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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.08.2006

Bewerbung als Beruf?

Die Generation Praktikum auf der Suche nach ihrer Zukunft

Von Daniel Dettling

Studierende in einem Hörsaal: Nach dem Examen versuchen viele junge Menschen mit Praktika den Einstieg in den Beruf zu finden.  (AP)
Studierende in einem Hörsaal: Nach dem Examen versuchen viele junge Menschen mit Praktika den Einstieg in den Beruf zu finden. (AP)

"Als wir klein waren, war das Allermeiste sonnenklar, unsere Mutter war die Beste, unser Vater war ein Star. Beide hatten Deutschland mit den eigenen Händen aufgebaut."

So beginnt der Song "Wunderkinder" von Heinz-Rudolf Kunze in den 80er Jahren. Es war eine Zeit ohne Globalisierung, ohne den spürbaren Druck von Demographie, ohne steigende Abgaben und ohne sinkende Beschäftigung.

Die ökonomischen und sozialen Veränderungen haben jetzt auch die Jüngeren erreicht. Im Übergang zu unsicheren Arbeitsverhältnissen sieht der Soziologe Ulrich Beck sogar einen Generationsbruch. Hat die Generation Praktikum bereits verloren, bevor sie überhaupt starten konnte?

Das hängt, wie vieles, vom Blickwinkel des Betrachters und den Maßstäben ab. Gemessen an den Vollzeitjobs, unbefristet und ein Leben lang beim gleichen Arbeitgeber, hatten wir in der Zeit vor den 90er Jahren, als der Niedergang der New Economy und die Globalisierung Deutschland West noch nicht herausforderten, das Paradies auf Erden. Vater war der Beste, Mutti zuhause und die Generation Praktikum hieß damals noch "Null Bock".

Heute sind die öffentlichen Kassen leer und die Armut nimmt zu. Deutschland gibt sechsmal mehr für Rente und das Verwalten der Arbeitslosigkeit aus als für Bildung und Forschung. Die Zukunft spielt woanders. Inzwischen wandern selbst Hartz-IV-Empfänger aus und suchen ihr Glück im Ausland.

Warum steigt die nächste Generation nicht auf die Barrikaden und streikt wie die französische Jugend? Warum sammeln sich die 30jährigen nicht und gründen eine "Reformpartei"? Der Glaube an die großen Ideen und Visionen ist den Jungen abhanden gekommen. Das kann auch eine Chance sein.

Früher war erfolgreich, wer Arbeit hatte oder einen Mann, der Arbeit hatte. Diese einfache Gleichung geht heute nicht mehr auf. Das Leben hat sich pluralisiert und gleichzeitig individualisiert. Die Monogamie des Berufslebens gibt es nicht mehr für die unter 40-Jährigen. Arbeit ist heute auch Bewerbung, Bildung, Engagement und natürlich Familie. Die Jüngeren im Osten Deutschlands haben dies früher begriffen als ihre Altersgenossen im Westen.

"Generation Patchwork" trifft es besser als "Generation Praktikum". Das Leben als Puzzle. Gute Zeiten für Berufsberater und Partneragenturen. Nicht die unsichere Arbeitsmarktsituation ist es, die die Jungen von der Familiengründung abhält. Es ist der fehlende Partner. Der muss heute ebenso perfekt sein wie der nächste Arbeitgeber. Die Erwartungen steigen mit den Chancen. Deutschland ist eine Multioptionsgesellschaft geworden. Was aber, wenn die Chancen niemand ergreift?

Die Älteren, die noch nicht früh verrentet sind, befinden sich in der "inneren Kündigung". Die Wenigsten gehen motiviert und engagiert zur Arbeit. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens und macht inzwischen einen Bundeshaushalt aus, mehr als 200 Milliarden Euro. Wenn man all die Unmotivierten abfindet oder entlässt, wäre das Thema "Praktikum" ein für alle Mal passé.

Nicht die Generation Praktikum, sondern die privilegierte Generation ist das Problem. Ihre Privilegien heißen Kündigungsschutz, Beamtenstatus, Bezahlung nach Dienstalter, Ehegattensplitting und staatlich garantierter Lebensstandard. Ihr ancien regime ist der real existierende Sozialstaat á la Bismarck.

Was diese Generation braucht ist nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Freiheit und mehr Leistungsgerechtigkeit. Die Generation Patchwork will und wird mehr, aber anders arbeiten. Beruf und Familie sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten einer Medaille. Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit ist aus der Balance. "Alle Sicherheit den Alten und Männern und alle Freiheiten den Jungen und Frauen" ist ein schlechter Generationenvertrag. Die jungen, gut ausgebildeten Frauen verzichten dann lieber - auf die Kinder und nicht auf den Beruf. Die jungen, schlecht ausgebildeten Männer verzichten auf beides.

Überfällig ist daher eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Risiken und Chancen, Unsicherheiten und Garantien neu verteilt. 35 Stunden Woche? Für erziehende Eltern ja, für alle nein. Die Rente ist sicher? Ja, für die mit Kindern. Für Kinderlose reicht die Hälfte. Unbefristete Arbeitsverträge? Bekommt, wer sich für Beruf und (!) Familie entscheidet.

Die Jüngeren werden bald sagen müssen, was bleiben soll von der angeblich guten alten Zeit. Zurück in diese wollen die Wenigsten von ihnen. Das ist am Ende eine gute Nachricht.



Der Jurist und Politikwissenschaftler Daniel Dettling, Jg. 1971, ist als selbständiger Politikberater. Er leitet berlinpolis, einer Institution, die Ideen für Politik, Wissenschaft und Wirtschaft entwickeln will. Zu seinen Themen gehören Fragen der Sozial- und Wirtschaftspolitik und das Verhältnis zwischen den Generationen. Veröffentlichungen als Buchautor, u. a. "Marke D – Das Projekt der nächsten Generation", "Weißbuch Bildung. Für ein dynamisches Deutschland".

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