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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.10.2008

Beweglich bleiben

Das Festival "Herzrasen" bringt in Hamburg die Generation 60plus auf die Bühne

Von Elske Brault

Den Alten eine Bühne geben - das machte das Festival "Herzrasen" der Körberstiftung und des Deutschen Schauspielhauses bereits zum zweiten Mal in Hamburg. Vier Tage lang gab es Gastspiele, Eigenproduktionen und Workshops. Zum Abschluss standen 18 Menschen zwischen 60 und 92 zur Uraufführung auf der Bühne und spielten "Die Kümmerer".

"Sind lauter aktive Menschen, die bei uns auf der Bühne stehen, die sich ganz simpel um irgendwas kümmern. Letztendlich sind 95 Prozent oder 90 Prozent des Textes O-Töne, die nur in eine Reihenfolge gesetzt wurden. Also, die Texte wurden gar nicht umgeschrieben für die Darsteller, sondern das haben sie wirklich alles selber erzählt, das sind ihre eigenen Geschichten."

So erklärt Regisseur Markus Heinzelmann das dramaturgische Konzept seines Dokumentartheaterabends. Die "Kümmerer" machen im Alter das, wofür sie während ihres Berufslebens keine Zeit hatten: Eine freundliche Löckchen-Oma überträgt in Sütterlin geschriebene Texte in moderne deutsche Schrift. Der Gründer der ersten Schwulensauna in Norddeutschland sorgt dafür, dass in Hamburg Stolpersteine verlegt werden für homosexuelle Opfer des Naziregimes. Ein ehemaliger Berufsschullehrer betreut Bildungsnetzwerke im Internet, weil er in seiner Jugend als eines von elf Kindern nicht die Möglichkeit hatte, seinen geistigen Interessen zu folgen.

"Meine schmächtige Gestalt, mein Interesse für die schönen, aber brotlosen Künste: Im Blick meines Vaters nicht recht gerüstet für einen die Existenz sichernden Lebenskampf. Geh' du man zum Zoll - o nein! - Etwas Kreatives heute unter gestaltenden Berufen zu finden, das wär’s wohl gewesen. Aber Berufsinformation? Zu der Zeit? Fehlanzeige!"

Das Problem dieses Theaterabends ist, dass die Laien ihren eigenen Text auswendig lernen mussten. So war es bereits bei dem Vorgängerprojekt nach gleichem Strickmuster, Jacqueline Kornmüllers "Rosi, das hast du gut gemacht". Die Darsteller werden, wie Theaterkritikerin Sophia Stepf es einmal formulierte, zu "schlechten Imitatoren ihrer selbst" - doch Regisseur Markus Heinzelmann findet es wichtig, dass sie selbst ihre Vorbildfunktion ausüben.

"Es geht ja nicht darum, jetzt in erster Linie Literatur auf die Bühne zu bringen, sondern es geht darum zu zeigen, dass es eine ganze Menge Leute bei diesem Projekt auf der Bühne gibt, die ihr Leben einfach auch nach 60 oder mit 70, 80, 90 in die Hand nehmen und aktiv was tun."

So war die Stimmung im Schauspielhaus stellenweise wie an Heiligabend, wenn der Enkel das Gedicht vom lieben guten Weihnachtsmann runterleiert und keiner aus der Familie ihn für den schlechten Vortrag zu schelten wagt. Wie gern hätte man diese 18 Menschen in einer locker moderierten Runde spontan erzählen gehört.

Als Theaterabend geben "Die Kümmerer" weit weniger her, zumal in dem einer Stammkneipe nachempfundenen Bühnenbild die wesentliche Gruppenaktion darin besteht, miteinander zu tanzen. Merke: Der Standardtanz ist Markenzeichen der Älteren, den können die Jungen nicht mehr.

Auch im Gastspiel des Schauspiels Frankfurt "Ich bin nur vorübergehend hier" lässt Regisseur Alexander Brill seine Alten tanzen. Auch sie sind Laien, doch Brill holt überraschend viel aus ihnen heraus. Die für Dilettanten typische theatrale Übertreibung nutzt er so geschickt, dass viele komische Situationen und ironische Brechungen entstehen.

Und es ist erstaunlich, wie genau der Text des 82-jährigen Tankred Dorst auf die Laien-Darsteller passt. Mit zahlreichen Gastspielen von Laientruppen will das "Herzrasen"-Festival dazu verführen, selbst Theater zu machen. Womöglich ohnehin heimliche Sehnsucht vieler Rentner.

"Jahrelang, jahrzehntelang saß ich da unten, immer unten. Nie durfte ich im Rampenlicht auf der Bühne stehen. Irgendwann führe ich Regie und mache einen ganz tollen Theaterabend."

Diese charmante Produktion des Tübinger Frauentheaters Purpur über eine Souffleuse, die im Ruhestand zu Hochform aufläuft, erfüllte ideal die Mutmacherfunktion. Die acht Frauen sind keine großen Schauspielerinnen, haben aber gemeinsam mit viel Witz eine Geschichte entwickelt, bei der jede ihre Persönlichkeit zur Geltung bringen kann.

Das funktioniert gut an einem kleinen Spielort wie dem Oberrangfoyer, wo die Tübinger vor 50 Leuten aufgetreten sind. An größeren Spielorten sind Laien schnell überfordert. Da wird das Herzrasen-Festival zwischen seinen zwei Anforderungen aufgerieben, Laien spielen zu lassen und Alter zu thematisieren. Denn das gelingt dann doch den Profis am besten.

Die Choreographin Heike Hennig hat fünf junge Tänzerinnen und Tänzer mit vier alten, ausgedienten Profis kombiniert. Darunter ein buckliges Fräulein von 81 Jahren, die Tanzpädagogin Ursula Cain. Die jungen zelebrieren ihre artistische Beweglichkeit. Aber als Ursula Cain und ihr 65-jähriger Partner Horst Dittmann einen Pas de Deux tanzen, schaut man nur auf sie, obwohl ein junges Paar im Hintergrund dieselben Bewegungen ausführt, natürlich weitaus geschmeidiger.

Immer wieder muss der kräftige Dittmann seine kleine rundrückige Partnerin zu schwierigsten Hebefiguren in die Höhe stemmen, und das Publikum hält den Atem an: Wenn er sie nur nicht zerbricht!

Zugleich lassen sich in die gemeinsamen Tanzszenen von Alten und Jungen so viele Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Eltern, so viel Konflikt, aber auch großartiges Zusammenwirken der Generationen hineinsehen, dass mir in diesem Gastspiel aus Leipzig schlichtweg ständig die Tränen übers Gesicht liefen. Und den anderen im Publikum ging es scheinbar ähnlich: Minutenlange Standing Ovations mit Bravorufen und Fußgetrampel ließen den Malersaal erzittern.

Wenn das Herzrasen-Festival eine Botschaft hat, dann diese: Es geht darum, beweglich zu bleiben, körperlich wie geistig. Demenz als Schicksal thematisierten zwar auch zwei Stücke des Festivals. Aber die übrigen wandten sich an jene große Mehrheit von Senioren, die auch im Alter noch ziemlich fit sind, und die forderten sie auf: "Macht was draus, engagiert euch, zeigt euch". Der nur sein Geld verprassende Bierbauch-Renter auf Mallorca kam nicht vor - er taugt nicht zur Bühnenfigur.

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