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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.09.2013

Bibliotheken als neue Wissenstempel

Die Stuttgarter Bibliotheksdirektorin Christine Brunner über die Zukunft von Büchereien

Moderation: Frank Meyer

Innenaufnahme der Stuttgarter Stadtbibliothek (picture alliance / dpa / Matthias Röder)
Innenaufnahme der Stuttgarter Stadtbibliothek (picture alliance / dpa / Matthias Röder)

Auch wenn die neuen Medien zunehmend an Bedeutung gewinnen, werden die Bibliotheken als "reale Orte" weiterhin eine wichtige Funktion einnehmen. Nach Einschätzung der Stuttgarter Bibliotheksleiterin Christine Brunner schaffen Büchereien die Atmosphäre für wissenschaftlichen Austausch.

Frank Meyer: Vancouver in Kanada, das war die erste Stadt, die sich eine spektakuläre neue Zentralbibliothek geleistet hat. Tokio und Amsterdam haben dann mit eigenen Bibliothekspalästen nachgezogen und heute wird in Birmingham die größte öffentliche Bibliothek Europas eröffnet. Ein Neubau, der wirklich ins Auge fällt. Es gibt auch in Deutschland solche spektakulären neuen Zentralbibliotheken, zum Beispiel die 2011 eröffnete Stadtbibliothek in Stuttgart. Die ist in einem knapp 80 Millionen Euro teuren Glasquader des südkoreanischen Architekten Eun Young Yi zu Hause, im Oktober wird sie als Bibliothek des Jahres ausgezeichnet. Christine Brunner ist die Leiterin der Stuttgarter Stadtbibliothek, sie ist jetzt für uns am Telefon. Seien Sie willkommen, Frau Brunner!

Christine Brunner: Hallo, guten Tag, Herr Meyer!

Meyer: Bibliotheken sind heute die wichtigsten öffentlichen Räume, so wie es früher die Kirchen waren. Ich habe es vorhin schon mal zitiert, das hat die Architektin Francine Houben gesagt mit Blick auf die neue Bibliothek in Birmingham. Gehen Sie da mit, ist Ihre Bibliothek in Stuttgart auch eine neue Kirche?

Brunner: Eine Kirche ist sie, glaube ich, nicht, obwohl sie einen sakralen Mittelpunkt hat, wie unsere Besucher immer wieder sagen. Aber sie ist ein zentraler Ort in einem neuen Stadtteil, und das ist eine Rolle, die die Bibliotheken in der Stadtentwicklung ganz neu ausfüllen. Und es gibt schon prominente Vorbilder, Wien ist so eine Bibliothek in einem neuen Stadtteil, Amsterdam natürlich und jetzt auch Stuttgart seit zwei Jahren.

""Die Bibliothek als realer Ort ist eine ganz wichtige Funktion""

Meyer: Das heißt, das Bücher-Ausleihen ist eigentlich gar nicht mehr wichtig, sondern es ist wichtig, dass man in der Bibliothek andere Menschen treffen kann?

Brunner: Beides. Ich würde das nebeneinander sehen. Bücher ausleihen ist natürlich noch wichtig und der Zugang zu allen digitalen Medien. Aber die Bibliothek als realer Ort ist eine ganz wichtige Funktion, und die Aufenthaltsqualität und die Atmosphäre zu schaffen, wo sich Menschen begegnen können, ist eine ganz große, neue Herausforderung.

Meyer: Es ist ja auch erstaunlich, weil man ja doch in den letzten Jahren immer wieder hörte, dass sich die ganze Kultur ins Netz verlagert – weil Sie gerade auch digitale Medien ansprechen –, dass man sich die doch alle bequem zu Hause aus dem Netz ziehen kann. Warum braucht man vor diesem Hintergrund eigentlich noch reale Bibliotheken?

Brunner: Tja, also, man kann sicher alles aus dem Netz ziehen, aber dazu braucht man auch die Kompetenz dazu. Google ist nicht das einzige, mit dem man suchen kann. Die Bibliotheken heutzutage positionieren sich ja als multimedialer Ort innovativen Lernens. Unsere Mitarbeiter vermitteln nicht nur Informationen, sondern auch Kompetenzen, um professionell recherchieren zu können. Das ist eine Aufgabe, der wir uns in Stuttgart ganz besonders widmen.

Meyer: Das heißt, Sie setzen eher auf Mitarbeiter und nicht auf Terminals, in denen die Besucher selbst recherchieren?

Brunner: Es gibt beides. Die Mitarbeiter stehen aber auch rund um die Uhr in unseren 72 Öffnungsstunden für alle Fragen offen und zur Verfügung und helfen unseren Besuchern, das zu finden, was sie suchen, oder helfen ihnen zu entdecken, dass sie was finden, was sie vielleicht gar nicht gesucht haben.

