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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.08.2005

Bibliometro

Eine Initiative zur Leseförderung in Madrid

Von Gregor Ziolkowski

Metro-Station in der spanischen Hauptstadt Madrid (AP Archiv)
Metro-Station in der spanischen Hauptstadt Madrid (AP Archiv)

Auch in Spanien schrillen immer mal wieder die Alarmsirenen der Besorgnis, wenn die jeweils letzte Studie zum Leseverhalten veröffentlicht wird. Immerhin, es ist gelungen, die magische Grenze von 50 Prozent zu überspringen: Genau 53 Prozent der Spanier gaben zuletzt an, mit mehr oder weniger Regelmäßigkeit zu lesen.

Das senkt den Anteil der bekennenden Nicht-Leser auf immer noch stolze 47 Prozent, und die zuständigen Verwaltungen – vom Kulturministerium über die Regional- und Kommunalbehörden – mühen sich, diesen Anteil weiter zu senken. Meist mit unauffälligen Maßnahmen wie der Verbesserung der Infrastruktur in den Bibliotheken oder jenen appellativen Kampagnen, die die Aura der Kraftlosigkeit um so eher entfalten, je lauter sie die Vorzüge des Lesens preisen. In Madrid aber haben jetzt die Stadt- und die Regionalverwaltung einen einfachen, dabei doch spektakulären Schritt unternommen, das Lesen unter die Leute zu bringen.

Die Bücher ziehen dorthin, wo die Leute sind – auf die Bahnhöfe der Metro. Bibliometro heißt das Projekt mit einem Gesamtetat von 4,5 Millionen Euro bis 2007.

"Im Moment haben wir in drei Metrostationen den Probebetrieb aufgenommen, erklärt Pilar Domínguez von der Madrider Regionalverwaltung, bevor im September das Projekt offiziell auf dann acht Metrostationen startet. Alles funktioniert ziemlich einfach: Wer einen Benutzerausweis einer öffentlichen Bibliothek hat, kann damit auch in einem der Bahnhofsmodule Bücher ausleihen. Und wer noch keinen Ausweis hat, der kann ihn sich dort ausstellen lassen und damit sämtliche öffentlichen Bibliotheken in Madrid kostenlos nutzen. "

An der Station Nuevos Ministerios, wo der Regionalverkehr und drei Metrolinien aufeinandertreffen – unter ihnen jene, die die Innenstadt mit dem Flughafen verbindet –, steht eines der Bibliotheksmodule: ein nur 16 Quadratmeter großer containerartiger Bau, neonhell erleuchtet, mit wellenartig geschwungenen Längsfassaden, in die jeweils ein Schalterfenster und ein Computerbildschirm eingearbeitet sind. Am Bildschirm kann man sich über den Katalog informieren, der aber auch in handlich gefalteter Papierform ausliegt. Im Inneren – kaum mehr als Bücherregale und zwei Computerarbeitsplätze. 500 Titel – jeder in sechs Exemplaren – stehen in jedem Modul zur Verfügung, keineswegs der übliche Bestseller-Bahnhofsverschnitt: Isaak Babels "Reiterarmee" und Baudelaires "Blumen des Bösen" stehen bereit, Dramen von Shakespeare und Gedichte von Brecht oder Rimbaud, Erzählungen von Kafka und viel spanischsprachige Klassik, selbstverständlich fehlt auch der "Don Quijote" nicht. Während sich draußen die einen noch mit fragendem Blick dem Bibliometro-Modul nähern, hantieren andere bereits sichtlich routiniert an einem der Computerbildschirme. Die Kommentare sind einhellig.

Phantastisch!, Sehr interessant!, So bequem!, Seit dem Rauchverbot die beste Idee in der Metro! befinden die begeisterten Bibliotheksbenutzer. Bequem ist es tatsächlich, kaum mehr als eine Minute dauert es, bis ein neuer Benutzerausweis ausgestellt ist, entsprechend schneller geht es, wenn man mit Ausweis kommt – eine Sache im Vorbeigehen, passend zum üblichen Gewimmel des Bahnhofs. Von 14.00 bis 20.00 Uhr sind die Module geöffnet, für Gustavo Fernández, einen der beiden Bibliothekare des Moduls, eine angemessene Zeit.

"Morgens zwischen sieben und neun gibt es hier natürlich auch sehr viel Verkehr. Aber die Leute hasten dann in der Regel zur Arbeit – da käme wohl kaum jemand auf die Idee, sich ein Buch auszusuchen. Ab zwei Uhr nachmittags steigt der Verkehr wieder deutlich an, aber er ist weniger hektisch. Wer dann vorbeikommt, macht seine Mittagspause, und noch später sind die Leute auf dem Nachhauseweg. Da geht es entspannter zu, und nicht alle kommen auf einmal."

Zurückbringen kann man die geliehenen Bücher übrigens auch außerhalb der Öffnungszeiten: Den Strichcode des Buches hält man an den Laser unter dem Computerbildschirm – eine Klappe öffnet sich –

und das Buch verschwindet im Inneren des Moduls, wobei es gleichgültig ist, welches Modul des Bibliometro-Netzes man für die Rückgabe wählt. Wie durchschlagend der Erfolg dieses Projekts sein kann, beweist das Beispiel dieses Jugendlichen, der bereits zum dritten Mal kommt, um ein Buch auszuleihen.

"
Nein, vorher habe ich gar nicht gelesen. Und jetzt tue ich´s. Ich war zwar eingeschrieben in einer Bibliothek, aber benutzt habe ich die nie. Und dann kam ich hier vorbei und wurde neugierig. "

Drei Wochen des Probelaufs liegen hinter dem Projekt, der Bibliothekar in Nuevos Ministerios zieht Bilanz.

"Unsere Erfahrungen sind bis jetzt sehr positiv. Die Leute sind überaus zufrieden und viele gratulieren uns zu dieser Idee. Unsere Statistik zeigt, dass wir hier mehr als 1.100 neue Bibliotheksausweise ausgestellt haben. Hinzu kommen natürlich all die Benutzer, die bereits einen Ausweis hatten. Alles in allem kommen täglich etwa 200 Leute zum Ausleihen. Demnächst dürfte sich das noch steigern, denn man weiß ja: Im August ist die halbe Stadt noch in den Ferien."

Kulturpresseschau

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