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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.10.2015

Biblio-TherapieLesen kann heilen

Von Andrea Gerk

Das Buch "The End of Pain" (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Das Buch "The End of Pain" (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Lesen ist Medizin und Therapie zugleich. Neurowissenschaftler und sogenannte Bibliotherapeuten erzielen mit den richtigen Büchern erstaunliche Heil-Erfolge bei Schmerzen und seelischem Leid.

Als Leserin oder Leser begegnen einem hin – und wieder Bücher, bei denen man das Gefühl hat, der Autor spricht einem aus der Seele, wie Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe erzählt:

"Ich glaube, dass Bücher nicht das Leben verändern, sondern dass man plötzlich ein Buch trifft, das einem unglaublich entspricht. Dass das ein großes Glückserlebnis ist."

Die emotionale Wirkung von Literatur macht sich die Poesie- und Bibliotherapie zunutze. In Skandinavien, den USA und Großbritannien ist sie weitverbreitet, man kann diese Kreativtherapie an amerikanischen Universitäten studieren und in England können sich Patienten mit leichten Depressionen sogar seit einigen Jahren "Books on prescription", also Bücher auf Rezept verschreiben lassen. Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat über zweieinhalb Jahre hinweg Poesietherapiekurse für Patienten einer psychiatrischen Klinik in New York geleitet:

"Ich kann sagen, dass psychotische Patienten - besonders, wenn sie unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen leiden – sehr aufnahmefähig waren für schwierige, kraftvolle Gedichte. Emily Dickinson – eine sehr emotionale Dichterin, sehr seltsam – ich bin mir nie wirklich sicher, was sie meint, aber ich kann ihre Gedichte spüren. Also – dieser emotionale Anteil ist wie ein Echo. Und was in der Dichtung auch sehr wichtig ist, das ist der Rhythmus, das Musikalische."

Wie die heilsame Kraft der Literatur funktioniert, kann man hierzulande am Fritz Perls Institut in Hückeswagen lernen. Mitbegründer und Leiter des Instituts ist der Psychologe Hilarion Petzold:

"Warum heilt Bibliotherapie, das Vorgelesene? Wenn ein Kind beunruhigt ist, dann liest man ihnen etwas vor, da kommt zum Tragen einmal die beruhigende Stimme, da wirkt der Text nicht alleine, sondern im interpersonalen Kontext."

Das limbische System und seine Geheimnisse

Auch für Neurowissenschaftler ist Lesen ein ausgesprochen spannendes Forschungsfeld.

"Also Lesen ist der unnatürlichste Vorgang, den wir sprechenden Säugetiere erfinden konnten und er ist wahrscheinlich der komplizierteste mentale Vorgang, den das Hirn hinbekommen hat."

Der Neuropsychologe Arthur Jacobs erforscht mit seinen Kollegen an der Freien Universität Berlin, weshalb Lesen überhaupt Vergnügen bereitet, wie Wörter Spannung, Lust und Schmerz erzeugen. Konkret: Warum fesselt heutige Leser E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann weniger als Harry Potter:

"Weil natürlich uralte Emotionssysteme, durch die Szenen, die in Harry Potter beschrieben sind, angeregt werden, angesprochen werden. Das ist wiederum assoziiert mit neueren Systemen, mit emotionalem Lernen. Das ist ja überhaupt der andere Aspekt, vieles über emotionale, soziale Situationen lernen wir erst über Märchen und Bücher, bevor wir überhaupt in die Real-Life-Situation reinkommen."

Beim flüssigen Lesen zeigt sich eine deutliche Aktivierung des limbischen Systems, das "verantwortlich ist für unser Vermögen, als Reaktion auf eine Lektüre Vergnügen, Entsetzen und Glückseligkeit" zu empfinden.

Schon Ende der achtziger Jahre veröffentlichte der Soziologe Mihaly Csikszentmihalyi unter dem Titel "Flow" eine einflussreiche Studie. Er wollte herausfinden, was Menschen dazu bringt, völlig in Tätigkeiten aufzugehen, die einen hohen Energieaufwand, intensives Engagement erfordern und zugleich kaum äußerliche Anerkennung oder Belohnung versprechen. Er befragte Schachspieler, Kletterer, Tänzer und Künstler, wie der Flow entsteht, um dieses fließende Gefühl möglicherwiese ganz bewusst im Alltag und in der Arbeitswelt einsetzen und somit anspruchslose Tätigkeiten aufwerten zu können. Eine der einfachsten Möglichkeiten, im Alltag systematisch Flow-Erlebnisse zu produzieren, erfuhr der Forscher von den Befragten, ist Lesen:

"Ich gehe sofort im Lesen auf und all die Probleme, die mich bedrängen, verschwinden. Man fühlt sich gut, ruhig, friedlich. Ich fühle mich, als würde ich ganz in die Situation gehören, die im Buch beschrieben wird."

Die Wörter müssen lebendig werden

Damit wir uns ganz und gar in eine Geschichte einfühlen, mit den Figuren mitfiebern und vor lauter Leselust alles um uns herum vergessen, müssen Wörter in unserer Vorstellung lebendig werden.

"Wörter wirken körperlich über die Vorgänge, die sie hervorrufen durch Assoziationen." - Arthur Jacobs erinnert an den Sprachforscher Karl Bühler, der in den 1930er Jahren aus denkpsychologischen Experimenten zum Leseverhalten von Kindern schloss, das Wörter einen "Sphärengeruch" haben:

"Kinder hören Radieschen und auf einmal tut sich diese ganze Welt in ihnen auf, sie sehen rot-weiß als Farben, natürlich nur im Kopf, sie hören das Knacken, vielleicht riechen sie den Erdgeruch. Und mit unseren modernen neurowissenschaftlichen Methoden können wir diese körperliche Wirkung eben auch messbar machen, nachweisen."

Wörter werden wirklich, weil sie körperlich wirken. Bei Verben wie laufen, hämmern, springen werden die gleichen Netzwerke aktiv die auch dafür sorgen, dass die Handlung tatsächlich durchgeführt wird. Auch Siri Hustvedt ist fasziniert von der Frage, wie es sein kann, dass Vorstellungen, Wörter, Ideen physisch spürbare Veränderungen bewirken:

"Ich glaube das ist eine der großen Fragen – die sich auch Freud schon stellte und die heute wieder aktuell ist: wie kann es sein, dass Ideen, Gedanken, Sprache physiologische Veränderungen im Gehirn bewirken, durch die Menschen sich besser fühlen. Ich meine, man weiß, dass durch Gesprächstherapie der Patient anfängt Teile des Gehirns heranzuziehen – der bilaterale präfrontale Cortex – der so genannte Exekutiv-Teil des Gehirns – mit dessen Hilfe man Angst herunter reden kann, man kann Gefühle regulieren und dämpfen. Womöglich passiert genau das – ganz wie beim Placebo-Effekt."

 

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DuMont Buchverlag, Köln 2015
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DuMont, Köln 2015
240 Seiten, 19,99 EUR

Andrea Gerk: "Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur"
Rogner & Bernhard, Berlin 2015
352 Seiten, 22,95 EUR

 

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