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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.10.2012

Beziehungschaos zwischen Bücherkisten

Neu im Kino: "3 Zimmer/Küche/Bad"

Von Hannelore Heider

Anna Brüggemann als Dina und Alexander Khuon als Michael in einer Szene des Kinofilms "3 Zimmer/Küche/Bad" (picture alliance / dpa / Zorro Film)
Anna Brüggemann als Dina und Alexander Khuon als Michael in einer Szene des Kinofilms "3 Zimmer/Küche/Bad" (picture alliance / dpa / Zorro Film)

Regisseur Dietrich Brüggemann zeigt in dieser "Umzugskomödie" acht Berliner Freunde nebst Anhang, die ihre Wohnungen ebenso häufig wechseln wie ihre Partner. Das Ergebnis ist ein charmantes und mit viel Selbstironie erzähltes Generationenporträt.

Es ist ein riesiger Cast und es sind mindestens neun Geschichten in einem Ensemblefilm, die Regisseur Dietrich Brüggemann zusammen mit seiner Schwester Anna in ein Drehbuch gepackt und als "Umzugskomödie" inszeniert hat. So will er seinen Film über acht Berliner Freunde nebst Anhang selbst gern bezeichnet haben.

In der Tat werden pausenlos Bücherkisten gepackt, Waschmaschinen geschleppt und Autos gemietet, denn die jungen Leuten sind Angehörige der mobilen Generation. Sie wechseln die Studienorte mit wechselnden Lieben und kehren doch irgendwie immer in den vertrauten Schoß der Freundesgemeinschaft zurück. Das klingt wie eine der unzähligen deutschen Beziehungskomödie und ist doch in seinem logischen dramaturgischen Aufbau, unverwechselbaren Charakteren und vielen überraschenden Pointen origineller, als es das Genre sonst zu bieten hat.

Alles beginnt mit dem Auszug von Thomas und Jessica (Robert Gwisdek und Alice Dwyer) aus einer Berliner WG, sodass Philipp (Jacob Maschenz) und Maria (Aylin Tezel) endlich Platz für traute Zweisamkeit hätten. Doch Philipp ist längst in Freundin Dina (Anna Brüggemann) verliebt, was er sich selbst und seiner Freundin erst eingesteht, als er mit ihr um Umzugsauto sitzt, um sie von ihrem Studienort in Süddeutschland nach Berlin zu holen. Ein Paar geht auseinander, das neue Paar aber hat sich längst noch nicht gefunden, denn Dina hat mit Philipp ganz andere Pläne – er soll ihr bester Freund bleiben.

Was dieses noch viele Haken schlagende, in ruhigen Minuten zwischen den Freunden aber auch klug reflektierte Beziehungschaos so charmant und besonders macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieser seelische und auch ganz reale Aufruhr gemeistert wird. Es ist ein Generationsporträt, entworfen von Gleichaltrigen, ohne Larmoyanz mit viel Selbstironie erzählt und mit befreundeten Schauspielern kongenial besetzt.

Dass nicht alle Verwicklungen wirklich zwingend sind und ein paar Schnitte die Anteilnahme leichter gemacht hätten, liegt auf der Hand, denn der Zuschauer fragt sich schon, weshalb Menschen sich das antun. Ein Motiv liegt sicher in der Unfähigkeit der sich so offen gebenden Elterngeneration, glückliche Paarbeziehungen aufzubauen, was die erwachsenen Kinder bei gelegentlichen Besuchen erschreckend erleben.

Doch die Sehnsucht danach ist eine gewaltige Triebfeder und sie wirbelt das Leben zum Glück noch in einem Abschnitt durcheinander, in dem es ohne Tragödien abgeht. So bietet diese "Umzugskomödie" einen fein beobachteten, hoffnungsvoll fröhlichen Kinoabend, den sicher auch Eltern zu genießen wissen, deren Sprösslinge gerade mitten drin sind.

Deutschland 2012; Regie: Dietrich Brüggemann; Darsteller:Jacob Matschenz, Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Alice Dwyer, Katharina Spiering, Aylin Tezel, Alexander Khuron, Amelie Kiefer, Corinna Harfouch, Hans-Heinrich Hardt, Leslie Malton, Herbert Knaup; Länge: 115 Minuten

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