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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2011

Bhagwan im blau-weißen Freistaat

Eine ungewöhnliche Komödie und ein ungewöhnlicher Regisseur

Von Bernd Sobolla

Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2007. (AP Archiv)
Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2007. (AP Archiv)

"Mir san mir" drückt das bayerische Selbstbewusstsein aus. Ein Mann mit viel Selbstbewusstsein ist auch der Regisseur Marcus Hausham Rosenmüller. In seinem aktuellen Film "Sommer in Orange" kommt eine Bhagwan-Kommune von Berlin nach Bayern, um dort ein Therapiezentrum aufzubauen.

Filmausschnitt: "Sommer in Orange"
"Habts ihr das Lamurbar-Hof gesehen? / Das seien Teufelsanbeter. / Ja, schlimm! / Was heißt schlimm, das ist a Schand. / Guten Tag! Ich habe nur eine Frage. Wo ist denn hier ein Lebensmittelgeschäft? / Ja, was meinst denn, was das hier ist? Mögst a Wiener? / Nein! Wir sind Vegetarier. Wir essen keine toten Tiere."

"Ein VW-Bus voller Leute mit langen Haaren und ganz in Orange gekleidet fällt 1980 in die bayerische Provinz ein. Um den Hals tragen alle eine Mala – die einem Rosenkranz ähnlich sieht – an der jedoch nicht das Kreuz hängt, sondern der indische Guru Bhagwan. Dass ein solcher Trupp, der sich auch noch vegetarisch ernährt und freie Sexualität zelebriert, für Aufruhr im Dorf sorgt, verwundert nicht. Für Regisseur Marcus H. Rosenmüller die ideale Voraussetzung, ein Stück Zeitgeschichte zu erzählen:

"Das zentrale Thema vom Film ist für mich eigentlich: diese zwei Seelen in jeder Brust. Die eine sagt: Hey, müsste man nicht freier, liberaler, offener, wilder leben. Und die andere, die sagt: Regeln sind gut für mich. Und dort treffen diese zwei Sachen halt glorreich aufeinander."

Tradition und Veränderung, Volkshelden und Fantasie, das sind die Themen, die der 38-jährige Rosenmüller in seinen Filmen miteinander verbindet. Wobei er gern aus der Perspektive von Kindern erzählt. So handelt 2005 sein Debüt-Spielfilm "Wer früher stirbt ist länger tot" von einem Dorfjungen, der glaubt, Schuld am Tod seiner Mutter zu sein und ständig vom Jüngsten Gericht träumt. Bis es ihm schließlich gelingt, unsterblich zu werden – als Rockstar. Rosenmüller, der mit dem Film auch persönliche Erlebnisse verarbeitet, gewinnt dafür mehrere deutsche Filmpreise, darunter den für die beste Regie:

"Ja, also dieses schlechte Gewissen, was man mal gehabt hat. … Na und dann doch, dass ich das mit göttlicher Mithilfe irgendwie kompensiere. Also durch dreimal bekreuzigen vor der Marienstatue, das hat es bei mir genau so gegeben. Vor der irdischen Instanz, die über dir steht, wo du dich immer entschuldigen musst, hat es eigentlich immer eine gegeben, die wichtiger war – die göttliche. ... Also bei mir zumindest."


Anschließend dreht er die Sportlerkomödie "Schwere Jungs", in der zwei bayerische Bob-Teams im Eiskanal der Olympischen Spiele 1952 miteinander konkurrieren. Und 2008 schickt er "Räuber Kneißel" in den Wald. Jener lebte um 1900, rebellierte mit List gegen die Obrigkeiten und avancierte zum Volkshelden. Rosenmüllers Werke sind meist tragikomische Geschichten vor historischem Hintergrund. Das Ganze inszeniert mit Seitenhiebe auf gesellschaftliche Konventionen aller Art. Das gilt auch für "Sommer in Orange".

Filmausschnitt: "Sommer in Orange"
"Lili? / Ja. / Deine Hausaufgabe! Lies vor! / Habe ich nicht. / Wieso nicht? / Ich weiß ja nicht, wie das ist, wo du herkommst. Aber hier in Talbickel haben wir Regeln: 1.) Alle machen ihre Hausaufgaben – und zwar täglich. 2.) Keiner tanzt aus der Reihe. Wir halten uns an unsere Regeln. Das gilt auch für dich. / 1.) Ich komme aus Berlin, und da ist man locker. 2.) Warum soll ich mich anpassen, wenn hier noch Regeln wie im Mittelalter herrschen."

Lili, die 12-jährige Tochter einer Bhagwan-Anhängerin lebt im Zwiespalt: Zuhause in der Sannyasin-WG erfährt sie das wilde, schrankenlose Leben, wo jeder mit jedem schläft, im Garten getanzt und im Wald nach Energiequellen gesucht wird. Allerdings ist der Kühlschrank oft leer und ihre Mutter schon wieder beim nächsten Selbsterfahrungsseminar. Im Dorf dagegen gibt es die Trachtenvereine, Verhaltensregeln und Kleidungsideale. Diesen Zwiespalt und das Bedürfnis, doch irgendwie dazugehören zu wollen, den die Drehbuchautorin Ursula Gruber selbst erlebte, hat Rosenmüller witzig und stimmungsvoll in Szene gesetzt: Während die WG bei der dynamischen Meditation in ekstatisches Schreien verfällt, trommel Lili in der Dorfkapelle, während die Truppe im Garten einen sternförmigen Energiekreis schließt, betet Lili in der Schule das "Vater Unser", Zuhause trägt sie orange, im Dorf den grauen Faltenrock. Zugleich zeigt der Film, dass auch die Freiheit der Sannyasins an ihre Grenzen stößt, zum Beispiel, wenn Lilis Mama mit dem Postboten schläft.

Filmausschnitt: "Sommer in Orange"
"Du hast mit einem aus dem Dorf geschlafen? … Einer aus dem Dorf! Musste das sein? / Geht denn das überhaupt? Also, mal rein energetisch gesehen. Das ist doch der totale Supergau. Ich meine, du hast doch selbst gesagt: Sexualität, das ist Vereinigung auf aller höchstem spirituellen Niveau. … / Jetzt beginnt der spirituelle Verfall. Und das, wo der große Prem Bramana kommt."

Marcus H. Rosenmüller hat eine inspirierende Culture-Clash-Komödie gedreht, ohne sich jedoch in Unterhaltung zu erschöpfen. Die Vernachlässigung der Kinder wird ebenso thematisiert wie die Fantasien der Bhagwan-Jünger und die Engstirnigkeit der Dorfbewohner:

"Und irgendwann fängst du an, das zu hinterfragen. Stimmt das? Ist das mein Weg? … Und dann ist wahrscheinlich dieses Lernen, dieses Erwachsenwerden lernen: Welche Gesetze, welche Regeln sind für mich gut und welche nicht?"

Filmhomepage: Sommer in Orange

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Externe Links:

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