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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 20.03.2011

Bestrahlte Lebensmittel

Wie unser Essen mit Atomtechnik in Berührung kommt

Von Udo Pollmer

Länger haltbar durch die Strahlenkanone: Obst. (Stock.XCHNG / Hector Sosa)
Länger haltbar durch die Strahlenkanone: Obst. (Stock.XCHNG / Hector Sosa)

Die Atomtechnik dient mitnichten nur der Gewinnung von Energie für die Stromversorgung und von Plutonium für Atombomben. Sie spielt auch eine kleine aber feine Rolle bei der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln.

Nur ungern wird heute in der Öffentlichkeit über die Nutzung von Radioaktivität zur Produktion von Lebensmitteln gesprochen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, dass Lebensmittel radioaktiv werden und strahlen könnten, sondern um die Nutzung von Radionukliden in der Produktionskette.

Am bekanntesten ist noch die Lebensmittelbestrahlung. Dabei werden Produkte, angefangen von Früchten über Gewürze bis hin zu Fertiggerichten in Spezialbetrieben mit der Strahlenkanone behandelt. Bei Pfeffer oder Fertigmenüs geht es um die Haltbarmachung. Die Strahlung zerstört Leben, folglich lassen sich mit einer ausreichend hohen Dosis Parasiten und Keime zuverlässig abtöten. Bei Früchten soll vor allem die Reifung verzögert werden. Unreif geerntetes Obst wird soweit in seiner Biochemie gestört, dass es zwei, drei Wochen länger dauert, bis der Reifungsvorgang wieder in geordneten Bahnen läuft. Der Zeitgewinn erlaubt es, den Transport vom Flugzeug auf das langsamere Schiff zu verlagern.

Natürlich muss bestrahlte Ware deklariert werden; aber ich vermute mal, dass Sie noch nie ein solches Etikett gesehen haben. Der Grund: Bestrahlt wird nur das, was später nicht deklariert werden muss – wie Gewürze für Zutaten von Fertiggerichten. Oder die Deklaration wird einfach "vergessen". Als Strahlenquelle dient entweder ein Elektronenbeschleuniger, der vor allem oberflächlich wirkt und beispielsweise zum Sterilisieren von Verpackungen genutzt wird. Oder man gewinnt aus alten Brennstäben Cäsium 137. Cobalt 60 wiederum wird im Neutronenfluss des Reaktors erzeugt. Das "Lehrbuch der Lebensmittelchemie" vermeldete 1974 noch stolz: "Schließlich soll damit der Verwertung und Energienutzung radioaktiver Abfallprodukte aus Atomreaktoren ein neuer Weg gewiesen werden."

Auch in den Lebensmittelbetrieben selbst gibt es Geräte, die letztlich mit Atommüll arbeiten. Zur Füllhöhenkontrolle werden Bierflaschen, Saftkartons oder Kondensmilchdosen oben mit Gammastrahlen durchleuchtet. Säuft die Strahlung auf ihrem Weg zur anderen Seite der Verpackung im Produkt ab, dann sind die Gefäße ordentlich befüllt. Wenn nicht, werden sie aussortiert. Inzwischen gibt es andere technische Lösungen – aber die alten Geräte werden noch heute der Lebensmittelwirtschaft angeboten. Der Strahler, der da verwendet wird, ist Americium 241. Es entsteht aus Plutonium. Ein Beispiel für die Gedankenlosigkeit im Umgang mit fragwürdigen Materialien.

Doch der Einsatz der Atomtechnik ist viel breiter. Ohne sie wäre unser heutiges Angebot an Getreide – also Brot, Bier oder Nudeln – aber auch an Obst und Gemüse undenkbar. Jahrzehntelang wurde das Saatgut im Rahmen der Mutationszüchtung bestrahlt – und das sowohl in Forschungsreaktoren als auch direkt in den Atomkraftwerken. Es gibt wohl kein pflanzliches Lebensmittel, das nicht künstliche Gene von der Kernkraft im Erbgut trägt. Diese Methode gewinnt heute wieder an Bedeutung, obwohl sie die Freisetzung einer riesigen Zahl von künstlichen Mutanten erfordert. Aber sie gilt als Alternative zur Gentechnik. Ein Verzicht auf Gentechnik bedeutet in der Praxis auf der ganzen Welt die verstärkte Nutzung der Atomzüchtung. Entweder – oder!

Selbst im Biolandbau spielt die Radioaktivität eine wichtige Rolle. Mit der Strahlenkanone werden in den Bti-Präparaten, das sind unverzichtbare Mittel zur biologischen Schädlingsbekämpfung, die Sporen abgetötet. Das dient dem Schutz von Verbraucher und Umwelt.

Wir sehen: Risikoeinschätzungen – egal ob durch die Fachwelt oder die Öffentlichkeit – sind stets von der Zeit geprägt, in der sie vorgenommen werden. Auch Experten sind nicht unfehlbar und - nicht unverwundbar: Wenn es kracht, werden sie in Japan diesmal die Suppe mit auslöffeln müssen, die sie ihren Mitbürgern eingebrockt haben. Mahlzeit!

Literatur:
Schormüller J: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. Springer, Berlin 1974
Kapfelsperger E, Pollmer U: Iß und stirb. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1982
Van Harten AM: Mutation Breeding. Cambridge University Press, Cambridge 1998
Kaiser-Alexnat R: Biologischer Pflanzenschutz: Bacillus thuringiensis. Julius-Kühn-Institut 2008
Wehner G: Strahlenbelastung durch industrielle Anwendungen und Industrieprodukte. In: Schweizerische Vereinigung für Atomenergie: Allgemeine Strahlenbelastung des modernen Menschen. Zürich-Oerlikon 1973, S.29-44
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