""Die Unterstützung unserer Besucher ist ein Anliegen""

Meyer: Ich kenne die Debatte um solche Zentralbibliotheken aus anderen Städten und da taucht immer wieder die Frage auf: Wenn man so viel Geld in die Hand nimmt, um ein so zentrales Bauwerk hinzustellen – Stuttgart, wie gesagt, knapp 80 Millionen Euro –, dann fehlt das Geld doch wahrscheinlich für die kleinen, unspektakulären Stadtteilbibliotheken, zu denen zum Beispiel Kinder, ältere Leute schnell und unkompliziert hinkommen. Wie ist das in Stuttgart, mussten auch kleinere Bibliotheken geopfert werden für Ihre große?

Brunner: Nein, gar nicht, nein, gar nicht. Also, Stuttgart hat schon sehr lange sehr viel Geld investiert, um auch die Stadtteilbibliotheken auszubauen. Wir haben in den letzten zehn Jahren einige neu eröffnet, einige neu gegründet, jetzt weihen wir am 16. September den neuen Bibliotheksbus ein. Also, Stuttgart investiert sehr viel in die Bibliotheken, auch in die dezentralen Einrichtungen.

Meyer: Und Sie sind mit Ihrer Zentralbibliothek in die Bahnhofsgegend gegangen, in der Republik bekannt als Baustelle für Stuttgart 21. Das soll nicht gerade ein Vorzeigeviertel sein und Sie sollen da auch ziemlich einsam herumstehen mit Ihrer Bibliothek. Warum sind Sie in dieses Viertel gegangen?

Brunner: Für die Stadtentwicklung war es von Anfang an klar, dass eine kulturelle Nutzung mitten in dieses neue Stadtgebiet gesetzt werden sollte. Und da die Bibliothek im alten Haus schon immer sehr beengt untergebracht wurde, war es eine gute Idee, die Bibliothek wirklich in dieses neu zu entwickelnde Quartier zu setzen. Und es war eigentlich auch die Planung so, dass die Bibliothek dann einen Schlusspunkt in diesem neuen Stadtquartier bilden sollte. Es ist anders gekommen, wir sind der Auftakt und setzen die Maßstäbe und das ist natürlich auch für eine Bibliothek eine schöne Rolle, denke ich. Inzwischen sind wir aber nicht mehr alleine. Um uns herum entsteht im Moment die Sparkassenakademie und das neue Milaneo am Mailänder Platz nimmt auch Konturen an.

Meyer: Sie bekommen – ich habe es schon gesagt – in diesem Herbst die Auszeichnung als Bibliothek des Jahres, auch mit der Begründung, weil Ihre Bibliothek ein innovativer Lernort sei, unter anderem mit Hausaufgabenhilfen auf Deutsch und auf Türkisch. Das klingt so, als ob Sie auch Aufgaben übernehmen wie ein Schulhort oder wie eine Nachhilfeschule. Sehen Sie das auch als Ihre Aufgaben?

Brunner: Wir haben ja schon sehr lange sehr vernetzt gearbeitet und dadurch sind Angebotsformen und Kooperationsformen entstanden, die sich schon immer mal mit anderen Bereichen und Institutionen mischen. Aber die Unterstützung unserer Besucher ist ein Anliegen, das wir natürlich haben, das wir auch verfolgen und da sehr offen und sehr innovativ mit diesen Themen umgehen. Und dadurch entstehen solche Formen, wie Sie sie gerade angesprochen haben.

""Eine gewisse Aufenthaltsqualität und Atmosphäre schaffen""

Meyer: Aber das heißt, Sie haben da auch Klassenräume, in denen dann nachmittags dieser Nachhilfeunterricht stattfindet?

Brunner: Es gibt Gruppenräume auf jeder Ebene des Hauses, wo man sich zurückziehen kann, um in Ruhe zu arbeiten. Oder wenn es mal etwas lauter werden soll, es gibt viele Bereiche, wo sich auch junge Menschen treffen, um hier zusammenzuarbeiten, weil sie die Bibliothek so cool finden.

Meyer: Also, da hat sich dann der Bau ausgezahlt? Weil ich mich auch gefragt habe: Wenn eine solche Bibliothek so einladend sein soll - auch für Leute vielleicht aus bildungsfernen Schichten -, warum muss sie dann eigentlich so spektakulär gebaut sein als Bibliothekspalast?

Brunner: Weil wir denken, dass man eine gewisse Aufenthaltsqualität und Atmosphäre schaffen muss, die den Menschen den Möglichkeit geben, hier öffentlich zu sein, ohne sich öffentlich zu präsentieren. Und ein Haus zu haben, das so licht und hell und offen und einladend ist, ist, glaube ich, eine wichtige Voraussetzung, um so ein Ziel zu erreichen.

Meyer: Immer mehr Städte leisten sich eine prächtige Zentralbibliothek. In Birmingham wird heute die größte öffentliche Bibliothek Europas eröffnet und die neue zentrale Stadtbibliothek in Stuttgart aus dem Jahr 2011 wird als Bibliothek des Jahres ausgezeichnet. Christine Brunner leitet dieses Haus, ganz herzlichen Dank nach Stuttgart!

Brunner: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Links auf dradio.de:

Zwischen Piraten und Onleihern- Über Fallstricke der jungen E-Book-Branche *
Ein fast sakraler Ort zum Lesen und Staunen- In Stuttgart steht die "Bibliothek des Jahres"

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