaKeine neue Welt
Brasilianische Fans beim Volleyball-Turnier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro (dpa / picture alliance / Orlando Barria)

"Um mundo novo" – "eine neue Welt" lautet der Slogan dieser Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Zur Halbzeit der Spiele ist davon noch nicht viel zu spüren oder gar zu sehen. Brasilien macht dort weiter, wo das Krisenland aufgehört hat, kommentiert Julio Segador.Mehr

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

Soziale Spaltung Wovon Rechtspopulisten profitieren
Farbfoto, ein alter Mann sammelt Flaschen vor einem städtischen Müllbehälter (imago/photo2000)

Im Zuge der Globalisierung fühlen sich weite Bevölkerungsschichten als Verlierer, ohne dass diese Erfahrung ernst genommen würde. Wenn man diesen Menschen zuhören würde, hätten es Rechtspopulisten schwerer, meint der Politikwissenschaftler Peter Widmann.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur